23.09.2021 - 17:57 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Tracht liegt im Trend

Vor 20 Jahren tanzten die Jugendlichen in Jeans auf der Bierbank, heute trägt die Mehrheit Dirndl und Lederhose. Trachtenexperte Erich Tahedl aus Regensburg erklärt, was hinter dem Trend steckt – und warum er nichts gegen Billig-Dirndl hat.

Abschlussabend beim Volkstanzkurs natürlich in Tracht.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

„Wir begrüßen das absolut“, sagt Tahedl, stellvertretender Landesvorsitzender des Bayerischen Trachtenverbands, über den Trachten-Boom. Die jungen Frauen und Männer, die gemeinsam in Dirndl und Lederhosen aufs Volksfest gehen, würden sich über die Kleidung mit der Gruppe identifizieren. Es gehe um die Gemeinschaft. Dass so manches Dirndl für 30 Euro aus einem Billig-Laden kommt, stört Tahedl nicht. Seine Hoffnung: Die Jugendlichen bekommen so einen Bezug zur Tracht, legen sich später vielleicht ein hochwertigeres Gewand zu – und knüpfen im besten Fall Kontakt zum örtlichen Trachtenverein. „Unsere Aufgabe ist es dann, zu zeigen, wie die Tracht mit Heimat, Bräuchen und Traditionen zusammenhängt“, sagt Tahedl, der dem Heimat- und Volkstrachtenverein Regensburg „Stamm“ vorsteht.

Auch bei Australiern oder Amerikanern, die in vollem Trachten-Outfit auf dem Oktoberfest feiern, ist Tahedl nachsichtig. Gerade in Nordamerika gebe es viele Trachtenvereine, deren Mitglieder Vorfahren in Deutschland haben und die Tradition hochhalten wollen, erzählt er. Sie besuchen dann natürlich auch die Wiesn in Tracht. Wenn sich ein Tourist am Flughafen Billig-Lederhosen kauft und sie vor dem Rückflug wegschmeißt, habe das hingegen nichts mit Brauchtum zu tun. „Dann geht es nur darum, dazuzugehören.“ Über Landhausmode sagt Tahedl: „Der Trend ist in meinen Augen vorbei.“

Stolze 180 000 Mitglieder haben die bayerischen Trachtenvereine insgesamt – und der Nachwuchs geht nicht aus. Die Jugendgruppe beim Regensburg „Stamm“ ist in Corona-Zeiten sogar angewachsen, berichtet Tahedl, der auch in seiner Funktion als Regensburger CSU-Stadtrat bei öffentlichen Anlässen gerne Tracht trägt. Der Verein bot Kindern und Jugendlichen während der Pandemie zum Beispiel eine Online-Faschingsfeier oder Ostereiersuchen im Wald mit Abstand an – das sprach sich bei den Eltern herum und kam gut an.

Die Oberpfälzer Trachtenvereine sind auf insgesamt vier Gauverbände aufgeteilt – die sich nicht an politische Grenzen halten. Historisch bedingt gehören die Vereine entweder dem Oberpfälzer Gauverband, dem Bayerischen Waldgau, dem Trachtengau Niederbayern oder dem Gauverband Oberpfalz an. Letzterer ist mit zehn Mitgliedsvereinen zwar der kleinste Verband, an diesem Wochenende hat er aber eine besondere Aufgabe: Der Gauverband Oberpfalz richtet die zweitätige Landestagung des Bayerischen Trachtenverbands in Regensburg aus (siehe Kasten).

Der Ursprung des Trachten-Brauchtums sei gar nicht so einfach zu benennen, sagt Tahedl. Im 19. Jahrhundert habe sich das Leben der Menschen durch die Industrialisierung stark verändert. In Webereien entstand Kleidung, die nicht ein Leben lang halten musste wie das frühere Sonntagsgewand. Dennoch habe man die traditionelle Kleidung bewahren wollen. Zudem förderte das Königshaus die Trachtenpflege. Sie sollte das bayerische Nationalgefühl im neu geschaffenen bayerischen Königreich heben. Dafür wurde erfasst, was es an unterschiedlichen Trachten in Bayern gab. Die ersten Trachtenvereine gründeten sich. Die oberbayerische Gebirgstracht verbreitete sich in ganz Bayern.

Die eine Oberpfälzer Tracht gebe es nicht, sagt Tahedl. Die Männertracht falle in den verschiedenen Oberpfälzer Regionen recht ähnlich aus, bei den Dirndln gebe es hingegen Unterschiede. Im Süden der Oberpfalz seien die Dirndl an die reiche Gäuboden-Tracht mit Ketten und Talern angelehnt. Im Stiftland seien die Kleider schlichter, aber mit handwerklich herausragenden Stickereien verziert. Überhaupt: „Die Tracht lebt von der Vielfalt“, sagt Tahedl. Wenn früher ein Hausierer mit Stoffen zu einem Bauernhof kam, habe die Bauersfrau den Stoff gewählt, der ihr gefiel – und nicht den, den die Nachbarin auch trug.

Die Landfrauen nähen sich ihr Dirndl selbst

Tirschenreuth
Hintergrund:

Tagung in Regensburg

  • Der Bayerische Trachtenverband hält am Freitag und Samstag seine Landestagung in der Mensa der Uni Regensburg ab.
  • Coronabedingt ist das Programm abgespeckt. Die Tagungen der Bayerischen Trachtenjugend und der Sachgebiete fanden bereits online statt.
  • Am Samstag wird der Landesvorstand neu gewählt. Der bisherige Landesvorsitzende Max Bertl stellt sich nicht mehr zur Wahl.
  • Der Bayerische Trachtenverband ist der Dachverband von 22 regionalen Gau-Trachtenverbänden. In den Gauverbänden sind etwa 800 Vereine mit circa 180 000 Mitgliedern organisiert.

 

 

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