25.10.2018 - 17:00 Uhr
SchönseeDeutschland & Welt

Das Jahr 1968 aus vielen Perspektiven

"Eine Generation, zwei Welten" lautet das Thema. Die einen hoffen 1968 auf Freiheit und Demokratie. Die anderen haben beides, sind gleichwohl aber in heftige politische Diskussionen verwickelt. Ein interessanter Abend im Centrum Bavaria Bohemia Schönsee.

„Eine Generation, zwei Welten“: Bei einer Diskussion im Centrum Bavaria Bohemia in Schönsee unterhalten sich (von links:) Hans Eibauer, Zdenek Bartá, Lida Rakusanová und Wolfgang Houschka über die 1968er-Jahre.
von Autor HOUProfil

Was einte seinerzeit den Nachwuchs in der Tschechoslowakei und in Deutschland? Bei einer von Thomas Viewegh (Bayerischer Rundfunk) moderierten Podiumsdiskussion bringt es der ehemalige NT-Chefreporter Wolfgang Houschka auf den Punkt: "Lange Haare und die Musik". Die Beatles und Jimi Hendrix, Bob Dylan und Joan Baez machten ihre Songs für alle auf diesem Globus. Nur: "Wir durften 'Sergeant Pepper', 'Blowin' in the Wind' und 'Hey Joe' hören. Hinter dem Eisernen Vorhang gab es diese Platten für Diskjockeys und in Läden nicht."

Unterschiede also. Doch unter Alexander Dubcek taute das von Kommunisten ständig am Frieren gehaltene Eis. Es wurde Frühling. Bis zu jenem 21. August 1968, als die Russen einmarschierten. Zwei Zeitzeugen sind da, die sich so erinnern, als sei dieser Gewaltakt gegen menschliche Freiheit erst gestern geschehen: Die Journalistin Lida Rakusanová aus Budweis und der evangelische Geistliche Zdenek Bárta aus Prag. Er hatte die Charta 77 mit unterzeichnet.

Blankes Entsetzen

Als sie das Wort ergreifen, wird deutlich: Dort drüben im Nachbarland war etwas geschehen, das junge Menschen im Westen Europas auch nicht ansatzweise ermessen konnten. In einem Satz von Lida Rakusanová ausgedrückt: "Meine Mutter hat gesagt: 'Wir werden wieder besetzt.'" Und sie, die junge Studentin, habe fragend erwidert: "Von den Deutschen?" Nein, war die Antwort: "Diesmal von den Russen."

Eine Frau und ihr bewegter Lebenslauf. Die Freude über einsetzende Lockerungen und "plötzlich lesbare Zeitungsartikel" wich blankem Entsetzen. Die junge Tschechin aus Budweis ging mit ihrem späteren Ehemann nach Deutschland. "Aus Liebe", wie sie gesteht. "Und nicht, weil mir danach war, sofort das Land verlassen zu müssen." Denn viele andere seien geblieben und hätten versucht, gewaltfreien Widerstand zu leisten.

Mief von tausend Jahren

Plädoyers für Freiheit und Demokratie. Zdenek Bartá beschreibt, was er angesichts von drohend auf Menschenmassen gerichteter Panzerrohre empfand: "Da wurde etwas brutal niedergeschlagen." Im Vorfeld habe man "viel diskutiert" und sehnlichst gehofft, "dass dieses Eis schmilzt und alles gut ausgeht." Hat dieses Niederschlagen des Prager Frühlings "durch Kommunisten mit steinernen Gesichtern" auf oberpfälzischer Seite zu intensiven Debatten bei der damaligen Jugend geführt? Eine ehrliche Antwort gibt der langjährige Schönseer Bürgermeister Hans Eibauer. "Eher nein", lässt er anklingen und schildert, wie er sich seinerzeit in einem Chamer Ordens-Internat mit dem Begriff "Freiheit" herumzuschlagen hatte. Den "Mief von tausend Jahren", den der deutsche Nachwuchs damals beklagte, bekam auch er zu spüren. Da ging Eibauer her und ließ als Chefredakteur einer Schülerzeitung Flugblätter gegen die Bratenrock-Engstirnigkeit von Schuloberen verteilen.

Zustandsbeschreibungen von dies- und jenseits der Schlagbäume. "Für mich", sagt Wolfgang Houschka ganz zum Schluss, "war 1968 eines der wichtigsten Jahre meines Lebens". Denn damals machte er in einem Pilsener Jugendhotel eine Erfahrung, die ihm bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Mit Jeans und geblümten Flower-Power-Hemden im Speiseraum sitzend und dabei eine Flasche Krimsekt trinkend, wurden er und seine zwei Freunde aus Amberg von den übrigen jungen Gästen angestarrt. Sie waren aus der Tschechoslowakei und der DDR. Dann erhob sich einer vom Nebentisch, kam herüber, setzte sich und sagte: "Wie lange wollt ihr dieses Protz-Gehabe noch aufführen?" Houschka erklärte: "Wir hatten nach damaligem Währungskurs Geld ohne Ende. Und diese Leute mussten jede Krone und jeden Pfennig umdrehen".

Eine Lehre fürs Leben - erteilt im Jahr 1968. Für solche, die das Glück hatten, im freien Teil Europas aufzuwachsen und sich nicht vorstellen konnten, was hinter dem Eisernen Vorhang vonstatten ging. Die bunten Hemden und die Jeans blieben damals in der Tschechoslowakei. Und im Hotelzimmer wurde gemeinsam eine Flasche Jack Daniels geleert.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Damit Ihr nichts Wichtiges verpasst, könnt ihr unsere Push-Nachrichten nun auch im Facebook Messenger empfangen. Ihr müsst nur im Widget oben auf "Facebook Messenger" klicken und den Anweisungen folgen.

Außerdem gibt es nun zusätzlich zu unseren normalen Push-Meldungen spezielle Nachrichten-Kategorien:

Amberg, Weiden, Kreis Neustadt a.d. WN , Vohenstrauß , Tirschenreuth, Nabburg/Schwandorf, Sport , Ratgeber (u.a. Kochrezepte, Glücksrezept, etc.)

Alles was Ihr tun müsst: Meldet euch an (sofern noch nicht geschehen), schickt uns per WhatsApp oder Facebook Messenger das Wort "Kategorie". Ihr bekommt dann einen Link, über den Ihr die einzelnen Kanäle hinzubuchen oder abwählen könnt.

Wenn Ihr später weitere Kategorien hinzubuchen oder andere abwählen wollt: Schickt uns einfach erneut das Wort "Kategorie". 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.