20.08.2021 - 10:03 Uhr
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Ulrich Lechte: „Die FDP ist oft nicht sexy“

Nach außen hin wirkt der Regensburger FDP-Bundestagsabgeordnete Ulrich Lechte, 43, ausgeglichen und ruhig. In ihm kann es aber brodeln, wenn er sich über langsame politische Prozesse oder „Gesinnungspolitiker“ ärgert.

Der Regensburger Ulrich Lechte kandidiert für die FPD wieder für den Bundestag.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

ONETZ: Herr Lechte, wie blicken Sie auf Ihre ersten vier Jahre im Bundestag zurück?

Ulrich Lechte: Als ehemaliger Wahlkreis-Büroleiter von Horst Meierhofer hatte ich schon einiges an Hintergrundwissen. Doch als Bundestagsabgeordneter eröffnet sich nochmal eine ganz andere Perspektive. Die Taktzahl in Berlin ist sehr hoch. Ich bin als „Neuer“ gleich in den Auswärtigen Ausschuss gekommen. Zuständig für drei Kontinente, bedurfte es einer zügigen, vertieften Einarbeitung. Als regionaler Abgeordneter ist man vor Ort natürlich für alle Themen wie etwa Rente oder Corona-Regeln zuständig. Weiß man mal nicht weiter, gibt es dafür Experten mit den Kollegen in der Fraktion.

ONETZ: Mit welchen Zielen wollen Sie 2021 erneut in den Bundestag einziehen?

Ulrich Lechte: Gerne möchte ich im auswärtigen Bereich mit meinem gewonnenen Netzwerk weiterarbeiten. Denn man muss innenpolitische Probleme auch stets außenpolitisch denken. Zum Beispiel kostet die Flüchtlingshilfe hier in Deutschland viel mehr als in Flüchtlingseinrichtungen in der Nähe der Herkunftsländer. Wichtig ist somit, dass Deutschland die eingegangenen internationalen Verpflichtungen in der Flüchtlingshilfe weiter einhält, auch wenn die Einnahmesituation angespannt ist. Stabile außenpolitische Verhältnisse sind essenziell, damit unsere Oberpfälzer Firmen ihre exzellenten Außenhandelsbeziehungen aufrechterhalten können. Der Konflikt zwischen den USA und China birgt immense Gefahr. Wir müssen dafür sorgen, dass internationale Handelswege freibleiben und die Demokratien gestärkt werden.

ONETZ: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Welche Regierungskoalition gäbe es nach den Wahlen im September?

Ulrich Lechte: Mit der Union hat die FDP immer noch die meisten Schnittpunkte. Gesellschaftspolitisch wäre es sicher einfacher mit der SPD. Zum Beispiel kann ich nicht verstehen, dass Homosexuelle bis heute quasi davon ausgeschlossen sind, Blut zu spenden. Mit der Union ist da jedoch nicht zu reden. Mein Geheimtipp ist eine Deutschland-Koalition aus Union, SPD und FDP. Die Grünen müssten in Koalitionsverhandlungen von teils unrealistischen Forderungen abrücken. Man kann nicht wie sie ständig neu definieren, welche Ziele Deutschland bis 2030 im Kampf ums Klima erreichen muss, wenn es gar nicht genug Handwerker gibt, die die Häuser entsprechend umbauen oder Kohlekraft noch für die Grundlast benötigt wird. Die FDP sagt realistisch, was geht und was nicht – das ist oft nicht sexy.

ONETZ: Aktuell treibt viele Menschen die Frage um, wie die deutsche Corona-Politik weitergeht.

Ulrich Lechte: Ich plädiere dafür, bei dem Thema weniger mit Angst zu arbeiten und mehr die positiven Aspekte zu sehen. 54 Prozent aller Deutschen sind derzeit doppelt geimpft. Bei den über 18-Jährigen liegt die Impfquote schon bei über 70 Prozent. Dass die Impfstoffe so schnell entwickelt wurden, ist ein riesiger Erfolg. Es sollte weiterhin an Medikamenten geforscht werden. Dass Corona-Tests nun kostenpflichtig werden sollen, halte ich für falsch. Ich denke, dass sich dann weniger Menschen testen lassen und das ist kontraproduktiv. Ursprünglich wollten wir das Gesundheitssystem schützen. Jetzt kommt es einem so vor, als sollte jeder vor sich selbst geschützt werden. Wenn ich mich ans Steuer eines Autos setze, unterliege ich auch der Gefahr, dass mir jemand reinfährt und ich sterbe.

ONETZ: Deutschland hat in der Pandemie einen gewaltigen Schuldenberg angehäuft. Wie wird sich das auf die nächste Legislaturperiode auswirken?

Ulrich Lechte: Für gewisse Dinge wird kein Geld da sein. Ich denke an die Ausweitung der Mütterrente, die die CSU verlangt. Die Schuldenuhr, die in Berlin am Eingang der Zentrale des Bundes für Steuerzahler angebracht ist, zeigte vor Corona einen Schuldenabbau von etwa 90 Euro pro Sekunde an. Jetzt bildet sie einen Schuldenaufbau von 7000 Euro pro Sekunde ab. Wir müssen zu einer soliden Finanzpolitik zurück. Ein völlig falsches Signal wären Steuererhöhungen, weil sie den nötigen Aufschwung sabotieren.



ONETZ: Gestiegene Mietpreise sorgen dafür, dass sich Normalverdiener in Regensburg teils keine Wohnung mehr leisten können. Was muss die Politik dagegen tun?

Ulrich Lechte: Eigentumswohnungen und Mieten werden teurer, weil die Politik die Baunebenkosten in die Höhe getrieben hat. Sozialer Wohnungsbau kann in gewissen Bereichen helfen, aber ohne den privaten Sektor geht es nicht. Ein Mietendeckel bringt nichts, weil dann noch weniger Wohnungen gebaut werden. Der Markt wird sich selbst regeln. Das sieht man am Beispiel Regensburg, wo neu gebaute Wohnungen im teuren Dörnbergviertel schwer vermittelbar sind.

ONETZ: Der Raum Regensburg ächzt unter der Verkehrsbelastung. Wo ist der Ausweg?

Ulrich Lechte: In Regensburg ist der öffentliche Nahverkehr schon recht gut ausgebaut, das schaut auf dem Land deutlich schlechter aus. Der Pfaffensteiner Tunnel als Nadelöhr der Region muss saniert werden, doch bis die von meinem CSU-Kollegen Peter Aumer geforderte dritte Röhre kommt, dauert es mindestens 20 Jahre. Bis dahin ist der Tunnel zusammengebrochen. Der Bau der Sallerner Regenbrücke wäre ein Baustein, doch das Verfahren hängt fest. Genauso bräuchte es die Kneitinger Brücke im Westen. Vieles in der politischen Diskussion geht mir zu langsam.



ONETZ: Die Oberpfalz ist durch ein Stadt-Land-Gefälle geprägt. Was muss die Politik tun, um gleichwertige Lebensverhältnisse zu schaffen?

Ulrich Lechte: Die Oberpfalz hat sich nach dem Ende des Eisernen Vorhangs vom Armenhaus zu einer starken Wirtschaftsregion entwickelt. Der Ausbau der Autobahnen hat die Infrastruktur verbessert. Von der Universität Regensburg und den Ostbayerischen Technischen Hochschulen Amberg-Weiden und Regensburg kommen Fachkräfte für die Region. Das müssen wir erhalten. Schwierig wird es, das Ärztenetz auf dem Land aufrecht zu halten, wenn die Babyboomer bald in Rente gehen.

ONETZ: Wie wichtig ist das Thema Klimawandel für Sie?

Ulrich Lechte: Es ist klar, dass es den menschengemachten Klimawandel gibt. Das hat uns die Hochwasserkatastrophe in Teilen Deutschlands wieder vor Augen geführt. Das Wort Klimakrise wird mir aber zu oft verwendet. Den Jugendlichen halte ich entgegen, dass schon viel passiert ist. Katalysatoren und Filtertechnik wurden eingeführt, die Gewässer sind heute sauberer als in den 80er-Jahren. Ziel muss es sein, eine klimaneutrale Wirtschaft hinzubekommen. Dafür braucht es einen weltweiten Ruck, das kann Deutschland nicht alleine. Wir brauchen einen konsequenten Emissionszertifikatehandel, so dass die, die CO2 einsparen, belohnt werden. Das wäre eine pragmatische Lösung und keine Gesinnungspolitik, die von jetzt auf gleich alles ändern will.

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Hintergrund:

Zur Person

  • Der gebürtige Baden-Württemberger Ulrich Lechte kam 1996 zum Studium nach Regensburg.
  • Der Betriebswirt hat bereits einige berufliche Stationen hinter sich: Er arbeitete als Vertriebsleiter bei der Regensburger Stadtzeitung, als Büroleiter des FDP-Bundestagsabgeordneten Horst Meierhofer, bei einem Unternehmen im Bereich erneuerbare Energien und als Berater in einer Rechtsanwaltskanzlei.
  • Zur FDP stieß er 1998 über die Hochschulgruppe an der Uni Regensburg. Von 2000 bis 2004 war Lechte Landesvorsitzender der Jungen Liberalen.
  • Seit 2017 ist der 43-Jährige Mitglied des Bundestags. Seit 2018 steht er der Oberpfälzer FDP als Vorsitzender vor.
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