13.03.2019 - 18:55 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

„Ich spiele nicht mit Menschenleben“

Im Interview mit Oberpfalz-Medien ergänzt Autorin Verena Brunschweiger ihre Haltung zu Kinder und Klimaschutz, Überbevölkerung, Umweltzerstörung und einem selbstbestimmten Leben als Frau.

Die Regensburger Autorin Verena Brunschweiger, hat mit ihrer Haltung zu einem bewussten Leben ohne Kinder - etwa aus ökologischen Gründen - eine heftige Debatte entfacht.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Debatte über Verena Brunschweigers Thesen

Regensburg

ONETZ: Frau Brunschweiger, nehmen wir an, Deutschland stellt das Kinderkriegen komplett ein, Sie haben, eine Wunschbevölkerungszahl von 38 Millionen formuliert. Das wären dann zunehmend alte Deutsche. Hierzulande wird aber ohnehin schon händeringend nach Nachwuchs in allen Bereichen gesucht. Würde das nicht in einem anderen Sinn Sarrazin Recht geben, dass sich Deutschland abschafft, langfristig auch der Rest der Welt?

Verena Brunschweiger: Wir produzieren immer mehr mit immer weniger Arbeitskräften. Tendenz steigend. Wenn wir unseren Wohlstand gerecht verteilen, fehlt es uns selbst mit weniger Nachwuchs an nichts. Wenn zum Beispiel dem Handwerk der Nachwuchs fehlt, liegt das eher an der Erziehung und dem Bildungswesen, die hier nicht ihre Pflichten erfüllen. Mehr Kinder lösen dieses Problem nicht. Übrigens gab es die längste Zeit unserer Menschheitsgeschichte weltweit nicht mehr Menschen als die idealen 38 Millionen Deutschen und unsere Spezies ist nicht ausgestorben. Ganz Amerika wurde ursprünglich nach einer neueren Studie nur durch weniger als 100 Menschen bevölkert. Die Befürchtungen, wir würden uns abschaffen, werden zurecht nur von rechtsextremen Gruppierungen ernst genommen.

ONETZ: Den größten Bevölkerungszuwachs gibt es in ärmeren Ländern. Die Vorstellung, man würde als Teil der Wohlstandsgesellschaft, die den größten Teil der Ressourcen verbraucht, diesen Ländern die Fortpflanzung untersagen, wäre an postkolonialistischem Rassismus kaum zu überbieten. Alternativ kann man weiter darauf hoffen, dass Bildung, Wohlstand und kluge Frauen den Trend wie in Europa umkehren.

Verena Brunschweiger: Wenn ich den Verbrauch eines Deutschen mit dem von 30 Afrikanern vergleiche, mahne ich genau diesen zugrunde liegenden Rassismus und Postkolonialismus an. Ich gehe sogar noch weiter – der Kolonialismus hat lediglich seine Form gewandelt, statt die Regierung selbst zu stellen, tauschen wir mit den jeweiligen Machthabern Rohstoffe gegen Waffen.

ONETZ: Die Geburtenrate global zu steuern, dürfte politisch kaum machbar sein. Ist es nicht zutiefst deprimierend, Opfer zu bringen – wie den Verzicht auf Kinder – und zu wissen, dass es nichts bewirkt?

Verena Brunschweiger: Wie ich auch schreibe, ist es kein Opfer. Kinderfreiheit hat viele Vorteile. Bessere Gesundheit und mehr Freizeit sind nur zwei davon. Meinem Kind erspare ich neben dem zahlreichen Leid, das zum Leben dazu gehört, gleich zusätzlich das „Schicksal“ dieser Erde, wie auch immer das aussehen wird.

Das Cover des Buches «Kinderfrei statt kinderlos - ein Manifest» von Verena Brunschweiger. Die Autorin hat mit ihrer Haltung zu einem bewussten Leben ohne Kinder - etwa aus ökologischen Gründen - eine heftige Debatte entfacht.

ONETZ: Ist es nicht auch etwas kontraproduktiv zu sagen, auf die Flugreise, aufs Auto, auf den Geschirrspüler zu verzichten (was Sie alles auch machen), das bringt alles nichts in Relation zu der großen Einsparung namens Kind – wenn es nichts bringt, kann ich es auch bleiben lassen.

Verena Brunschweiger: Diesen Eindruck wollte ich auf keinen Fall wecken. Jeder Beitrag zählt. Aber der größte Umweltfaktor ist immer noch der Mensch selbst. Wenn jeder genauso leben würde wie wir, bräuchte es mehr als drei Erden, das funktioniert nicht. Entweder wir reduzieren unseren Verbrauch in der westlichen Welt um mehr als zwei Drittel und limitieren die Entwicklung der aufstrebenden Nationen oder wir lassen die Anzahl der Menschen auf ein verträglicheres Maß schrumpfen. Die andere Alternative sind Extrem-Klimawandel, Kriege, Hungersnöte, Seuchen etc. Im Guardian war kürzlich zu lesen, dass wir 2040 auch in Europa „social unrest“ aufgrund von Ressourcenknappheit haben werden!

ONETZ: In der Weltgeschichte gab es immer wieder einmal die ganz großen, vielleicht sogar gut gemeinten Verbesserungsprojekte: Die Kollektivierung in der SU, die Kulturrevolution und die Ein-Kind-Politik – alles in allem hatten solche Programme meist verhereende Folgen. Sehen Sie nicht auch die Gefahr, dass weniger humanistisch veranlagte Akteure als Sie es sind, die Reduzierung des Menschen auf seinen ökologischen Fußabdruck weiterspinnen und von ihnen definierte Menschengruppen für klimaschädlich und damit lebensunwert erklären?

Verena Brunschweiger: Abgesehen davon, dass nicht die genannten Programme verheerende Folgen hatten, sondern alles Negative daran in der Tatsache begründet liegt, dass die Aktionen nicht in „echten“ Demokratien durchgeführt wurden… Ich kann zum Beispiel in China keine sich anbahnende Katastrophe erkennen, die mit der Ein-Kind-Politik zu tun gehabt haben soll. Ihre weniger humanistischen Akteure werden es überhaupt schwer haben, den ökologischen Fußabdruck bestimmten Menschengruppen anzulasten, da man sich selbst in der Hand hat und jeder Mensch einen hinterlässt. Ohne Geld und Macht wird es jedoch jede Bewegung schwer haben – sind doch gerade die reichsten 10 Prozent die größten Umweltsünder – sie fliegen am meisten, fahren teure Autos, konsumieren mehr …

ONETZ: Ist es nicht genauso legitim und nicht weniger erfolgversprechend darauf zu setzen, dass ein politischer, gesellschaftlicher, wissenschaftlicher Kraftakt möglich ist, der bei moderatem Bevölkerungswachstum Wirtschaft und Umwelt in Einklang bringt? Eine positive gegen eine negative Utopie?

Verena Brunschweiger: Das ist mathematischer Unsinn. Egal wie klein der „moderate“ Bevölkerungswachstum ist, irgendwann ist Schluss. Es sei denn … und das ist die Wette, die wir gerade am Laufen haben … wir schaffen die Kurve. Ihre „positive“ Utopie besagt, dass es uns rechtzeitig gelingt, auf 100 Prozent erneuerbare Energien umzusteigen, die Nahrungsversorgung nachhaltig zu gestalten, das Sonnensystem und das dazu notwendigerweise unendliche Universum schnell genug zu besiedeln, um das ewige Wachstum am Laufen zu halten. Mal abgesehen davon, dass wir jede dieser Wetten bisher verloren haben, denken Sie nur an die Osterinsel – spiele ich nicht mit Menschenleben.

ONETZ: Sie verfügen mit Sicherheit über genügend Lebenserfahrung, um zu wissen, dass sich für Familien mit Kindern genau so viele Nachteile konstruieren lassen wie für Kinderlose – Kinder einzupreisen ist gar nicht so einfach, und da ist der Faktor Zeit noch nicht enthalten. Ist die These ernst gemeint oder eine Umdrehung der Provokation, Kinderlose seien Egoisten?

Verena Brunschweiger: Meine Motive, kinderfrei zu leben, sind nicht egoistisch. Wer dagegen Kinder in die Welt setzt, obwohl nicht nur ihm selbst, sondern dadurch auch dem Kind Armut und Nachteile drohen, der tut das nicht zum Wohl seines Nachwuchses. Für die Umwelt ist es zusätzlich schädlich. Wofür tut man es dann? Egoismus ist ein Grund. Der biologistische Wunsch, seine eigenen Gene weiterzugeben ist ebenso frei von Altruismus. Bleibt Gehorsam gegenüber der Gemeinschaft, der man ein Kind schenkt – dem Führer ein Kind – hatten wir das nicht schon mal? Jetzt schenkt man halt der Wirtschaft einen neuen Konsumenten. Die meisten Frauen reflektieren nicht, denn in Deutschland ist das Gebären Teil der Normalbiographie. Deswegen erhalten wir kinderfreien (und kinderlosen) Frauen gerade die schiefen Blicke, die mich mitunter bewogen haben, das Buch zu schreiben.

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