Schlagerstar Karel Gott ist gestorben

Karel Gott hatte Millionen Fans in Ost und West, blieb für immer jung, hat sie stets gut unterhalten. Er war ein Star zum Anfassen. Seine Schlager wird man im Kopf behalten. Auch über seinen Tod hinaus werden ihn viele weiter vergöttern.

Der tschechische Schlagersänger Karel Gott bei einem Konzert 2018.
von Autor SHJProfil

Schlager werden erst dann richtige „Schlager“, wenn sie zu Ohrwürmern mutiert sind. Morgens beim Zähneputzen im Radio gehört und den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf zu bekommen. Jeder kennt das. Am Ende bringen es nicht wirklich viele der Kompositionen von drei, vier Minuten Länge dazu, zu kultigen Ohrwürmern zu werden, die man stets auch gleich mit dem Interpreten verbindet.

Einer, der einen Würmer in die Ohren setzen konnte, wie kaum ein zweiter, ist nicht mehr. Karel Gott, die "Goldene Stimme aus Prag", starb mit 80 Jahren in der Nacht zum Mittwoch nach schwerer Krankheit zuhause im Kreise seiner Familie. Vor einiger Zeit hatte er einen Lymphdrüsenkrebs überwunden. Der kam aber in Form einer akuten Leukämie zurück, wie der Schlagerstar unlängst selbst seine Fans informierte.

Wenn das Lied von der kleinen, frechen „Biene Maja“ ertönte, „Einmal um die ganze Welt“ oder das nur für den deutschen Markt geschriebene Loblied auf alle lieben und rührigen Omamas - „Babicka“ -, da wusste jeder, wer da in Tonhöhe eines ausgebildeten Tenors singt - na klar, Karel Gott. Er hat seinen Fans, aber nicht nur denen, wahrlich nicht nur diese drei Ohrwürmer geschenkt; allein auf Deutsch gibt es an die 900 Schlager von ihm. Viele davon, bei denen man unwillkürlich mitsingen, mitsummen oder mitpfeifen musste. Und bei denen man den Sänger auch immer gleich vor Augen hatte, der bei seinen Konzerten stets wie aus dem Ei gepellt in Frack oder perfekt sitzendem Anzug auf der Bühne erschien, ohne je ein farblich auffälliges Einstecktuch zu vergessen.

Gotts Interpretationen auf Deutsch wurden auch so gern gehört, weil er mit seinem bewusst eingesetzten „behmischen“ (rpt. behmischen) Akzent zu verzaubern wusste, das „e“ zum „ä“ machte, das „ö“ in ein „e“ verwandelte und jedes „r“ typisch tschechisch zum Rollen brachte. Wenn Karel Gott in Talkshows oder Interviews auf Deutsch sprach, dann wurde dieser Akzent nicht annähernd so deutlich. Daran hat er hart gearbeitet. Normalerweise quälen sich Tschechen ganz fürchterlich vor allem mit deutschen Umlauten, was aber in den Ohren der romantisch veranlagten Deutschen besondern hübsch „östlich anheimelnd“, in seinem Fall im wahrsten Sinne des Wortes „göttlich“ klang.

Karel Gott war mehr als nur Schlagersänger

Er hat seine deutschen Plattenfirmen reich gemacht und selbst dabei nicht schlecht verdient. Seinen letzten großen Auftritt bei seinen deutschen Fans hatte er in Leipzig bei der Verleihung einer goldenen „Ehren-Henne“, dem wichtigsten deutschen Publikumspreis von „Super-Illu“, MDR und RBB für sein Lebenswerk. Gott war nach dem früheren Präsidenten Vaclav Havel erst der zweite Tscheche, der diese Ehrung erfuhr. Der Künstler selbst nannte das eine „Riesenehre“, für die er sehr dankbar sei.

In seiner einst tschechoslowakischen und danach tschechischen Heimat war Gott immer sehr viel mehr als ein „Schlagersänger“. Dort war er der „Mistr“ (rpt. "Mistr"), der „Meister“, wie man ihn ehrerbietig nannte. Oder „Kajo“, wie die Tschechen zu Karel sagen. Statistisch besitzt jeder der zehn Millionen Tschechen und fünf Millionen Slowaken eine Platte von ihm. Wie sehr namentlich die Tschechen vor ihm niederknieten, belegten die Ergebnisse der jährlichen Publikumsumfragen für die „Tschechische Nachtigall“. Mehr als 40 Mal wurde er als beliebtester Sänger geehrt. Schon mit fünf Mal ist man in diesem Fach eine Legende. Gott nahm es in den vergangenen Jahren immer etwas spöttisch, grinste ins Publikum und sagte stets den selben Satz: „In diesem Jahr habe ich nun aber wirklich nicht damit gerechnet.“ Das Publikum wartete bereits auf diesen Satz und johlte schon los, wenn er nur die ersten drei Worte gesagt hatte.

Gott hat diesen Satz nie überheblich gesagt. Er war sich natürlich seiner Ausnahmestellung bewusst, hat sie auch genossen - aber eher im Stillen. Er empfand sie vor allem immer als Ansporn, auf der Bühne oder im Studio das Beste aus sich heraus zu holen für seine Fans. Nie war er sich zu schade, Nachwuchskünstlern Rat zu geben. Zuletzt hat es ihn auch ein wenig bekümmert, dass dieser Nachwuchs ihn immer noch nicht in der Beleibtheit hat schlagen können.

Eigentlich war das Singen für ihn selbst in seinen Jugendjahren nur ein Abfallprodukt. Im Juli 1939 im westböhmischen Plzen (Pilsen) geboren und mit sechs Jahren nach Prag verzogen, wollte er eigentlich Kunstmaler werden - er malte übrigens bis an sein Lebensende -, vergeigte aber die Aufnahmeprüfung an der hauptstädtischen Kunstakademie. In der Folge lernte er etwas Bodenständiges, wurde Elektriker in den berühmten Prager CKD-Werken. 1958 begann er nebenher als Sänger zu tingeln, in kleinen Prager Tanzcafes. Ein Jahr darauf fiel er dem damals besten tschechischen Bandleader Karel Krautgartner auf, der ihn auf Tournee mitnahm und dann dem Prager Konservatorium zur Aufnahme empfahl. Das war eine Art Ritterschlag: Gott studierte dort drei Jahre. 1963 erschien seine erste Single, eine tschechische Version von Henri Mancinis „Moon River“. 1967 dann absolvierte er ein halbjähriges Gastspiel in Las Vegas. Dort sammelte Gott vor allem eines: Selbstbewusstsein. Er überzeugte sich selbst davon, dass er das Zeug zu einem ganz Großen habe. Das war letztlich der Beginn seiner märchenhaften Karriere.

Dann kam die politische Umwälzung des Prager Frühlings, die einen Einschnitt in besagte Karriere bringen sollte, unter der Gott in seiner Heimat bis zuletzt leiden sollte. Der Sänger erwog nach dem Einmarsch von Truppen des Warschauer Pakts kurzzeitig, in die Emigration zu gehen, kehrte aber dann doch in die Tschechoslowakei zurück. "Ich versuchte stets, auch wenn das nicht wirklich einfach war, mich von allem Politischen abzuschotten und mir meine eigene Welt zu suchen, die der Melodie, der Töne, der positiven Nachrichten“, hat er diese Zeit später resümiert, die künstlerisch seine bis dahin beste war.

Karel Gott singt Schlager, die mit Politik nichts zu tun haben

Die Nachfolger des von der politischen Bühne rausgekegelten Reformers Alexander Dubcek taten alles, um ihn im Land zu halten. Er wiederum wusste, dass er mittlerweile zu einem der besten Devisenbringer der Tschechoslowakei geworden war. Dass er nicht wirklich aufmuckte gegen das neue Regime, gegen die bleierne Zeit, die sich über das Land legte, ist ihm ewig vorgeworfen worden. Der nach Frankreich emigrierte Schriftsteller Milan Kundera nannte Gott einen „musikalischen Idioten“. Gott konterte: „Ich singe Schlager, die mit Politik nichts zu tun haben.“ Dabei sah er aber auch, was mit anderen Künstlern seines Landes passierte. Etwa mit Marta Kubisova, die in der Zeit des Prager Frühlings gemeinsam mit Helena Vondrackova und Vaclav Neckar als die „Golden Kids“ für Furore gesorgt hatten - bis Marta Kubisova von der Prager Stasi im Auftrag der neuen Führung unter Staats- und- Parteichef Gustav Husak mehr als 20 Jahre kalt gestellt wurde.

Als 1977 Bürgerrechtler wie Vaclav Havel in der Charta 77 die Rechte und Freiheiten für ihre Landsleute einforderten, zu denen sich das kommunistische Regime selbst in der Schlussakte von Helsinki verpflichtet hatte, kniff Gott. Mehr noch: er sprach als Vorzeigekünstler auf einer inszenierten Veranstaltung der Diktatoren gegen die Chartisten. "Nach meiner Rückkehr in die ČSSR war mir bewusst, dass ich mich den Umständen in meinem Land nun mal anzupassen hatte, wenn ich nicht Berufs- oder Auftrittsverbot bekommen wollte, so wie es vielen Künstlern erging. Diese Situation betraf neben mir auch Millionen anderer Menschen in meinem Land", sagte Gott viele Jahre später in einem ZEIT-Interview.

Diese Haltung ist ihm von seinen Kritikern bis zu seinem Lebensende vorgeworfen worden. Nicht von seinen einheimischen Fans, die sich ja mehrheitlich ebenso verhalten hatten wie ihre musikalische Ikone. Zur großen Verbrüderung mit manchen seiner Gegner kam es im November 1989 in der Samtrevolution. Da sang unter dem Jubel von Hunderttausend Menschen Karel Gott gemeinsam mit dem ins deutsche Exil geflüchteten Liedermacher Karel Kryl vom Balkon des Melantrich-Verlagshauses am Prager Wenzelsplatz a cappella die tschechoslowakische Nationalhymne. Das war zugleich die Versöhnung mit den Bürgerrechtlern um Vaclav Havel. Als Havel 2003 im Prager Nationaltheater von den renommiertesten Künstlern des Landes von seiner langjährigen Funktion als tschechoslowakischer und tschechischer Präsident mit einem großen Konzert in den Ruhestand verabschiedet wurde, sorgte Gott auf spezielle Einladung von Havels Ehefrau Dagmar für den musikalischen Höhepunkt. Dennoch musste sich Gott auch in den Jahren danach immer mal wieder für seine politische Haltung in den 1960/70er Jahren verteidigen. Aber: als die Tschechen entschieden, ihren Staatspräsidenten nicht mehr vom Parlament, sondern direkt vom Volk wählen zu lassen, hätte Gott sehr gute Chancen gehabt - wenn er denn kandidiert hätte.

Hochzeit schadet Gotts Ansehen

Sein Ansehen, vor allem unter den Frauen, litt jedoch noch einmal ganz fürchterlich. Zehn Jahre ist es her, als per Blitznachricht die Information aus Las Vegas kam, dass „ihr Karel“, der ewige Junggeselle, geheiratet habe. Ich selbst habe diesen Moment im Prager Jugenstilcafe „Evropa“ am Wenzelsplatz bei einem raschen Espresso erlebt: an zahlreichen Tischen dort klickten zur selben Zeit die Mobiltelefone und verbreiteten diese Nachricht, die ein allgemeines Stöhnen auslöste.

Aber seine erste und einzige Ehefrau Ivana, mit der Karel zwei Töchter hat (zwei weitere hat er aus früheren Verbindungen), hat sich in den vergangenen Jahren rührend um Karel gekümmert. Vor allen, als er 2015 an Lymphdrüsenkrebs erkrankt war.

Was wird bleiben von Karel Gott? Er war der größte Star aus Ostmitteleuropa für Ost und West, der „Elvis des Ostens“, der geschätzt zwischen 30 und 100 Millionen Tonträger hinterlassen hat. Ein Sänger, der in vielen Teilen der Welt Fans hatte, die sich immer an ihn erinnern werden. Und die seine Lieder immer wieder - nicht nur morgens beim Zähneputzen - hören und automatisch mitsingen werden. Sein Credo war: „Ich muss jeden überzeugen“. Das hat er geschafft in seiner einzigartigen Laufbahn. Und er hat damit den Menschen Freude gemacht. Mehr wollte er nicht, und mehr geht wohl auch nicht.

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