21.05.2019 - 16:23 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Star und Sternstunde

Saison-Semifinale 2019 bei den Odeon Concerten: Das Orpheus Chamber Orchestra und der Pianist Jan Lisiecki gaben Barber, Beethoven, Mendelssohn-Bartholdy und nahmen viel Lorbeer mit nach Hause.

Jan Lisiecki
von Peter K. DonhauserProfil

Das Ensemble mit Sitz in New York setzte 1972 mit seinem demokratischen und hierarchiefreien Ansatz Zeichen in der Kategorie „Orchester“: Man arbeitet ohne Dirigent; Konzertmeister und Stimmführer wechseln, sie erarbeiten das interpretatorische Konzept des jeweiligen Stückes mit ihren Kollegen. Selbst organisatorische Entscheidungen werden gemeinsam im „Orpheus Process“ getroffen, ein (autoritär bestimmender) „Feldherr“ auf dem Dirigentenpult? - undenkbar bei diesem eingeschworenen Team. Ein Gegenentwurf zu den russischen Orchestern, die jüngst im Audimax zu Gast waren.

Musik ohne Alphatiere

Der Montag beweist, wie gut dieses Konzept funktioniert - freilich nur, wenn exzellente Musiker auf ebensolchen Instrumenten musizieren. Erste Oboe und Konzertmeister starten mit konzentrierter Lockerheit den revolutionären C7-Anfangs-Akkord, mit dem Beethovens 1. Sinfonie C-Dur op. 21 beginnt. Die schlanke Streicherbesetzung bekommt dem Werk außerordentlich gut, der Gesamtklang hat eine dezidierte Bläser-Präsenz (nicht -Dominanz), der Paukistin hätte man gern etwas härtere, zeichnendere Schlegel gereicht.

Dann erlebt man einen kammermusikalisch transparenten, beseelt fließenden Beethoven ohne viel stauende Rubati - da bräuchte es dann doch ein Dirigat. Motive werden nahtlos weitergereicht, bestärkt, aber auch angezweifelt, widersprochen. Ein vertrautes, kluges, offen-und-ehrliches, emotionales Gespräch unter Freunden „at it’s best“! Bewundernswert das punktgenaue Zusammenspiel, das seinen Höhepunkt im rasant tänzelnden, wie von frischem Wind durchwehten Finale findet. Man lernt die spontanen, beweglichen, jederzeit zu Überraschungen aufgelegten Charakterzüge des 30-jährigen Beethoven bestens kennen.

Startstück nach der Pause ist Samuel Barbers „Adagio“ für Streicher op. 11 von 1937, musiziert mit süffigem Streicherschmelz, die dynamischen Schwellwirkungen auskostend. Oft als „Trauermusik“ eingesetzt ist dieses Opus mehr als tröstlich.

Achtung - ein Talent!

Star des Abends - wieder hier nach genau zwei Jahren - ist der 24-jährige von Leidenschaft durchglühte kanadische Pianist Jan Lisiecki, ein Gegenpol zu den wie Hohepriester in weihevoller Versenkung spielenden Kollegen. Mit Hingabe musiziert er Mendelssohns Konzerte, erst Nr. 2 in d-Moll op. 40, dann Nr. 1 g-Moll op. 25. Sofort hat er das Publikum auf seiner Seite, das ihn schließlich geradezu frenetisch feiert. Ja, er hat seine Souveränität und Ausdruckskraft zu weiterer Reife entwickelt. Blitzschnell kann er von feuriger Hitze zu lyrischer Poesie wechseln, von vulkanischen Ausbrüchen zu gelassener Meditation. Rhythmisch schwebend und noch inniger aufblühend die langsamen Partien, liebevoll profiliert die Stimmen, ein Glanzpunkt der bekenntnishafte Dialog mit den tiefen Streichern im Andante von op. 25. Wie Kristalle die glänzenden Oktavgänge, die mühelos und eisfrisch sprudelnden Läufe.

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