13.07.2018 - 11:54 Uhr
RegenstaufDeutschland & Welt

Das stille Sterben

Zunächst war es nur gefühltes Wissen, dass in der Natur ein schleichendes Sterben eingesetzt hat – diesmal nicht in afrikanischen Savannen, tropischen Regenwäldern oder arktischen Eiswüsten, sondern mitten in der Heimat.

Dieser Anblick wird immer seltener. Insekten, und damit auch Faltern, fehlen zunehmend geeignete Lebensräume.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Spaziergänger fragten sich, warum sie immer weniger Falter über die Wiesen flattern sahen. Doch belastbare Zahlen zum vermuteten Insektenschwund fehlten lange – bis zum Herbst 2017, als die „Krefelder Studie“ für Furore sorgte.

Darin beschreiben der Entomologische Verein Krefeld und Wissenschaftler zweier Universitäten einen Rückgang von bis zu 75 Prozent an der Biomasse fliegender Insekten. Die Daten waren über 27 Jahre hinweg an insgesamt 63 Standorten in Schutzgebieten in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Brandenburg gesammelt worden. In die Auswertung gingen 1500 Einzelmessungen ein. Zwar weist die Studie methodische Mängel auf, doch bezweifelt kaum ein Experte die grundsätzliche Richtigkeit der Ergebnisse.

Zugepflastert und gemäht

Landschaftsplanerin Susanne Schwab in ihrem Garten in Luhe.

Ortstermin bei Susanne Schwab in Luhe, Landkreis Neustadt/WN. Die Diplom-Ingenieurin für Landespflege kartiert Lebensräume, plant Gärten, Grün- und Ausgleichsflächen und ist im Landesbund für Vogelschutz (LBV) aktiv. „Zu viel wird asphaltiert und zugepflastert“, sagt Schwab. „Da ist es doch kein Wunder, wenn die Insekten fehlen.“ Grünstreifen an Straßen und Grünflächen in Ortschaften würden zu häufig radikal abgemäht, ebenso die Ränder von Äckern. Schwab spricht von einer regelrechten „Mähwut“ jenseits der Erfordernisse der Verkehrssicherheitspflicht. „Es geht nur ums ,Sauber-Sein’.“ Doch was für manches menschliche Auge ordentlich aussieht, ist für Insekten verheerend. Nichts blüht mehr, es fehlt den Tieren an Nahrung und Lebensraum.

Inzwischen beschäftigt das Insektensterben auch die Bundesregierung. Umweltministerin Svenja Schulze schreibt auf ihrer Homepage: „Wir wissen längst nicht alles über das Insektensterben. Aber wir wissen genug, um schnell zu handeln.“ Die Ursachen des Insektenrückgangs, heißt es im Umweltministerium, seien „vielfältig und insgesamt komplex“: eine übermäßige Anwendung von Pflanzenschutzmitteln und anderen Pestiziden, der Verlust der Strukturvielfalt mit einer Vielzahl an Blühpflanzen und der Intensivierung in der Agrarlandschaft, die Eutrophierung von Böden und Gewässern sowie die Lichtverschmutzung in und um Siedlungen. Schulze plant unter anderem einen grundsätzlich restriktiveren Umgang mit Pestiziden, nicht nur mit Glyphosat. „Wir brauchen zudem mehr Vielfalt in der Landschaft: Hecken und blütenreiche Wiesen statt Monokulturen sind überlebenswichtig für Insekten, Vögel und viele andere Tierarten.“

Feldversuch: Hunderte Meter wogt das Getreide. Schnurgerade hindurch führt ein Wirtschaftsweg. Sowohl der Grasstreifen in der Mitte als auch die Ränder des Weges sind zentimeterkurz gemäht. „Feldrandhygiene“ heißt das. Und nichts regt sich. Einen Kilometer weiter schmiegen sich die Äcker hingegen an einen Hang. Dazwischen verlaufen noch Heckenstreifen und Gräben, in denen es wild wuchert – Buschwerk, Brennnesseln, Disteln, verschiedene Stauden. Und darüber gaukeln Kohlweißling, Pfauenauge, Schachbrettfalter. Ähnlich sieht es in der Flussaue aus. Auf geschützten Inseln voller Hochstauden summt und surrt es – Falter, Hummeln, Käfer und Grashüpfer überall. Dort hingegen, wo der Landwirt das Gras in kurzen Abständen regelmäßig mäht, ist es totenstill. Die Wiese erstreckt sich als grüne Wüste bis zum Horizont.

In der geschützten Staudenflur nahe des Flusses erklimmt ein Rosenkäfer Mädesüß.

Landwirte als Sündenböcke?

Thomas Bayerl, Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbands (BBV) für Amberg-Neumarkt, sieht die Landwirtschaft jedoch zu Unrecht in die Rolle des Sündenbocks gedrängt. Er verweist auf Anfrage auf die offizielle BBV-Pressemitteilung vom Oktober 2017, die an der Krefelder Studie aufgrund deren methodischer Mängel kein gutes Haar lässt. Um Aussagen darüber machen zu können, wie sich die Anzahl der Insekten verändert hat, benötige man Messungen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten an denselben Orten durchgeführt wurden, schreibt der BBV: „Die Autoren der Studie allerdings haben solche Daten nicht und schreiben das auch selbst.“

Einseitige Schuldzuweisungen in Richtung Landwirtschaft würden sich verbieten. „Wer trotzdem versucht, einfach der Landwirtschaft den schwarzen Peter zuzuschieben, ist unglaubwürdig und verkennt die Dimension des Problems – auch und gerade für die Landwirtschaft“, erklärt der Bauernverband. Denn Landwirte engagierten sich in enormem Maße für den Umwelt- und Naturschutz. In Bayern wird laut Bayerl inzwischen jeder dritte Hektar nach Agrar-Umweltmaßnahmen bewirtschaftet, wie etwa dem neuen Kulturlandschaftsprogramm (KULAP), das ein- und mehrjährige Blühflächen vorsieht und finanziell fördert. Derzeit gebe es im Freistaat 700 000 KULAP-Flächen, wobei der Schwerpunkt auf Biodiversität, also Artenvielfalt, liege. Dazu kämen über 500 Kilometer Blühstreifen beziehungsweise 14 000 Hektar mehr- und einjährige Blühstreifen und -flächen. Streifenelemente ökologischer Vorrangflächen nähmen über 2300 Kilometer ein. Bayerische Bauern leisteten darüber hinaus auf mehr als 80 000 Hektar Vertragsnaturschutz.

Eine der Hauptursachen für den Rückgang der Biodiversität, sagt BBV-Geschäftsführer Bayerl, sei der anhaltend hohe Flächenverbrauch. „Seit 1960 hat die landwirtschaftliche Fläche in Bayern um mehr als 840 000 Hektar abgenommen. Das entspricht der gesamten Acker- und Wiesenfläche von Schwaben und Unterfranken zusammen.“ Diese Fläche fehle nicht nur der Landwirtschaft zur Erzeugung von Lebensmitteln, sondern auch als Lebensraum für viele Pflanzen, Insekten, Bienen und Wildtiere.

Getreidefeld ohne Ackerbeikräuter mit abgemähten Rändern.

Intensivierung das Problem

Diplom-Biologin Sigrid Peuser von der Oberpfälzer Bezirksgeschäftsstelle des LBV in Regenstauf widerspricht dem vehement. „Die Landwirtschaft ist nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und weltweit der Hauptfaktor für den Rückgang der Insekten“, sagt sie. Immer mehr Wiesen würden in Äcker umgewandelt und jeder einzelne Lebensraum werde immer intensiver bewirtschaftet. „Jeder, der sich dafür interessiert, kann selbst sehen, wie sich die Natur verändert.“ Schuld am Insektensterben sei an erster Stelle die moderne Landwirtschaft, gefolgt von der modernen Forstwirtschaft. Erst danach komme die Umwandlung von landwirtschaftlicher Fläche in Bau- und Gewerbegebiete sowie Verkehrsflächen.

Die Biologin erklärt: Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts sei der Lebensraum Wiese maximal dreimal im Jahr schonend mit der Sense gemäht worden, so dass die Pflanzen aussähen konnten. Heute komme hingegen bis zu siebenmal jährlich der Kreiselmäher zum Einsatz. „Der zerhäkselt die meisten Insekten und der Rest wird in der Regel in Silofolie verpackt und verschwindet so von der Wiese.“ Außerdem werde Landwirten geraten, „sämtliche Blütenpflanzen herauszupflegen“ und beispielsweise nur noch Weidelgras anzubauen.

Jeder, der sich dafür interessiert, kann selbst sehen, wie sich die Natur verändert.

Sigrid Peuser, Biologin, LBV-Bezirksgeschäfsstelle Regenstauf

Flächen, auf denen Bauern in Förderprogrammen Blütenpflanzen aussähen, seien „nicht mal ansatzweise ein Ersatz“, sagt Peuser. „Das sind Standardmischungen, doch viele Insekten sind stark auf ganz bestimmte Pflanzen spezialisiert.“ Peuser bezeichnet solche Maßnahmen „als reine Imagepflege der Agrarlobby. Man braucht halt einfach eine gewachsene heimische Wiese mit 30 bis 60 Pflanzenarten und keine Graswüste.“ Auf den Äckern habe der gestiegene Pestizideinsatz zur weitgehenden Ausrottung der Insekten geführt.

Die LBV-Expertin stellt aber auch klar: „Ich verurteile gar nicht den einzelnen Bauern, denn der muss aus wirtschaftlichen Zwängen heraus so handeln.“ Das Kernproblem sieht die Biologin vielmehr in einer Fehlentwicklung der Landwirtschaftspolitik, gegen die weder Naturschützer noch staatliche Stellen wie das Umweltministerium ankämen. Im Gegenteil – Peuser fürchtet, „dass die Entwicklung noch krasser wird“. Als Beispiel nennt sie den Ausbau des sogenannten landwirtschaftlichen Kernwegenetzes. „Damit werden mittelfristig alle kleinen Wege und Raine in den Feldern verschwinden und die Bewirtschaftung riesiger strukturloser Flächen mit großen GPS-gesteuerten Maschinen, wie es bereits heute in den USA oder den neuen Bundesländern üblich ist, wird zunehmen. Außer für Nutzpflanzen ist auf solchen Äckern für nichts mehr Platz.“ Peuser sieht allerdings auch einen Hoffnungsschimmer: „Ich glaube, dass sich das Bewusstsein in der Bevölkerung langsam wandelt. Jeder Einzelne muss sich einsetzen für die Agrarwende.“

Schotter statt Wiese

Moderne Gartengestaltung.

Fahrt übers Land. Die Gemeinde will weiter wachsen. Wo vor kurzem noch wilde Wiese war, führt jetzt eine asphaltierte Straße bis kurz vor den Waldrand. Links und rechts davon ist der Boden planiert, Parzellen sind abgesteckt, der Grund wurde erschlossen. Bald bauen hier junge Familien. Auch Gärten und Vorgärten werden entstehen. Für Insekten gibt es dort aber meist nur wenig zu holen. Denn sie finden gerade auch auf dem Dorf fast ausschließlich kurz geschorene Rasenflächen mit ein paar Büschen, Koniferen oder säuberlich getrimmten Hecken entlang des Zauns vor. Und in den Vorgärten erstickt alles Leben immer öfter unter einer dicken Schotterschicht.

„Häufig höre ich, ein Garten darf keine Arbeit machen und muss pflegeleicht sein“, sagt Landschaftspflegerin Schwab. Das führe dazu, die Vorgärten aufzuschottern oder zu pflastern. „Und wenn ich dann nur noch Stein- oder Betonwüste habe, stelle ich wie auf einer Insel eine einzige Pflanze hin.“ In ihrem eigenen Garten zeigt Schwab, dass es auch anders geht. Die mit Blumen durchsetzte und von Obstbäumen bestandene gemähte Fläche ist vergleichsweise klein. Dafür nehmen ein Bauerngarten und Staudenbeete viel Platz auf dem terrassierten Gelände ein. „Um die Staudenfläche muss ich mich vielleicht zweimal im Jahr kümmern“, sagt Schwab. Ein Zierrasen hingegen müsse ständig gepflegt werden: „Da wird gewässert, gedüngt, vertikutiert.“ Problematisch, sagt die Landschaftspflegerin, sei auch die regelmäßige Mulchmahd, bei der das Gras sehr kurz gehalten und das Mähgut samt Kleinstlebewesen sofort verhäkselt und als Dünger liegen gelassen wird. Auch moderne Gartengeräte wie Mähroboter, Laubbläser und -sauger fügten der Insektenpopulation großen Schaden zu.

„Wiese statt Rasen“, schlägt Susanne Schwab vor. In ihrem Garten blüht es überall. Hummeln, Bienen und Wildbienen, Schwebfliegen und Falter sind zwischen den Stauden, Blumen und Kräutern unterwegs, sammeln Nektar und bestäuben die Pflanzen im Gegenzug. „Nur ein Insektenhotel im Garten aufzuhängen, das reicht halt nicht“, sagt Schwab: „Die Tiere brauchen auch Nahrung.“ Dafür kommen neben heimischen Pflanzen durchaus „Exoten“ in Frage. „Man sollte aber darauf achten, dass man nicht nur gefüllte Blüten im Garten hat, sondern auch einfach-blütige Pflanzen setzt.“ Sogar auf Terrasse, Balkon und Dächern könne man Pflanzen kultivieren, die Insekten Nahrung bieten. Schwab bemerkt jedoch generell eine zunehmende Entfremdung von der Natur: „Die Leute haben keinen Bezug mehr dazu.“

Hintergrund:

Insektensommer und Gärten des Grauens

Der Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV) hat heuer zusammen mit dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) die Mitmachaktion „Insektensommer“ gestartet. Etwa 33000 Insektenarten gibt es laut LBV in Deutschland, doch über die meisten lägen noch keine genauen Daten vor. Deshalb sind alle Interessenten aufgerufen, in zwei festgelegten Zeiträumen Insekten zu zählen. Nach der ersten Zählwoche vom 1. bis 10. Juni sind deutschlandweit knapp 3000 Meldungen eingegangen, davon rund 350 aus Bayern. Zum zweiten Mal gezählt wird vom 3. bis zum 12. August. Wer an der Aktion interessiert ist oder generell etwas über Insekten erfahren möchte, findet mehr dazu online beim LBV.

Wie sich die Gartenkultur in Deutschland immer stärker Richtung „Steingarten“ verändert, zeigt der Biologe und Botaniker Ulf Soltau auf seiner satirischen Facebook-Seite „Gärten des Grauens“.

Kritik an der Zersiedelung der Landschaft und „Verschandelung“ gewachsener Strukturen hat der preisgekrönte Autor und Filmemacher Dieter Wieland bereits in den 1980er Jahren geäußert. Am bekanntesten ist wohl sein Beitrag „Grün kaputt. Landschaft und Gärten der Deutschen“ aus dem Jahr 1983. Zu sehen ist der gut 40-minütige TV-Film unter anderem auf Youtube oder online beim Bayerischen Rundfunk bzw. in der Mediathek der ARD.

Quellen/weitere Infos im Netz unter:

https://www.bayerischerbauernverband.de/themen/landwirtschaft-umwelt/ins...

www.bmu.de/insektenschutz/

www.lbv.de/mitmachen/fuer-einsteiger/insektensommer

https://de-de.facebook.com/GaertenDesGrauens






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