13.03.2019 - 17:26 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Kinder als Klima-Killer

"Kinderfrei statt kinderlos - ein Manifest" heißt das Buch der Regensburger Lehrerin Verena Brunschweiger, die derzeit durch alle Talkshows gereicht wird. Eine zentrale These: Kinder sind Klima-Killer. Ein Umwelttechniker der OTH widerspricht vehement.

Die Regensburger Lehrerin und Autorin Verena Brunschweiger in einer Talkshow.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Kommentar zu Brunschweigers Thesen

Regensburg

Der nächste Alarm schrillt durch Deutschlands Medienlandschaft: Eine Feministin erklärt Eltern zu den größtmöglichen Klima-Sündern. Demnach könne man jährlich 58,6 Tonnen CO2 einsparen, "wenn wir nur ein Kind weniger in die Welt setzen". Die 38-Jährige Brunschweiger selbst will keine Kinder - sich selbst und der Umwelt zu Liebe. Bereits existierende Kinder wie ihre Schüler möge sie aber durchaus. Zudem ärgert sich die Rezipientin amerikanischer Klima-Studien, dass sie sich als Kinderlose oft verteidigen müsse: "Kinderfreie Frauen müssen von ihrem schlechten Ruf befreit werden." Schließlich wüssten viele nicht, "welche Belastung es für das Klima bedeutet, wenn wir so massig neue Leute produzieren".

"Kinder als Klimakiller", findet Professor Dr. Peter Kurzweil, Umweltanalytiker der Technischen Hochschule Amberg-Weiden (OTH), "ein fragwürdiges Argument." Zweifellos atme der Mensch je nach körperlicher Anstrengung 4 bis 50 Liter Luft pro Minute ein und aus. Bei einem CO2-Gehalt von 4 Prozent setze die Lunge im Mittel einen Liter CO2 je Minute frei - grob zwei Gramm pro Minute oder eine Tonne CO2 pro Lebensjahr. So viel zu den nackten Zahlen, die Brunschweiger US-Studien entnommen hat. "Um Faktoren größer wiegt jedoch der CO2-Ausstoß durch Heizen, Kochen, Herstellen von Konsumgütern, Abfallentsorgung, Verkehr und Flugreisen", stellt Kurzweil die Aussage in ein Verhältnis. "Steigende Wohlstandsansprüche verschärfen das CO2-Problem." Verzichten müssten folglich die Ungeborenen, weil alle, die schon da sind, auf ihrem Besitzstand beharren.

Geburtenrückgang in der EU

Interview mit Autorin Verena Brunschweiger

Regensburg

Die These der Studienrätin (Deutsch, Englisch, Ethik) am Albrecht-Altdorfer-Gymnasium habe weitere Schwächen: Die Gesamtzahl der Babys in der Europäischen Union sank ohnehin von 5,14 Millionen im Jahr 2016 auf 5,07 Millionen in 2017 - ein Schnitt von 1,59 Geburten pro Frau, in Deutschland sogar noch knapp darunter. "Seit dem Pillenknick der 1970er Jahre ist die Geburtenzahl in Deutschland rückläufig", sagt auch Professor Kurzweil. "Die Einwohnerzahl stagniert um 82 Millionen und soll Prognosen des Statistischen Bundesamtes zufolge bis 2050 eher schrumpfen als zunehmen."

Problematisch sei deshalb die Altersstruktur der Bevölkerung, sprich die bekannte demografische Formel, nach der immer weniger Junge für immer mehr Alte sorgen müssen. "Das Land braucht einkommensstarke Nachkommen und ausdauernde Innovationsstärke", fordert Kurzweil. Die Grenzen des Wachstums seien dennoch offensichtlich. "Noch mehr Autos kann man kaum in die Straßen packen."

Dazu kommt der Nord-Süd-Konflikt: In der Regel haben Entwicklungsländer die höchsten Geburtenraten - hätte der Kinder-Verzicht in den Wohlfahrtstaaten überhaupt rechnerischen Einfluss? "Das 21. Jahrhundert strengt Verteilungskriege an", erklärt Kurzweil. "Milliarden von Menschen kämpfen um Wasser, Anbauflächen und Lebensraum - Großkonzerne und Kriminelle verwalten die weltweit letzten Ressourcen." Europa auf seiner Insel der Glückseligkeit profitiere von der globalen Nachfrage nach Nahrungsmitteln, Maschinen und Konsumgütern. "Daraus erwächst eine Verantwortung für die ärmeren Teile der Welt." In dem Maße wie Bildung die Entwicklungsländer erreiche und archaische Strukturen aufbreche, würden die exorbitanten Geburtenraten sinken. Das gehe nur, wenn als Hilfe zur Selbsthilfe Technik zur Trinkwassergewinnung, Konsumgüterindustrie und Landbewirtschaftung bereitgestellt würde. "Handel schafft Wohlstand für alle, Ausbeutung und Not bringen Krieg und Revolution."

Das Cover des Buches «Kinderfrei statt kinderlos - ein Manifest» von Verena Brunschweiger. Die Autorin hat mit ihrer Haltung zu einem bewussten Leben ohne Kinder - etwa aus ökologischen Gründen - eine heftige Debatte entfacht.

Populär statt ökologisch

Das Manifest der Autorin, so Kurzweils Resümee umreiße die Lage mehr publikumswirksam als ökologisch. "Die erschreckende Konsequenz, wenn Menschen nach Kostensätzen bewertet werden, haben die Diktaturen der Vergangenheit offenbart." Die Forderung des Umweltingenieurs: "Unsere Wohlstandsgesellschaft braucht mehr denn je warmherzige Eltern und umsichtige Erzieher, die Kinder auf eine weniger komfortable Zukunft vorbereiten - seichte Ökoszenarien zur Weltbevölkerung helfen nicht weiter."

Den Thesen der selbst ernannten Radikal-Feministin ist die mediale Aufmerksamkeit gewiss ist. "Herzlos-Lehrerin" nennt sie die "Bild"-Zeitung. Unter ihrem Hashtag #Brunschweiger wird sie angefeindet. Sie habe aber auch positive Reaktionen bekommen, von Frauen, die bislang keine Stimme und keine Lobby in Deutschland hätten, einem Land mit "pro-natalistischem Dogma" .

Zehnfach-Vater Jürgen Liminski:

„Animalisches Menschenbild“

In einen größeren Zusammenhang stellt der konservative katholische Journalist Jürgen Liminski die Thesen der Autorin Verena Brunschweiger. „Die Position ist nicht neu, sie bedient sich bei der Gink-Bewegung in Amerika.“ Die Abkürzung steht für „Green Inclinations, No Kids“ Grüne Haltung, keine Kinder. Die Bewegung sei seit einigen Jahren auch in Frankreich aktiv. „Gemeinsam ist diesen Thesen, dass sie das Kind, den Menschen, nur als Konsumfaktor betrachtet und nicht in seinem geistigen Potenzial versteht.“ Ein animalisches Menschenbild sei das, „keines, das man in Europa haben sollte“.

Der Vater von zehn Kindern habe in seinem journalistischen Umfeld genau die gegenteilige Erfahrung gemacht als Autorin Brunschweiger. Nicht die Kinderlosen, sondern die Kinderreichen würden komisch angeguckt: „Spätestens beim vierten Kind schlägt das in Skepsis um.“ Wenn man mit mehreren Kindern unterwegs sei, wird man zumindest in Deutschland schief angeguckt – ein Hotel können sie schon aus finanziellen Gründen vergessen“, bei Vermietern habe man schlechte Karten. Ein schlechtes ökologisches Gewissen habe er nicht: „Diese zehn Kinder werden die Gesellschaft bereichern und Möglichkeiten finden, die Umweltprobleme in Griff zu bekommen.“ (jrh)

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