22.02.2021 - 16:53 Uhr
Deutschland & Welt

Regensburger Historiker: Wie frühere Pandemien die Oberpfalz und die Welt trafen

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Abstandsregeln und Quarantänemaßnahmen gab es schon im Mittelalter. Dr. Jörg Zedler, Akademischer Oberrat am Lehrstuhl für Bayerische Landesgeschichte der Uni Regensburg, erklärt, wie die Menschen mit früheren Pandemien umgegangen sind.

Dr. Jörg Zedler, Akademischer Oberrat am Lehrstuhl für Bayerische Landesgeschichte an der Universität Regensburg.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

ONETZ: Die Corona-Pandemie fühlt sich für uns wie ein absoluter Ausnahmezustand an, doch Pandemien sind nichts Neues in der Menschheitsgeschichte, oder?

Dr. Jörg Zedler: : Pandemien gab es immer. Das eigentlich Neue ist, dass es in Mitteleuropa in den vergangenen 100Jahre keine Pandemie gegeben hat. Die erste historisch belegte große Seuche, die „Antoninische Pest“, erfasste im zweiten Jahrhundert nach Christus Rom. Und sie sollte nicht die einzige bleiben. Es folgten nicht nur in Rom in den nachfolgenden Jahrhunderten noch einige weitere Seuchen.

ONETZ: Massiv tobte im 14. Jahrhundert die Pest mit geschätzten 20 Millionen Todesopfern bei einer Gesamtbevölkerung von 80 Millionen Menschen in Europa. Wie versuchten die Menschen damals, sich zu schützen?

Mit erstaunlich aktuell anmutenden Mitteln. Zunächst waren vor allem Handelsstaaten wie Venedig betroffen. Dort wurden Schiffe aus Risikogebieten abgewiesen oder sie mussten 30 Tage ankern, um zu sehen, ob die Krankheit an Bord ausbricht. Später wurde der Zeitraum auf 40 Tage ausgeweitet, auf Italienisch „Quaranta“. So entstand das heute geläufige Wort „Quarantäne“. Außerdem erfanden die Venezianer das Prinzip der doppelten Eindämmung: Sie riegelten ihre Stadt ab und brachten gleichzeitig ihre Erkrankten auf die vorgelagerten – aber eben isolierten – Inseln in Lazarette.

ONETZ: In der jüngeren Geschichte forderte die Spanische Grippe von 1918 bis 1920 nach Schätzungen über 50 Millionen Menschenleben.

Die Spanische Grippe ging von den USA aus und wurde im Frühsommer 1918, in den letzten Monaten des Ersten Weltkriegs, mit den US-Soldaten nach Europa gebracht. Die Pandemie wurde zunächst grandios unterschätzt. So ignorierte die US-Gesundheitsbehörde etwa einen Arzt, der auf die große Gefahr der neuen Seuche hingewiesen hatte. Auf eine erste Welle im Frühjahr und Sommer 1918 folgte dann weltweit eine deutlich heftigere zweite Welle im Herbst 1918 und eine dritte Welle mit Ausbrüchen 1919 und 1920. Bemerkenswert ist, dass die Erkrankung mehrheitlich jüngere Menschen zwischen 15 und 30 Jahren und Frauen schwer betraf. Ältere Menschen hatten durch eine ähnliche Grippe, die Ende des 19. Jahrhunderts grassierte, wohl eine Teil-Immunisierung.

ONETZ: Gab es eine Art Lockdown mit Schul- und Geschäftsschließungen?

Die Maßnahmen fielen sehr unterschiedlich aus. In Philadelphia in den USA starben in der zweiten Welle 5000 Menschen allein in der ersten Woche, im ähnlich großen St. Louis lag die Sterberate acht Mal niedriger. In St. Louis hatten die Behörden frühzeitig reagiert, Schulen, Kinos, Bibliotheken und Kirchen geschlossen, öffentliche Versammlungen verboten und Quarantänemaßnahmen verhängt. Diese Strategie gilt bis heute als erfolgreiches Modell.

ONETZ: Gab es Hygienemaßnahmen wie Maskenpflicht und Abstandsregeln?

Es gab Empfehlungen, Menschenmengen zu meiden, oft Hände zu waschen und viel zu lüften – aber auch weniger sinnvolle Ratschläge, wie das Essen lange zu kauen. Eine – übrigens sehr erfolgreiche – Maskenpflicht gab es damals nur in manchen Orten der USA, in Deutschland hingegen gar nicht.

ONETZ: Wie heftig schlug die Spanische Grippe in Bayern und in der Oberpfalz zu?

Als erstes waren bayerische Soldaten an der Westfront betroffen, dann schwappte die Grippe über Nordbayern auch in die Zivilbevölkerung. In Nürnberg brachen plötzlich Menschen auf der Straße zusammen. In Regensburg forderte die Spanische Grippe in der zweiten Welle etwa 300 Tote, die Krankenhäuser waren überfüllt. Von Mitte Oktober bis November 1918 wurden die Schulen geschlossen, Geschäfte blieben aber offen. Sonst sind aus der Oberpfalz kaum Daten vorhanden. Die militärische Zensur hat eine Berichterstattung größtenteils verhindert, man wollte die Menschen nicht zusätzlich beunruhigen, schließlich befand man sich in der Phase von Kriegsniederlage und Revolution.

ONETZ: Die aktuelle Pandemie dominiert die Politik und die Berichterstattung. War das in früheren Pandemien ähnlich?

Es ist überaus erstaunlich, dass die Spanische Grippe zeitgenössisch kaum wahrgenommen wurde – obwohl sie in Bayern schätzungsweise 30 000 Tote forderte. In einem Artikel der „Münchner Neuesten Nachrichten“ vom Januar 1919 hieß es, es sei „seltsam, wie gelassen die Welt die furchtbare Influenza-Epidemie (…) hingenommen hat“. Erklärbar ist das nur durch die Zeitumstände. Der Erste Weltkrieg ging zu Ende, gefolgt von der Novemberrevolution 1918 und in Bayern von weiteren Revolutionen 1919. Es war politisch so viel los, dass man nicht glaubte, sich auch noch um die Grippetoten kümmern zu können.

ONETZ: Alle sehnen das Ende der Corona-Pandemie herbei. Wie endete die Spanische Grippe? Ein Impfstoff stand ja nicht zur Verfügung.

Nach den drei großen Wellen gab es in den 1920er-Jahren lokal immer wieder gehäufte Grippeinfektionen. Letztlich sorgte die Durchseuchung dafür, dass die Wellen abebbten. In mutierter Form kursiert das Virus aber immer noch, mit seinen „Nachfahren“ leben wir weiterhin jedes Jahr zur Grippesaison.

Die Coronalage in der Oberpfalz

Oberpfalz
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