30.08.2020 - 18:48 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Verzweifelte Menschen und solche, die die Ängste der Menschen ausnutzen

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Positiv Getestete gehen feiern, Fußballfans liegen sich in den Armen, selbst ernannte "Querdenker" organisieren Massenproteste: Allmählich scheint sich in der Coronakrise eine Maßnahmen-Müdigkeit breit zu machen. Doch warum ist das so?

Nicht nur Teilnehmer von Kundgebungen haben Probleme mit den Corona-Regeln.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Positiv Getestete gehen feiern, Fußballfans liegen sich jubelnd in den Armen, selbst ernannte "Querdenker" organisieren Massenproteste ohne Mund-Masen-Schutz: Allmählich scheint sich in der Coronakrise eine gewisse Maßnahmen-Müdigkeit breit zu machen. Doch warum ist das so? Wir sprachen mit Professorin Gesine Dreisbach von der Universität Regensburg. Sie hat dort den Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie inne und beschäftigt sich unter anderem mit dem Thema Motivation.

Klares Ziel nötig

Die Psychologin stellt zuallererst klar: "Was mich im März unglaublich beeindruckt hat war, wie wir von einem Tag auf den anderen unser Verhalten geändert haben." Das sei eine enorme gesellschaftliche Leistung gewesen. Dreisbach glaubt, dazu hätten mehrere Faktoren beigetragen: "Zum einen ist es uns wohl leicht gefallen durch die Bilder aus Italien. Zum anderen haben die Politiker ganz klar informiert, alle wussten genau, was das Ziel ist." Es sei darum gegangen, die Zahl der Ansteckungen mit dem Virus zu begrenzen und das Gesundheitssystem vor Überlastung zu bewahren. Dreisbach erklärt: "Ganz allgemein gelingt uns etwas besser, wenn wir ein klares Ziel haben. Das ist zum Beispiel auch bei Diäten der Fall oder wenn man für einen Laufwettbewerb trainiert." Schwierig werde es oft erst, wenn das Ziel erreicht sei und das Ergebnis langfristig aufrechterhalten werden solle. "Das ist das Problem bei Verhaltensänderungen."

"Jetzt ist das Ziel der Coronamaßnahmen nicht mehr so eindeutig formuliert", sagt die Professorin: "Für den Einzelnen ist es viel schwieriger, sein individuelles Risiko einzuschätzen." Hinzu komme ein gewisser Ermüdungseffekt. "Es ist wieder viel los, im Frühjahr waren die Straßen leer, das hat geholfen, das eigene Verhalten entsprechend anzupassen." So beeindruckend die Reaktion auf den Lockdown im März auch gewesen sei, "wir haben ja trotzdem unsere Gewohnheiten nicht vergessen. Und natürlich möchte man irgendwann auch wieder zurück in die Normalität und nicht ständig mit schlechten Nachrichten konfrontiert werden."

Ein Bericht über die Demonstration in Berlin

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Dauernd leicht angespannt

Das sei zwar alles verständlich, letztlich führt laut Dreisbach aber doch kein Weg vorbei an der Erkenntnis, "wir müssen jetzt eben vernünftig sein, das ist jetzt halt mal so". Dazu bedürfe es jedoch der Kommunikation von klaren Zielen. "Im Prinzip wird das schon gemacht, die Politiker müssten aber noch deutlicher werden. Momentan wird etwa nicht gesagt, wie lange die Maßnahmen dauern und wozu sie führen sollen." Strafen allein, sagt Dreisbach, seien keine Lösung und Verbote nicht nachhaltig. "Es ist einfach ungewohnt und ja, es ist anstrengend und schwierig, auf Dauer achtsam zu sein und Gewohnheiten wie etwa die Umarmung zur Begrüßung zu unterdrücken." Hinzu komme, dass viele Menschen nur schlecht mit Unsicherheit umgehen könnten und durchaus konkrete Existenzängste hätten. "Zurzeit spürt man dauernd eine leichte Anspannung."

Was schließlich die immer lauter agierende Gruppe der "Coronaleugner" und Demonstranten gegen die Maßnahmen angehe, "sind die Motivationslagen sehr unterschiedlich. Da gibt es verzweifelte Menschen und radikale Gruppen und solche, die die Situation und Ängste der Menschen ausnutzen. Das ist eine ganz schwierige Mischung von mehr oder weniger politischen Überzeugungen," sagt die Psychologin.

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