08.10.2019 - 16:04 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Steine des Anstoßes

In Regensburg wurden sechs neue Stolpersteine im Gedenken an Opfer der NS-Zeit verlegt. Zum ersten Mal gibt es auch einen Gedenkstein für einen Überlebenden. Eva-Maria Gleisl, eine ehemalige Schülerin aus Nittenau, stellte ihn vor.

Dieser goldfarbene Stolperstein in Erinnerung an Heinrich Lutterbach liegt nun vor dem Eingang des Museums der Bayerischen Geschichte.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Über die Pflastersteine vor dem Eingang des Museums der Bayerischen Geschichte gehen jeden Tag Hunderte Menschen. Seit Dienstagvormittag sticht ein Stein mit seiner goldenen Farbe heraus: Er wurde verlegt, um an Heinrich Lutterbach zu erinnern, ein engagierter Zeuge Jehovas, der eine neunjährige KZ-Gefangenschaft überlebte.

Über 200 sogenannte Stolpersteine sind in Regensburg bereits im Boden verankert worden – um mit einem sichtbaren Zeichen an Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern. Zum ersten Mal gibt es nun einen goldfarbenen Gedenkstein für einen Mann, der die NS-Zeit überlebt hat. Heinrich Lutterbach lebte ab 1935 am Georgenplatz, der dort lag, wo heute das Bayern-Museum steht.

Der geborene Münchner war ein tief gläubiger Bibelforscher – so wurden die Zeugen Jehovas damals genannt – und ein passionierter Musiker. Am Regensburger Stadttheater fand er eine Anstellung als erster Violinist. „Er war ein offener, engagierter, mutiger Mann“, sagte Eva-Maria Gleisl bei der Stolperstein-Verlegung. Die 22-Jährige hatte noch in ihrer Schulzeit am Regental-Gymnasium in Nittenau (Kreis Schwandorf) eine Seminararbeit über Lutterbach geschrieben und dabei viele Details über dessen Leben zusammengetragen.

Sorgfältig wurde der Stolperstein für Heinrich Lutterbach verlegt. Im Hintergrund spielte Manfred Jäger Akkordeon. Er hat das Musizieren von Lutterbach gelernt.

Demnach hatte Lutterbach den Widerstand der Regensburger Zeugen Jehovas gegen das NS-Regime organisiert. In seinem Haus fanden heimliche Treffen statt. 1936 wurde er verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen, zusammen mit anderen in der Bibel gelesen, den Hitler-Gruß verweigert und den Wehrdienst abgelehnt zu haben. Lutterbach landete zunächst im Gefängnis in Landsberg am Lech und später in verschiedenen Konzentrationslagern. „Im Wissen um die besonderen Schikanen, die verschärften Strafen für Jehovas Zeugen über den alltäglichen Terror in einem KZ hinaus lässt sich kaum erklären, wie er fast neun Jahre Gefangenschaft in den KZ von Dachau, Mauhausen und Gusen überleben konnte“, schrieb Historiker Hans Simon-Pelanda über Lutterbach.

Eine Wiedergutmachung gab es nach dem Ende des Dritten Reichs für Lutterbach nicht. Seine Stelle im Theaterorchester bekam er nicht zurück. Das habe mit dem damaligen Zeitgeist zu tun gehabt, erklärte Ulrich Fritsch von der Stolperstein-Initiative des Evangelischen Bildungswerks Regensburg. In Lutterbachs Lebenslauf standen nun die Jahre im KZ. „Mit diesem Tabuthema wollte man sich in der Nachkriegszeit aber nicht auseinandersetzen“, sagte Fritsch.

Eva-Maria Gleisl erzählte aus dem Leben von Heinrich Lutterbach. Sie hatte eine Seminararbeit über den tiefgläubigen Zeugen Jehovas geschrieben.

Außergewöhnlich viele Interessierte verfolgten die Verlegung am Dienstagmorgen. Schulklassen des Pindl-Gymnasiums in Regensburg, des Gymnasiums Neutraubling und der Realschule Obertraubling waren dabei. Stadtrat Thomas Burger begrüßte, dass zahlreiche junge Menschen gekommen waren. Die Gräuel des Nationalsozialismus würden besonders deutlich, wenn man sie auf Personen und Örtlichkeiten herunterbricht. Die Stolpersteine seien „zu Recht Steine des Anstoßes“. Berührend war die musikalische Gestaltung: Am Akkordeon spielte Manfred Jäger, der das Musizieren von Lutterbach, der 1985 verstarb, gelernt hatte.

Fünf weitere Stolpersteine, die an Opfer der Krankenmorde erinnern, wurden am Dienstag im Stadtgebiet verlegt. Die Opfer waren von verschiedenen psychiatrischen Einrichtungen in die Tötungsanstalt Hartheim „verlegt“ und dort ermordet worden. Ihre Namen: Katharina Hübel, Hermann Rehbach, Alois Hartl, Ludwig Kiergassner und Otto Forster.

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