11.06.2019 - 17:36 Uhr
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"Tage Alter Musik Regensburg": Feinsinniges Abschieds-Opus zur Eröffnung

Das Eröffnungskonzert der Tage Alter Musik 2019 meisterte den Spagat zwischen Anfang und Abschied: Nach 25 Jahren reicht Domkapellmeister Roland Büchner den Stab weiter. Der Abend gerät auch zu einer aufwertenden Reverenz an Leopold Mozart.

Sie eröffneten im Salzstadel die 35. Ausgabe der „Tage Alter Musik Regensburg“: Franz-Xaver Lindl von der Sparkasse, Bürgermeister Jürgen Huber sowie die Initiatoren Stephan Schmid, Ludwig Hartmann und Paul Holzgartner (von links).
von Peter K. DonhauserProfil

Das Eröffnungskonzert der "Tage Alter Musik 2019" meisterte den Spagat zwischen Anfang und Abschied: Nach 25 Jahren reicht Domkapellmeister Roland Büchner den Stab weiter. Der Abend gerät auch zu einer aufwertenden Referenz an Leopold Mozart. Beeindruckend, wie nachhaltig Büchner die Domspatzen geprägt hat: Ablösung eines allzu oft cholerisch-einschüchternden durch einen empathisch-charismatischen und doch fachlich fordernden Probenstil. Einführung einer systematischen, locker-natürlichen Stimmbildung. Öffnung gegenüber historisch informierter Aufführungspraxis. Vergangenheitsbewältigung der unglaublichen Verstöße gegen die Würde der Jugendlichen, die die hohe Geistlichkeit zunächst unter den Gebetsteppich kehren wollte. Große Fussstapfen für Nachfolger Christian Heiss (52).

Trotz der immer früher aufschlagenden Pubertät, trotz des Wegfalls der Jungs der 13. Jahrgangsstufe im G8-Gymnasium, trotz der Nachwuchsprobleme im Schlepptau der unsäglichen Delikte hat Büchner den Chor auf einen Gipfelpunkt geführt: Schon beim ersten a-cappella-Einsatz im Kyrie von Leopold Mozarts Missa Solemnis in C faszinieren die Knabenstimmen mit einem warmen und runden, erwachsenen und fülligen Klang, der wunderbar mit dem der Männerstimmen verschmilzt. Auch die makellose Intonation ist in der obersten Liga angelangt. Ein vielfältiges Farbspektrum, hellwache Präsenz, bestens verständliche Aussprache und musikalische Gestaltung bis ins Detail begeistern. Chapeau. Es spricht für Büchner, dass er ein Abschieds-Opus ohne spektakuläre Applaus-heischende Effekte gewählt hat. Er weist damit auf das Zentrum der Chor-Aufgaben: Die Gestaltung der Liturgie im Dom.

Die Messe von Leopold (1719-1787) lässt den Rang des Komponisten Mozart senior erkennen - da hatte das "Wolferl" weit mehr als einen braven Harmonielehre-Lehrer. Sie ist im modernen süddeutsch-italienischen Geschmack ihrer Zeit geschrieben, vereint melodiebetont-empfindsamen Stil mit kontrapunktischen Fugen-Künsten. Orchesterteile, Chorpartien, anspruchsvolle Solo-Arien (mit delikaten Solokadenzen) wechseln. Feinsinnig, nie opernhaft aufbauschend, mit harmonischer Raffinesse und erstaunlich nachdenklich beleuchtet Leopold Mozart den Ordinariums-Text, das ist alles andere als dienstbeflissener Dauer-Dur-Jubel. Büchner arbeitet all diese Facetten sensibel heraus.

Unter den Höhepunkten der bemerkenswert vielschichtigen Mess-Komposition seien das "Crucifixus" mit Kreuzigungs-Schlägen der "verdeckten" Pauken nebst den bizarr klingenden gestopften Trompeten hervorgehoben. Gleiches gilt für das innig-berührende Travers-Flöten-Solo von Marcello Gatti im "Benedictus", dialogisierend mit der großartigen Sopranistin Katja Stuber. Sie ragt aus dem Solistenquartett (souverän und präsent: Robert Buckland, Joachim Höchbauer) hervor. Für die kultivierte singende Dorothée Rabsch erscheint die Alt-Partie zu tief zu liegen; trotz der vorzüglichen Begleit-Qualitäten der Hofkapelle München geht ihre Stimme oft unter.

Rüdiger Lottner hat das Ensemble zu hohem Niveau entwickelt. Die gefällige "Neue Lambacher Sinfonie" in G von Leopold Mozart musizieren sie eingangs souverän und zügig ausschreitend, mit recht geradlinigem Metrum. Warum Lottner stereotyp wippend und schlagend dirigiert statt die Musiker vom Konzertmeister-Pult aus zu inspirieren, bleibt ein Rätsel. Am Ende: begeisterter Applaus, Ovationen für Büchner und die Domspatzen.

Hintergrund: "Tage Alter Musik":

Die „Tage Alter Musik“ sind ein Festival von internationalem Rang. Dass Regensburg als Auftrittsort in einem Atemzug genannt wird mit New York, verwundert nach 35 Jahren hochkarätigem Musikgenuss an der Donau keinen mehr. So lange ist es nämlich her, dass die damaligen Studenten Ludwig Hartmann und Stephan Schmid das Festival ins Leben gerufen haben. Vor 20 Jahren nahmen sie noch Paul Holzgartner mit ins Boot – und seitdem blieb alles beim Alten: das Organisatorentrio, die Aufführungsorte (auch wenn die Dreieinigkeitskirche aus baulichen Sicherheitsgründen in diesem Jahr wegfallen musste) und das Konzept.

Alte Musik vom Mittelalter bis zur Klassik, vorgetragen von renommierten Musikern aus aller Welt, gespielt auf historischen Instrumenten und in geschichtsträchtigen Gebäuden: Das lockt alljährlich zum Pfingstwochenende Musikliebhaber nach Regensburg. Auch in diesem Jahr tauchte Regensburg ein in einen Reigen feiner Töne. Kein Wunder also, dass sich Bürgermeister Jürgen Huber bei der Eröffnung des Festivals im Regensburger Salzstadel vor den Veranstaltern verneigte. Das Kulturreferat der Stadt fördert die „Tage Alter Musik“ ebenso wie die Sparkasse Regensburg als Hauptsponsor. „Ohne Ihre Unterstützung könnte das Festival nicht existieren“, bedankte sich Ludwig Hartmann. Und das wäre schade. Denn die Bands sind eine Bereicherung für die Stadt. (swu)

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