26.01.2020 - 14:01 Uhr
Hof an der SaaleDeutschland & Welt

Romantisch und schaurig zugleich

Er ist der Quell unzähliger künstlerischer Adaptionen: Die Gestalt des Grafen Dracula gehört zu den bekanntesten literarischen Figuren der Welt. Am Theater Hof inspiriert der Vampir zu einem fulminanten Rock-Ballett.

Eine Höhepunkt des Rock-Balletts "Dracula" am Theater Hof ist die Szene auf dem Friedhof, wo die Untoten um ihre Macht kämpfen.
von Holger Stiegler (STG)Profil

Es ist schon erstaunlich, was man aus dem gut 500-Seiten-Roman von Bram Stoker aus dem Jahr 1897 alles machen kann: Gruselige Verfilmungen, wahre Blutschlachten, moderne Serien und – natürlich – gibt es auch ein Musical zu dem Stoff. Daniela Meneses (Assistenz: Roberta Rizzini) hat daraus ein Rock-Ballett gemacht, das am Freitagabend am Theater Hof uraufgeführt wurde. Vampire und Untote, die aus den Gräbern steigen, um frisches Blut zu lecken, haben freilich Konjunktur – Vampirromane gibt es aktuell zur Genüge und auch in den Streaming-Kanälen folgt eine Vampirserie auf die andere. Dass der Hofer „Dracula“ sich aber vom mittelmäßigen Mainstream absetzt, hat viele Gründe.

Da ist zum einen die stimmige Auswahl der Songs, die wie gemacht sind fürs Rock-Ballett: „Paint it black“ von den Rolling Stones und „Comfortably Numb“ von Pink Floyd fehlen genauso wenig wie „White wedding“ von Billy Idol, „Nothing else matters“ von Metallica und „Thunderstruck“ von AC/DC. Den Liedern gelingt es, der Handlung die richtige Tiefe zu verleihen: Graf Dracula ist eine verlorene Seele. Nach dem Tod seiner Frau Elisabeth – der Liebe seines Lebens – wendet er sich der dunklen Seite des Lebens zu und sinnt nach Rache für seinen Verlust. Von der Welt abgekehrt, verbringt er viele Jahre verborgen auf seinem Schloss in Transsilvanien – bis er Mina Harker trifft, die ihn an seine große Liebe erinnert.

Dracula und "seine" Mina - eine Geschichte, die nicht gut ausgehen kann.

Musik und Choreographien vereinen sich zu einem Erzählballett, das den Zuschauern die Geschichte nahe bringt. Die beiden Hauptrollen sind Mina Harker, getanzt von Naila Fiol, und Graf Dracula, interpretiert von Lucas Correa: zwei Künstler und exzellente Tänzer. Sie verstehen es, den Figuren Gewicht und Glaubhaftigkeit zu verleihen. Gerade die Paartänze der beiden machen aus dem „Dracula“-Stoff das, was Meneses beabsichtigt – nämlich eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, in der die Grenzen zwischen Gut und Böse im Fluss sind.

Die Besetzung kann in ihrer Gesamtheit als absolut gelungen gewertet werden, jede Tänzerin und jeder Tänzer bekommt dies spätestens beim frenetischen Schlussapplaus zu spüren – egal, ob Ali San Uzer als Jonathan Harker oder Andrea Frisano als Doktor van Helsing. Die Choreographien der Massenszenen überzeugen auf ganzer Linie, besonders prachtvoll gerät die Verlobungsfeier zu Beginn des 2. Aktes: Selbst das Nippen am Sektglas lässt den Zuschauer erstaunen. Ein Sonderlob im homogenen Ensemble verdient Isabella Bartolini, die ihrer Partie als besessene Lucy Westerna ein hohes Maß an Authentizität verleiht.

Verortet ist das Ballett in eine bildergewaltige Bühne (verantwortlich: Annette Mahlendorf) mit einer Mischung aus „echten“ Requisiten und Videoeinblendungen – das Schloss des Grafen und die Szenerie auf dem Friedhof erzeugen durchaus Gänsehaut. Die viktorianischen Kostüme runden das opulente Erscheinungsbild der schaurig-schönen Inszenierung adäquat ab.

Meneses‘ „Dracula“ hat großes Potenzial – zum einen, um zum festen Repertoire an Ballettbühnen zu werden, und zum anderen, um auch ein junges Publikum für die Sparte Ballett zu begeistern. Die Standing Ovations und „Bravo“-Rufe in Hof belegen dies.

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