13.05.2020 - 19:12 Uhr
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Verschwörungen: So funktionieren solche Mythen

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Zwangsimpfung? Ein Virus, bewusst im Labor gezüchtet? Jede Krise hat ihre eigenen Mythen. Experten aus der Region erklären, wie diese Erzählungen funktionieren und wie gefährlich sie wirklich sind.

Bundesweit demonstrierten Menschen gegen die Corona-Beschränkungen und für Grundrechte wie Versammlungsfreiheit und Glaubensfreiheit. Kritiker befürchten eine Vereinnahmung der Proteste durch Verschwörungstheoretiker und Rechtspopulisten.
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

Vor allem in Krisenzeiten genießen Verschwörungsmythen Hochkonjunktur. Auch die Coronakrise scheint ein Katalysator für solche Erzählungen zu sein: Einige dieser Erzählungen sind derzeit in aller Munde - nicht nur in den sozialen Medien, sondern auch auf den Straßen werden sie vieldiskutiert und oft weitererzählt.

"Diese Theorien erzählen eine Geschichte, die für viele attraktiv erscheint", sagt Gunther Hirschfelder, Regensburger Professor für Vergleichende Kulturwissenschaft. Zum einen, um sich selbst in Szene zu setzen - und zum anderen, um die Komplexität der Situation zu reduzieren. "Denn die Coronakrise ist unendlich komplex."

Ungewissheit und Unsicherheit

Grundsätzlich gilt also: Je komplizierter die Ereignisse und je stärker die gefühlte Bedrohung von außen, desto stärker ist der Verschwörungsglaube in der Gesellschaft.

Das sagt auch der Regensburger Neurowissenschaftler Volker Busch: "Die momentane Situation ist von Ungewissheit gekennzeichnet. Und in dieser Ungewissheit entsteht Unsicherheit. Ich denke, wenn wir als Gesellschaft sonst auch mit mehr Unsicherheit und Ungewissheit umgehen müssten, würden wir souveräner mit dieser Krise umgehen." Dass auch Politiker und Virologen keinen Masterplan für die Bekämpfung des Virus haben, verunsichere die Menschen wahnsinnig. Die Verbreitung von Verschwörungsmythen hänge immer von der Stimmung in der Bevölkerung ab. "Die Hälfte dieser Theorien, zum Beispiel die von der Impfmafia, die uns alle versklaven will, hätten noch vor einem Dreivierteljahr keinerlei Beachtung gefunden", meint Busch. Er spielt an auf den Mythos, nach dem Bill Gates den Menschen Mikrochips einpflanzen und sie zwangsimpfen lassen möchte. Die "Marionetten", die ihm dabei helfen sollen, seine "Gesundheitsdiktatur" aufzubauen, sind die Weltgesundheitsorganisation WHO, Virologen und Politiker. Andere erzählen, er habe das Virus bewusst gezüchtet, um später am Impfstoff zu verdienen.

Sinnsuche im Zufall

Tipps zum Umgang mit Verschwörungsgläubigen

Weiden in der Oberpfalz

"Der Mensch kann mit dem Zufall schlecht umgehen", erklärt Busch, der an der Universität Regensburg eine Arbeitsgruppe leitet, die die psychophysiologischen Zusammenhänge von Stress, Schmerz und Emotionen erforscht. Unser Gehirn suche in zufälligen Dingen Sinn und Bedeutung, sagt er und zitiert den Soziologen Kurt Lewin: "Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie." Psychologisch sei erwiesen, dass das menschliche Bedürfnis nach Sicherheit größer sei als das nach Wahrheit.

Fremdgesteuerte "Marionetten"?

Böse Absichten unterstellt Busch dabei nicht allen Verschwörungs-Anhängern. "Wer eine solche Theorie aufstellt, hat oft Böses im Sinn. Viele der Demonstrierenden sind aber liebe Leute, die oft nur mitlaufen und mitmeinen - eben, weil sie unsicher sind."

Trotzdem glaubt die Hälfte der Deutschen schon ohne Krise, dass Politiker von höheren Mächten gesteuert werden, "Marionetten" anderer seien. Das fand die "Mitte-Studie" der Friedrich-Ebert-Stiftung im April 2019 heraus. So glaubten zum Beispiel 46 Prozent der Befragten, geheime Organisationen hätten Einfluss auf politische Entscheidungen, und jeder zweite Befragte gab an, eigenen Gefühlen mehr zu vertrauen als einer Expertenaussage. Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder erklärt diese Abkehr von den Experten: "Die Deutungshoheit über gesellschaftliche Fragen liegt nicht mehr bei der Wissenschaft, sondern ist auf die Medien übergegangen."

Nach der Krise - wenn die Sicherheit wiederhergestellt ist - könnten diese Mythen einfach verpuffen, sagt Volker Busch. "Die Wahrscheinlichkeit, dass man dann nicht mehr auf einfache Feindbilder hereinfällt, wird kleiner, je mehr Sicherheit und Orientierung es gibt." Im schlechtesten Fall, so erklärt Busch, könnten die politisch radikalen Extremisten, die sich gerade unter demonstrierende Maßnahmen-Skeptiker und Verunsicherte mischen, diese Menschen für ihre politisch radikalen Ziele einspannen. "Die Gefahr, die dem innewohnt, ist, dass solche Verbindungen nach der Krise anhalten könnten."

Ein Kommentar zum Thema

Weiden in der Oberpfalz

Gefahr: Radikalisierung

Eine weitere Gefahr liegt in einer Radikalisierung des gleichförmigen Denkens. Busch erklärt: "Je länger man sich an solche Theorien hält, desto mehr beschäftigt man sich immer nur mit den gleichen Dingen." Und ab einem gewissen Punkt könne man als Außenstehender nicht mehr vordringen zu Anhängern von Verschwörungsmythen. Doch auch in einem früheren Stadium warnt er vor dem "Backfire-Effekt". Jeder Versuch einer Argumentation führe dann dazu, dass Anhänger stärker an ihren Überzeugungen festhalten.

Zur Homepage von Volker Busch

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