01.12.2021 - 11:48 Uhr
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SPD Oberpfalz: Schindler hört nach 21 Jahren an der Spitze auf

An der Spitze der Oberpfälzer SPD steht ein Wechsel an: Franz Schindler verabschiedet sich nach 21 Jahren als Bezirksvorsitzender. Ihm soll ein Zweier-Gespann aus Ismail Ertug und Carolin Wagner nachfolgen.

Eine Zeit mit Höhen und Tiefen: Franz Schindler hört nach 21 Jahren an der Spitze der Oberpfälzer SPD auf.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Eigentlich hätten die Neuwahlen bereits beim jüngsten Parteitag der Oberpfälzer SPD am Samstag über die Bühne gehen sollen. Doch Corona sorgte dafür, dass das Treffen nur virtuell und ohne Neuwahlen stattfand. Als neuer Termin für die Wahl ist der 29. Januar 2022 ins Auge gefasst. Franz Schindlers Amtszeit wird damit nochmal um zwei Monate verlängert.

21 Jahre lang war das Schwandorfer SPD-Urgestein Bezirksvorsitzender der Genossen – und erlebte Höhen und Tiefen. Zu dem Amt kam er im Jahr 2000 einigermaßen überraschend, weil sein Vorgänger Albert Schmid Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg wurde und den SPD-Bezirksvorsitz vorzeitig abgab. So sei er als „langhaariger kleiner Abgeordneter“ in große Fußstapfen getreten. Nicht jeder habe ihm das zugetraut, erzählt Schindler.

Damals war Gerhard Schröder noch Kanzler, er führte die rot-grüne Bundesregierung an. Doch es folgten „schwierige Jahre“ für die SPD mit harten Auseinandersetzungen um die Hartz-IV-Beschlüsse und der Abspaltung des Lafontaine-Lagers, sagt Schindler. „Das war ein erheblicher Aderlass bei den Mitgliedern auch in der Oberpfalz.“ Und es wurde noch schlimmer: Die Partei musste auf Bundes- und Landesebene herbe Wahlniederlagen einstecken, in Bayern war das Ergebnis bei den Landtagswahlen 2018 einstellig.

Geschrumpfte Oberpfälzer SPD

Umso mehr freut sich Schindler, dass er den Bezirksvorsitz in einer Zeit übergeben kann, in der die SPD auf Bundesebene wieder stärkste Kraft ist. Den designierten Kanzler Olaf Scholz kennt er noch von früheren Juso-Bundeskongressen. Schindler betont: Aktuell kommen drei SPD-Bundestagsabgeordnete aus der Oberpfalz. „Da sind andere Bezirke neidisch auf uns.“ Mit Ismail Ertug verfügt der Bezirk zudem über einen von nur zwei SPD-Europa-Abgeordneten in Bayern. Und: Die SPD stellt genauso viele Oberbürgermeister in der Oberpfalz wie die CSU – nämlich zwei, in Regensburg und Weiden.

Etwas unter 7000 Mitglieder hat die SPD im Bezirk derzeit. In den Hochzeiten in den 90er-Jahren waren es 13.000. Aktuell gebe es „erstaunlich viele Neueintritte, darunter relativ viele junge Leute“, sagt Schindler. Allerdings könnten die Neueintritte die natürlichen Abgänge durch Sterbefälle nicht ausgleichen. Bezeichnend für die Oberpfälzer SPD sei, dass viele Mitglieder in den 80er-Jahren im Widerstand gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf aktiv waren, sagt der 65-Jährige. Und: „Wir haben immer versucht, die linke Flanke in der SPD zu stärken.“

"Es reicht"

Warum er jetzt abtritt? „Nach 21 Jahren kann man sagen, es reicht“, findet der Jurist, der von 1990 bis 2018 Landtagsabgeordneter war. Außerdem sei es vernünftig, dass an dieser Stelle ein Mandatsträger sitzt. „Man ist dann stärker vernetzt.“ Wenn die Bundestagsabgeordnete Carolin Wagner aus Regensburg und der Europa-Abgeordnete Ismail Ertug aus Amberg, die als Doppelspitze kandidieren, künftig die Oberpfälzer SPD anführen, würden die Fäden sogar doppelt bis nach Berlin und Brüssel führen.

Tipps möchte Schindler seinen potenziellen Nachfolgern keine geben. Beide seien lange genug in der Politik, „um die Partei mit all ihren Vor- und Nachteilen zu kennen“. Wagner hat sich bereits seit 2018 als Oberpfälzer SPD-Co-Vorsitzende an der Seite von Schindler bewiesen. Die 38-Jährige leitete bis vor kurzem die Studien- und Karriereberatung an der OTH Amberg-Weiden, seit diesem Herbst ist sie SPD-Bundestagsabgeordnete in Berlin.

Neben Wagner will künftig Europa-Abgeordneter Ismail Ertug die Oberpfälzer SPD anführen. „Ich traue mir das Amt zu“, sagt der 45-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung. Er sei bereits 16 Jahre lang stellvertretender Bezirksvorsitzender und in der SPD gut vernetzt. Politisch ist es ihm wichtig, zwischen Bundes- und Europaebene Synergien zu heben, denn: „Europa kam in der Vergangenheit zu selten vor.“ Das müsse sich ändern, denn in Brüssel würden große Zukunftsthemen wie Umwelt oder Migration entschieden.

"Kein Wochenende in Brüssel"

Die Frage, ob er als Europa-Abgeordneter zu weit entfernt von der Oberpfalz sein könnte, verneint Ertug entschieden. „Die Oberpfalz ist meine Heimat, ich habe noch kein einziges Wochenende in Brüssel verbracht.“ Entscheidend sei es, die „große Politik“ auf die Oberpfalz umzumünzen. So müsse gerade in der exportorientierten Oberpfalz mit ihren vielen Automobilzulieferern das Augenmerk darauf liegen, die Wirtschaft so zu transformieren, dass Unternehmen und Arbeitnehmer in diesem Prozess mitgenommen werden.

Im Falle seiner Wahl freue er sich darüber, in einem jungen Führungsteam mit Carolin Wagner zusammenzuarbeiten, sagt Ertug. Der Oberpfälzer SPD-Bezirksverband sei in der Vergangenheit stets kritisch, aber auch loyal gewesen – so solle es auch bleiben. Wichtig sei es, unterschiedliche Meinungen auszuhalten und die jungen Mitglieder mitzunehmen. „Wir wollen richtig Gas geben.“

So war der digitale Parteitag der SPD Oberpfalz mit Kevin Kühnert

Regenstauf
Hintergrund :

Zu den Personen

  • Franz Schindler aus Schwandorf tritt nach 21 Jahren nicht mehr als Bezirksvorsitzender an. Der frühere Landtagsabgeordnete (65) will Platz für Jüngere machen.
  • Carolin Wagner aus Regensburg fungiert bereits seit 2018 als Co-Bezirksvorsitzende neben Schindler. Die Bundestagsabgeordnete (38) will die Oberpfälzer SPD weiterhin anführen, in einer Doppelspitze zusammen mit Ismail Ertug.
  • Neu im Führungsduo wird im Falle seiner Wahl Ismail Ertug, Europa-Abgeordneter aus Amberg sein. Der 45-Jährige ist bereits seit 16 Jahren stellvertretender Bezirksvorsitzender.
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