08.02.2019 - 16:38 Uhr
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Unglaubliche Geschichte vor Gericht

Der Angeklagte erzählt eine Geschichte von geliehenen Handschuhen und Rockern, die statt ihm einen Überfall begangenen haben sollen. Das Gericht kann diese Möglichkeit nicht ausschließen.

von Autor AHSProfil

Eine kaum zu glaubende Geschichte bewahrte einen 39-jährigen Mann aus dem Landkreis Regensburg vor einer langjährigen Freiheitsstrafe. Der Lagerarbeiter wurde von der 5. Strafkammer des Landgerichts Regensburg vom Vorwurf des besonders schweren Raubes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung freigesprochen. Da er seit Mitte November 2018 in Untersuchungshaft saß, muss er dafür entschädigt werden.

Die Staatsanwaltschaft warf dem Angeklagten vor, dass er sich im April 2018 mit einem nicht bekannten Kumpel in einen Neutraublinger Getränkemarkt einschließen lies. Dann soll der Angeklagte einen Angestellten, der sich in einem Büro befand, mit Reizgas besprüht und auf den Boden gedrückt haben. Der zweite Täter soll den Mann mit einer Waffe bedroht haben. Anschließend sollen die Männer ihr Opfer gefesselt haben. Mit einem Schlüssel, der dem Angestellten aus der Brusttasche gefallen sei, sollen die Männer die in einem Tresor liegenden Wocheneinnahmen eingepackt haben. Zusammen mit den Tageseinnahmen sollen das 23 554,42 Euro gewesen sein. Die Täter flüchteten dann unerkannt.

Kontakt zu Rockern?

Nach Verlesen des Anklagesatzes stellte Verteidiger Alexander Greithaner für seinen Mandanten klar, dass der Angeklagte die Tat bestreitet. Zwar sei am Tatort eine DNA-Spur von ihm sichergestellt worden, doch "so sicher wie die Spur ihm zugeordnet werden kann, so sicher ist, dass er am Tattag nicht im Getränkemarkt war". Dann erzählt der Anwalt folgende Geschichte: Der Angeklagte habe seit 2003 Kontakt zu einem Motorrad- und Rockerclub gehabt. Er habe die Clubmitglieder tätowiert. Als er später eine Bar eröffnete, seien diese ihm treu geblieben. 2016 habe der Clubpräsident ihm das Angebot gemacht, ihm Kunden für ein neues Tattoo-Studio zu bringen, wenn der Angeklagte dem Club zum Einlagern von "Utensilien" ein Kellerabteil zur Verfügung stelle. Der heute 39-Jährige habe dann ein neues Studio eröffnet. Auf Drängen seiner Freundin habe er 2018 aber den Kontakt zu den Bikern abgebrochen. Bei ihrem letzten Besuch hätten sie ihn nach einem schwarzen Pullover und schwarzen Handschuhen gefragt. Er habe ihnen Lederhandschuhe gegeben. Der Angeklagte glaube, dass so seine DNA an den Tatort gelangt sei.

Der 26-jährige Angestellte des Getränkemarkts bestätigte den in der Anklageschrift festgehaltenen Tatablauf. Einer der Täter habe ein sehr schlechtes Deutsch mit osteuropäischem Akzent gesprochen. Der andere konnte kaum Deutsch. Hierauf kam der Einwand des Verteidigers, dass die Eltern des Angeklagten zwar aus Rumänien stammen, er selbst sei in Deutschland geboren und würde nur Deutsch und ein paar Brocken Englisch sprechen. Der Zeuge erzählte weiter, dass dann das Duo über den Lieferanteneingang geflüchtet sei. Auch konnte er die Täter nur vage beschreiben. Einer von ihnen sei groß und schlank, der andere klein und dicklich gewesen. Beide seien schwarz gekleidet und im Gesicht bis auf einen Sehschlitz vermummt gewesen.

Gericht äußert Zweifel

Die Sachverständige der Rechtsmedizin Erlangen berichtete von sieben Mischspuren und einer Einzelspur, die dem aufgrund seiner Vorverurteilungen gespeicherten Angeklagten zugewiesen werden konnten. Nach der Handschuh-Theorie des Angeklagten befragt, konnte sie diese nicht ausschließen. So konnte auch die Staatsanwältin die Einlassung des Angeklagten nicht widerlegen. Sie beantragte, den Mann freizusprechen. Der Verteidiger schloss sich an. In seiner mündlichen Urteilsbegründung verwies der Gerichtsvorsitzende darauf, dass die Strafkammer dem Angeklagten die Geschichte nicht abnimmt. Letztendlich konnte sie jedoch nicht ausschließen, dass der Angeklagte seine Handschuhe dem tatsächlichen Täter überließ.

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