28.02.2021 - 15:59 Uhr
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Valencia das nächste Ziel für Dirigent Alexander Liebreich aus Regensburg

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Er war schon in Nord- und Südkorea, Polen und Tschechien. Als Leiter des Richard-Strauss-Festivals hat er Musik und Natur zusammengebracht. In Spanien warten jetzt neue Aufgaben auf den Weltreisenden in Sachen Musik.

Dirigent Alexander Liebreich.
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Von Anke Schäfer

ONETZ: Herr Liebreich, seit unserem letzten Gespräch haben wir elf Monate im Pandemie-Modus hinter uns gebracht. Wie sind Sie durch diese schwierige Zeit gekommen?

Alexander Liebreich: Im letzten Frühjahr habe ich viele Botanik-Bücher gewälzt, um dann in der Natur Pflanzen bestimmen zu können. Außerdem habe ich vieles auf dem Balkon angepflanzt. Im Herbst und Winter war ich mehr in der Küche und habe eine gewisse Virtuosität beim Brotbacken bekommen. Nicht zu vergessen das Homeschooling mit meinem Sohn.

ONETZ: Ist bei Ihnen das Gefühl der Wertschätzung angekommen, das Landes- und Bundesregierung gegenüber Kunst und Künstlern immer wieder propagiert haben?

Alexander Liebreich: Hauptberuflich bin ich in Prag verankert. Dort ist die Lage katastrophal. Hier in Deutschland läuft die politische Diskussion viel besser als in Tschechien, wo eine Uninteressiertheit herrscht gegenüber dem, was die Regierung sagt. Grundsätzlich habe ich Respekt für die Politik in Deutschland und die Art und Weise wie Markus Söder und Angela Merkel das kommunizieren. Ich habe auch ein bisschen Einblick in die Ministerien – was dort geschuftet wird, ist der Wahnsinn, sie versuchen das Beste. Das Problem ist der differenzierte Umgang mit Maßnahmen, die greifen oder nicht greifen. Und es fehlt ein klares Öffnungskonzept.

ONETZ: Im Sommer haben Sie für einen Paukenschlag gesorgt: Wie schwer ist die Entscheidung gefallen, das Amt als künstlerischer Leiter des Richard-Strauss-Festivals in Garmisch-Partenkirchen niederzulegen?

Alexander Liebreich: Es ist immer traurig, etwas aufzugeben, das man mit Liebe aufgebaut hat. Sich zu verabschieden war schon schwierig. Da aber von der Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen keine Antworten auf meine Planungen kamen und auch sonst keinerlei Rückmeldung, kein Vertrag, konnte ich meiner künstlerischen Verantwortung nicht gerecht werden. Ich habe mich daher zum 31. Juli freundlich verabschiedet.

ONETZ: Und wenn Sie jetzt mit gewissem Abstand auf Ihre Zeit dort zurückblicken – eine Erfahrung, die Sie nicht missen möchten?

Alexander Liebreich: Es war großartig! Die Natur als Inspirationshintergrund für klassische Musik zu haben, Veranstaltungsorte wie den Wank (Panoramaberg, Anmerk. d. Red.), das wunderbare Ettal oder Schloss Elmau und so tolle Menschen wie Franz Grasegger oder die Fotografin Nomi Baumgartl. Ich liebe die Natur des Werdenfelser Landes.

ONETZ: Und unabhängig von dieser Entwicklung: Vorsitzender der Richard-Strauss-Gesellschaft München bleiben Sie aber?

Alexander Liebreich: Ja! Vor Weihnachten hatten wir unser erstes Streaming, für den Sommer planen wir Meisterkurse und wollen Sir Simon Rattle (designierter Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters und -chores, Anmerk. d. Red.) zu einem Publikumsgespräch einladen.

ONETZ: Das neue musikalische Ufer steht auch schon fest: Sie gehen als Chefdirigent und künstlerischer Leiter des Orquesta de València nach Spanien. Wie hat sich das ergeben?

Alexander Liebreich: Das kam tatsächlich ein bisschen überraschend. 2016 hatten wir schon mal darüber gesprochen, damals hat sich die Stadt aber für einen Valencianer entschieden. Das Orchester habe ich übrigens mit Richard Strauss – Tod und Verklärung – kennengelernt. Nach meiner langen Zeit mit Rundfunkorchestern in den Niederlanden, in Polen und jetzt in Tschechien freue ich mich über dieses Angebot eines städtischen Orchesters. In einer Zeit, in der nichts geht, ist das ein Segen.

ONETZ: Und was haben Sie sich programmatisch vorgenommen?

Alexander Liebreich: Als Regensburger komme ich aus der Mitte des vielleicht stärksten Kulturraumes klassischer Musik – München, Wien, Prag, Dresden, Schubert, Bruckner, Zemlinsky, Strauss. Die Musik dieser „Donaukultur“ steckt mit in meinen regionalen Wurzeln. Und mit 52 Jahren habe ich jetzt auch den Überblick über das Repertoire und darüber, wie was zusammenhängt. Der Ansatz von Valencia war, so jemanden zu haben, jemanden, der sich damit auseinandergesetzt hat. Ich freue mich auch sehr auf die neuen Kultureindrücke Spaniens, beispielsweise vom Valencianer Joaquín Rodrigo, dessen Concierto de Aranjuez sicher viele kennen, oder aber die spanische Polyphonie, die maurischen Einflüsse.

ONETZ: Bedeuten das gleichzeitig den Abschied vom Rundfunk-Sinfonieorchester Prag?

Alexander Liebreich: Ich bin dort bis Ende 2022 Chefdirigent und künstlerischer Leiter. Aufgrund der schwierigen Situation im Moment muss man in einem gemeinsamen Gespräch weiter sehen.

ONETZ: Zusätzlich werden Sie auch als künstlerischer Berater des Konzertsaales Palau de la Música de València fungieren. Was verbirgt sich dahinter?

Alexander Liebreich: Die Zusammenarbeit mit dem Saal ist wichtig, viele Top-Orchester sind dort regelmäßig zu Gast. Es macht jedenfalls Sinn, weil das Palau die Heimat des Orquesta ist und ich zwar ein Vetorecht für das Orchester, nicht aber für diesen Saal habe. In erster Linie wird es um Programmplanung gehen.

ONETZ: Wie optimistisch beurteilen Sie die Chancen, im Herbst tatsächlich in die Saison 2021/22 starten zu können? Spanien ist ja auch ziemlich gebeutelt von der Pandemie.

Alexander Liebreich: Valencia spielt nach wie vor mit Live-Publikum. Ich bin also optimistisch und hoffe, dass die Hygienekonzepte tatsächlich umgesetzt werden. Jede Öffnung muss einhergehen mit verstärkten Hygienekonzepten. Im Oktober war ich in São Paulo (Brasilien), wo das alles auf wirklich virtuosem, vorbildlichen Niveau gehandhabt wurde. In Rio de Janeiro oder Manaus war es allerdings schon wieder ganz anders. In Prag ist der Umgang mit den Maßnahmen übrigens auch schwierig: Dort sitzen 70 Musiker in einem 200 Quadratmeter großen Studio ohne Klimaanlage und ohne Maske. Aber für Valencia bin ich momentan zuversichtlich.

Dirigent Alexander Liebreich
Hintergrund:

Zur Person: Alexander Liebreich

  • geboren 1968 in Regensburg
  • gründete mit 17 Jahren den Regensburger Kammerchor
  • Studium der Romanistik und und Musikwissenschaft an der Universität Regensburg
  • Studium an der Hochschule für Musik und Theater München und am Mozarteum Salzburg
  • 2003 erste Gastprofessur über den Deutschen Akademischen Austauschdienst an der University of Music and Dance Pjöngjang, Nordkorea
  • von 2006 bis 2016 Chefdirigent und und Künstlerischer Leiter des Münchener Kammerorchesters
  • von 2012 bis 2019 Künstlerischer Leiter und Chefdirigent des Nationalen Symphonieorchesters des Polnischen Rundfunks in Katowice/Polen
  • seit 2018 Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Rundfunk-Sinfonieorchesters Prag/Tschechien
  • von 2018 bis 2020 Künstlerischer Leiter des Richard-Strauss-Festivals Garmisch-Partenkirchen
  • zahlreiche Preise und Ehrungen, darunter 2016 Sonderpreis des Kulturpreises Bayern, 2018 Grammy-Nominierung und International Classical Music Award
  • lebt in München
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