16.06.2019 - 15:43 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Eine Stunde Ausgelassenheit

Ein Besuch beim Mädchentanzen von Campus Asyl: Der Regensburger Verein erhält Ende Juni den Bayerischen Integrationspreis für sein umfangreiches Sportangebot für Flüchtlinge.

Die Mädchen sind in der Tanzstunde mit Feuereifer dabei.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Das Anker-Zentrum liegt ruhig da an diesem heißen Junitag. Doch in einem Zimmer im ersten Stock wackelt der Boden: Über 20 Mädchen stürmen unter freudigem Gekreische in den Raum. Es ist Donnerstagnachmittag und das "Mädchentanzen" steht an.

Popmusik wummert aus der Stereoanlage, die Mädchen sind bester Laune. Sie stürzen sich auf die drei Betreuerinnen, umarmen und küssen sie. "Das ist immer so", grinst Zuzanna Gurgul. Die 23-jährige Studentin der Musikwissenschaften ist seit eineinhalb Jahren im Freiwilligen-Team von Campus Asyl. Das Mädchentanzen findet sie toll, denn anfangs habe es für die Töchter von Flüchtlingen und Asylbewerbern in Regensburg wenige Angebote gegeben, anders als für die Jungs. "Die spielen meistens Fußball."

"Stocktanz"

Derweil haben sich die Mädchen in dem kleinen, stickigen Raum, der sonst als Internetcafé dient, zum Tanzen aufgestellt. "Stocktanz" steht als erstes auf dem Programm. Zuzanna Gurgul dreht die Musik auf, die Mädchen tanzen ausgelassen. Die einen werfen einfach Arme und Füße in die Luft, andere ahmen die Bewegungen aus Musikvideos nach. Sobald die Musik stoppt, dürfen sie sich nicht mehr rühren. Wer sich doch bewegt, ist raus. Die Mädchen vergnügen sich köstlich. Die Betreuerinnen, zu denen neben Gurgul auch Anna Brüheim und Alexandra Wenzel zählen, haben alle Hände voll zu tun, die aufgekratzte Gruppe zu bändigen.

Dass die Mädchen, die aus dem Irak und Syrien stammen, so ausgelassen sind, ist nicht selbstverständlich, erzählen die Betreuerinnen später. Als der Kurs früher in einem Zimmer mit einem großen ebenerdigen Fenster stattfand, war die Stimmung anders. Wenn Männer oder Jungen sie sehen können, nehmen sich die Mädchen zurück. Das ist nicht der einzige kulturelle Unterschied. Die Betreuerinnen stellen auch fest, dass die Teilnehmerinnen oft wenig beweglich sind. Sport für Mädchen spiele in ihrem Kulturkreis oft kaum eine Rolle. "Wir machen deshalb immer ein paar Dehnübungen", erzählt Studentin Gurgul.

An manchen Tagen ist es gar nicht so leicht, die Mädchen zusammenzutrommeln. Die Teilnehmerinnen wohnen allesamt im Ankerzentrum, aber an feste Termine denken sie nicht immer. Das Warten auf eine Entscheidung über die Asylanträge bestimmt das Leben ihrer Familien. Die Stimmung ist teils wie gelähmt. "Dann gehen wir schon mal von Haus zu Haus und holen die Mädchen ab", sagt Gurgul. Sind sie erst mal beim Tanzen dabei, sind die Mädchen ausnahmslos begeistert. In einem Alltag, in dem nicht viel passiert, sind die Tanzstunden eine willkommene Abwechslung.

Auf die Arbeit von Campus Asyl ist Gurgul bei einer Messe an der Uni Regensburg aufmerksam geworden. Sie will sich dafür einsetzen, dass Flüchtlinge "sich hier wohler und angenommen fühlen". Die Studentenschaft ist der große Pool, aus dem Campus Asyl glücklicherweise schöpfen kann, sagt Angelika Frey, eine der zwei Hauptamtlichen, die in der Geschäftsstelle von Campus Asyl arbeiten. Seit Ende 2014 unterstützt der an der Universität und der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg gegründete Verein mit rund 350 Freiwilligen in rund 20 Projekten geflüchtete Menschen.

Der Sport war neben einer Kleiderkammer und Deutschkursen eines von drei Projekten der ersten Stunde. Das Sportangebot ist seitdem stark gewachsen: Mittlerweile stehen neben Fußball auch Volleyball, Laufen, Tanzen, Schwimmen, Yoga, Fitness und Fahrradfahren auf dem Programm. Sport biete sich einfach an, um die Integration anzustoßen, sagt Frey. "Die Leute fühlen sich willkommen, was die Basis für alles weitere sein kann." Der größte Vorteil sei es, dass die Sprachbarriere beim Sport keine große Rolle spielt. "Und es macht einfach Spaß."

Die Studentinnen Alexandra Wenzel (von links), Zuzanna Gurgul und Anna Brüheim gehören zu den Freiwilligen, die das Mädchentanzen betreuen. Rechts Angelika Frey von der Campus-Asyl-Geschäftsstelle.

Lahm-Laudatio

Für sein Engagement kommt dem Verein Campus Asyl nun eine besondere Ehre zu: Bei der Ausschreibung des Bayerischen Integrationspreises unter dem Motto "Der Sport schafft's, der Sport macht's" hat der Verein den ersten Platz geholt. "Das hat uns alle total gefreut", sagt Frey. Der Verein stecke viel Mühe in seine Arbeit. "Da ist es wahnsinnig schön, wenn man mal gelobt wird." Am 27. Juni wird Frey zusammen mit einer Gruppe von Freiwilligen nach München zur Preisverleihung fahren. Ein Extra-Zuckerl: Die Laudatio wird Ex-Fußballnationalspieler Philipp Lahm halten.

Die Tanzstunde ist mittlerweile vorbei, eine Gruppe von Mädchen tanzt auf dem Flur aufgedreht weiter. Wie sie den Kurs finden? "Gut", ruft die achtjährige Mawa, die mit ihrer Familie aus dem Irak nach Deutschland geflohen ist. Sie spricht etwas Deutsch, was eher die Ausnahme ist. Die meisten Mädchen sind erst wenige Monate hier, das Ankerzentrum ist die erste Anlaufstelle für ihre Familien. Bei den wenigsten ist klar, ob sie in Deutschland bleiben können. Während der Tanzstunde spielt das alles keine Rolle. In der knappen Stunde können die Mädchen einfach nur fröhliche Kinder sein.

Angelika Frey ist eine von zwei Hauptamtlichen in der Geschäftsstelle von Campus Asyl.

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