13.02.2019 - 16:11 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Die Tricolore an der blauen Donau

Der japanische Pianist Nobuyuki Tsujii spielte bei den Odeon Concerten ein rein französisches Programm

Der Klang- und Tastsinn des Pianisten Nobuyuki Tsujii ist phänomenal. Er kann sich in die Reihe berühmter blinder Musiker einfügen.
von Peter K. DonhauserProfil

Der von Geburt an blinde Pianist eröffnet das Recital im Audimax einmal nicht mit virtuosen Hexenkünsten: „Zuhören - entspannen – nachdenken“ scheint das Motto der „Trois Gymnopédies“ (1888) von Eric Satie zu sein. Diese sind klar, knapp, einfach gestrickt: Ein quasi gezupfter Bass, dezent mit großen Septen gewürzte Akkorde, eine schlichte Melodie darüber. Da kleidet sich ein gewitzter Komponist als Aschenputtel, seine Musik will keine Kunststücke vorzeigen, keine Spannungen auf- und abbauen, keine Emotionen wecken. Eine Absage an Virtuosität, an aufwühlende Emotionen, an Ich-Darsteller, an der Grenze zu Dada und Minimal Music. Richtig: Nobuyuki Tsujii lässt die Musik geschehen, er plustert sie nicht auf, spielt die drei ähnlichen Stücke mit meditativ kultivierter Noblesse.

Augenblick, verweile doch!

Vom Einfachen führt er zum Komplexen: Wieder drei Stücke, die „Images“ von Debussy, Prototypen impressionistischer Musik. Sie spiegeln Bilder und Stimmungen, aber nicht das Seelenleben des Autors: „Reflets dans l’eau“ reflektiert die Bewegung von Wasser und Licht, die virtuosen Ansprüche steigen exponentiell, die Tradition eines Chopin leuchtet auf. Mit einer frei stilisierten Sarabande in gis-Moll ehrt Debussy den Kollegen Rameau. Quellfrisch sprudelnde Triolen prägen das „Mouvement“, der Pianist hat mittlerweile seine Visitenkarte vorgelegt: Er kann meditativ ruhend bis stupend virtuos, bestechend sein herausragender Klangsinn, mit dem er die Stücke quasi mit Flöten, Hörnern, Cellos und Bässen arrangiert, seine bemerkenswerte Klarheit und technische Akkuratesse.

Dies kommt auch der Sonatine von Ravel zugute, dem Meister der Orchester-Instrumentation. Tsujii malt wie mit feinem federleichten Pinsel, modelliert die Klangschichten heraus, lässt die flinken Finger fliegen, quirlt die Musik luftig auf.

Musik-Psychologie

Nach der Pause stehen dann Chopin und die autobiographisch geprägten Bekundungen seines Seelenlebens auf dem Programm: Seine vier Scherzi op. 20, 31, 39 und 54 haben mit der Form von Haydn oder Beethoven noch die Gestalt A-B-A mit ihren Kontrasten gemein. Tsujii versteht das unmittelbare Springen zwischen blitzender Wut und trostloser Depression (Nr.1 in h-Moll), düster ahnender Frage und auftrumpfender Drohung (Nr. 2/3), auch wenn er bei den Oktavgängen in Nr. 3 nicht so abgründig-gefährliche Nadelstiche setzt wie etwa Daniil Trifonow. Eine Spur optimistischer Hoffnung in Nr. 4, dem einzigen Dur-Scherzo und die Erkenntnis: Chopins emotionsgeladene Musik braucht keine Sentimentalität, kein Wühlen im Klangsumpf. Klar nicht kühl, strukturiert nicht ausufernd überzeugt ihre Kraft mehr.

Zur Bewunderung der technischen (Treff-) Sicherheit von Tsujii sei noch angemerkt, dass ihm Mutter Natur kein Augenlicht, aber einen überragenden Klang- und Tastsinn geschenkt hat, mit dem er uns hochdifferenzierte klangliche Dimensionen der Musik erschließt. Als Zugaben Claire de Lune (Mondlicht) von Debussy und die „Revolutionsetüde“ op. 10/12 von Chopin

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