20.06.2019 - 21:01 Uhr
RiedenDeutschland & Welt

Felsenbad in Pottenstein zu: Bademeister fehlen auch in der Region

Das bekannte Felsenbad in Pottenstein hat zurzeit geschlossen. Die Stadt findet keine Bademeister - ein Problem, das auch die Oberpfalz kennt. Der Beruf gilt als unattraktiv: Viel Verantwortung, harte Arbeitszeiten. Der Riedener Bademeister liebt seinen Job trotzdem.

von Julian Trager Kontakt Profil

Stefan Frühbeißer blickt nach oben und presst die Lippen zusammen. Der Himmel blau, die Sonne brennt. Am Berg gegenüber kreischen Mädels, die Sommerrodelbahn. Pfingstferien. "An so einem Tag ist es besonders bitter", sagt Frühbeißer. "Da tut einem das Herz weh." Dann sperrt er die Tür zum Felsenbad in Pottenstein (Kreis Bayreuth) auf. Weil die Stadt keine Bademeister findet, hat das Freibad, das als eines der schönsten Deutschlands gilt und in der Fränkischen Schweiz an der Grenze zur Oberpfalz liegt, in dieser Saison noch nicht öffnen können.

Zwei Bademeister fehlen, sagt Frühbeißer. "Es ist problematisch, Personal zu finden." Frühbeißer ist der Bürgermeister von Pottenstein. Das Thema beschäftigt ihn sehr. Medienanfragen, Stadtratsitzungen, Gespräche mit potenziellen Kandidaten. "Wir haben schon viel versucht", sagt er. Einen unterschriebenen Vertrag hat's bisher aber noch nicht gebracht. Der Bademeisterjob sei halt nicht besonders attraktiv: Zu wenig Geld, im Vergleich zur großen Verantwortung.

Im Waldfreibad in Altglashütte bei Bärnau (Kreis Tirschenreuth) stand die Saison ebenfalls kurz vor dem Aus, weil kein Schwimmmeister gefunden wurde. Bis sich Siegfried Walter durchrang, weiter zu machen. Eigentlich wollte der Bademeister in seinen verdienten Ruhestand, konnte aber sein Bad nicht geschlossen sehen. Walter hängt nun ein Jahr dran - mit 78 Jahren. Deutschlandweit fehlen etwa 2500 solcher Stellen, schätzt der Bundesverband deutscher Schwimmmeister. Robert Kratzenberg, Vorsitzender des bayerischen Landesverbands und Geschäftsführer des Naturerlebnisbads in Immenreuth, hält das für übertrieben: In Bayern fehlen vielleicht 200 Fachangestellte für Bäderbetriebe, wie der Job offiziell heißt. Trotzdem sieht auch Kratzenberg ein Problem, gerade für kleinere Freibäder mit oft nur einem Bademeister - also rund die Hälfte aller Bäder im Freistaat.

Tödlicher Badeunfall

"Der Nachwuchs geht zu größeren Bädern, in denen man Schicht arbeiten und mal einen Tag frei machen kann", sagt Kratzenberg. In kleineren Bädern ist das nahezu unmöglich, der Bademeister muss ja immer da sein - an jedem Wochenende, an jedem Feiertag. "Das ist unattraktiv." Dazu die alleinige Verantwortung. "Das trauen sich nicht viele." Zudem fehle den Jüngeren oft das Herzblut, die Verbundenheit mit einem Bad.

Max Wagner ist seit 33 Jahren Bademeister im Freibad Rieden (Kreis Amberg-Sulzbach). Er ist einer von denen, die alleine für ein Bad verantwortlich sind. Wagner liebt sein Bad und seinen Job, sagt aber auch: "Es ist Fluch und Segen." Es gebe viele Faktoren, die den Beruf des Bademeisters nicht besonders anziehend machen. Vor allem die Verantwortung sei happig. Es könne immer etwas passieren, auch wenn nur ein Gast im Bad ist. Der 56-Jährige erzählt von einem tödlichen Badeunfall im Bad, Herzinfarkt. Oder davon, wie er einen Mann im benachbarten Campingplatz wiederbelebte. "Die Verantwortung sitzt einem im Genick", sagt Wagner, die Miene starr.

Das ist insofern wichtig, weil der Riedener, durchtrainiert, braun gebrannt, Dr.-Müller-Wohlfahrt-Frisur, ansonsten immer lacht oder grinst, wenn er einen Satz beendet. Wagner, im Vilstal auch als "Bade-Max" bekannt, sagt: "Man muss das Positive aus der Arbeitsstelle herausziehen."

Er sei quasi sein eigener Chef, nur der Bürgermeister über ihm. Und der erlaube sehr viel. "Ich habe freies Spiel", sagt Wagner. "Das Bad sehe ich mittlerweile als mein Privatbad." Sonnenliegen, Bänke, Blumen, Sträucher - er gestaltet alles so, wie es ihm gefällt. Das mache selbst 13-Stunden-Tage erträglich, hat aber auch Grenzen. "Wenn's heiß ist, muss man halt auf was verzichten, dann kann man nicht mal in die Leberkassemmel beißen." Höchste Priorität habe immer die Badeaufsicht - und die ist in Rieden bei drei Becken ziemlich anspruchsvoll für eine Person. Am Wochenende hilft immerhin die Wasserwacht.

In 33 Jahren hat Wagner viele Menschen kennengelernt, an heißen Tagen kommen bis zu 1200 Besucher ins Bad. Zu vielen pflegt er Freundschaften. Die Stammgäste sind eine "Big Family", sagt der 56-Jährige. Man kennt und grüßt sich, ratscht und scherzt miteinander. Eine Camperin kommt vorbei, bringt dem Bademeister einen Dotsch. Der bedankt sich und lacht. Viele Gäste erzählten ihm von ihren Problemen. Ein Bademeister muss auch ein bisschen Psychologe sein, sagt Wagner. Dazu Sportler, Polizist, Doktor, Techniker, Gärtner.

"Wichtig fürs Image"

Im fast 100 Jahre alten Felsenbad in Pottenstein zeigt Bürgermeister Frühbeißer auf das kristallklare Wasser. Das Bad wäre betriebsbereit. "Wir könnten von heute auf morgen starten." Jeder Tag ohne Betrieb sei ein schlechter Tag. "Das Felsenbad ist unheimlich wichtig für die Stadt, vor allem aus Imagegründen. Wir sind ja der Haupttourismusort in der Fränkischen Schweiz."

Der Hauptgrund, warum die Stadt nicht gerade von Bewerbern überrant wird, ist für Frühbeißer die Saisonarbeit. Freibäder haben nur von Mai bis September offen. "Das ist wie die Arbeit auf einer Bohrinsel. In der Hauptsaison ist man quasi für vier Monate weg", sagt Kratzenberg vom Schwimmmeister-Verband. Frühbeißer denkt deswegen an Leihgeschäfte, den Austausch von Badepersonal, zwischen Gemeinden sowie Hallen- und Freibädern. Hat bisher aber auch nicht geklappt. "Zu viele bürokratische Hindernisse." Eine Woche später ist Frühbeißer schon optimistischer. "Die Tendenz ist, dass wir im Juli aufmachen können", sagt er am Telefon.

Den Vergleich mit der Arbeit auf einer Bohrinsel findet Bademeister Wagner gut. "Das trifft's", sei aber gar nicht mal so schlimm. Die freie Zeit im Winter habe er immer gut genutzt. "Ich war in jüngeren Jahren monatelang in der Weltgeschichte unterwegs", sagt der 56-Jährige. USA, Australien, Neuseeland. Klettern, wandern. "Das prägt mich bis heute. In einem anderen Beruf hätte ich das nicht machen können."

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