05.03.2021 - 16:09 Uhr
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Ein Jahr mit Corona: Der belastende Alltag einer Intensivpflegerin

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Seit knapp einem Jahr kämpfen die Pflegekräfte auf den Intensivstationen gegen das tückische Virus und versuchen die Panik der Patienten zu lindern. Eine von ihnen ist Johanna Eckl - sie arbeitet im Krankenhaus St. Barbara in Schwandorf.

Nur manchmal gibt es sie - diese nervenaufreibenden Momente, in denen auch Johanna Eckl mal durchschnaufen muss.
von Sebastian Böhm Kontakt Profil

Eine Frau sitzt entspannt auf der Fensterbank am Ende der Eingangshalle des Krankenhauses St. Barbara in Schwandorf. Sie beobachtet das Treiben. Ein Sicherheitsmitarbeiter befragt die Menschen erst nach dem Grund ihres Besuchs und schickt sie dann zur Händedesinfektion, zwei junge Mitarbeiter nehmen kurz darauf die Personalien der Besucher auf, kurzer Temperaturcheck, dann geht es für die Neuankömmlinge weiter zum Empfang. Es wirkt so, als wäre Johanna Eckl auf der Fensterbank für diesen kurzen Moment völlig bei sich, in dieses Treiben überhaupt nicht involviert. Er wirkt so, als wäre sie nur ein Gast, der diese Szene von außen betrachtet. Aber: Die stellvertretende Leiterin der Intensivstation spielt im Krankenhaus St. Barbara eine entscheidende Rolle in der Corona-Pandemie.

Sie hat diese kurze Wartephase nur genutzt, um zu verschnaufen. Die 41-Jährige hat gelernt sich diese Momente zu nehmen, kurz aus diesem Hamsterrad Pandemie auszusteigen, wenn der Augenblick das zulässt. "Es ist keine Schwäche, sich Schwäche einzugestehen, sich Pausen zu nehmen", sagt sie, gibt aber auch zu, dass es gedauert hat, bis sie sich das selbst erlaubt hat. Wenn Johanna Eckl lacht, lacht sie breit und herzlich. Ihre Wangen quellen aus der FFP2-Maske, es scheint fast so, als würde ihre lebensfrohe Art die Pandemie schon in ihrem Gesichtsausdruck bekämpfen. "Ich versuche die negativen Gefühle aufzunehmen und diese in positive umzuwandeln. Ich weiß tatsächlich nicht genau, wie ich das mache, aber meistens klappt es", sagt sie.

Zweite Welle war psychisch anstrengender

Sie geht mit offenen Augen durch ihre Station. Hat die Mitarbeiter im Blick. "Es ist wichtig, dass man schnell sieht, wenn es einem mal nicht so gut geht", erklärt sie. "Die zweite Welle war für uns als Pflegende psychisch anstrengender, weil viele der Patienten wach sind und mehr mitkriegen", sagt sie. In der ersten Welle sei noch mehr mit Beatmungsgeräten, also invasiv, gearbeitet worden. Jetzt würden zum Beispiel vermehrt Beatmungsbrillen eingesetzt. "Eigentlich ist das ja gut, weil die Patienten aktiv mitmachen können. Sie können ihre Bedürfnisse äußern." Aber genau das ist der Unterschied, der an den Nerven zerrt. "Wir sehen, wenn Sie Angst und Atemnot haben. Wir sehen, wenn sie weinen, weil sie keinen Besuch bekommen. Sie haben die Panik in den Augen, nehmen deine Hand und schauen dich an. Da kannst du nicht weg. Da musst du bleiben", sagt sie.

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Und Johanna Eckl bleibt bei ihnen. Seit nun knapp einem Jahr steht sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen an der Front der Pandemie-Bekämpfung. Als es im März 2020 angefangen hat, hatte sie Angst vor dem Virus. "Die Angst ist jetzt gewichen, aber der Respekt vor Corona ist geblieben." Den ersten Verdachtsfall gab es in Schwandorf Mitte März 2020. Johanna Eckl hatte Spätdienst. "Ich habe mir gedacht: Okay, jetzt geht’s los. Jetzt sind wir also auch dabei. Ich war mir ja sicher, dass Covid irgendwann St. Barbara erreichen wird. Ich hätte aber nie gedacht, dass das solche Ausmaße annimmt."

Johanna Eckl lässt sich trotz des belastenden Alltags auf der Intensivstation ihre lebensfrohe Art nicht nehmen.

Jetzt im März 2021 ist Corona immer noch da. Und Johanna Eckl weiß, dass sie auch die nächsten Monate fast ausschließlich zwischen ihrer Wohnung und der Klinik hin- und herpendeln wird. "Ich habe meine sozialen Kontakte überwiegend in der Arbeit. Ich vermisse es natürlich, meine Freunde und Familie zu sehen. Sie umarmen zu können." Es sind diese kurzen Momente, in denen man auch Johanna Eckl eine Art von Schwäche anmerkt. "Wir sind nicht nur Pflegekräfte sondern auch Menschen. Wir sind mit der gleichen Wucht von der Pandemie getroffen worden wie andere auch", sagt sie.

Leugner sind wie ein "Schlag ins Gesicht"

Aber die 41-Jährige wäre nicht sie, wenn sie auch diesen negativen Folgen der Pandemie, keine guten abtrotzen würde. Sie sei jetzt viel mehr in der Natur unterwegs, würde wieder mehr Fotografieren, erklärt Eckl. Das sei ein altes Hobby. Sie suche den Ausgleich zum stressigen beruflichen Alltag vor allem in den Landschaften vor der Haustür. "Das habe ich mir auf die Fahne geschrieben. Ich will schöne Dinge in der Nähe wieder zu schätzen lernen. Ich fühlte mich auch irgendwie gezwungen dazu, weil ich privat ja mehr Zeit hatte. Und ich will meine Zeit sinnvoll nutzen." Johanna Eckl zwingt sich also, aktiv zu bleiben und glücklich zu sein. Es scheint zu wirken. Als sie von ihrer Lieblings-Ausflugsstelle erzählt, quellen ihre Wangen wieder über die Ränder der FFP2-Maske. Die braunen Augen strahlen.

Johanna Eckl arbeitet im Schwandorfer St. Barbara-Krankenhaus als Fachkrankenschwester für Intensivpflege und Anästhesie.

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Wenn man die Intensivkrankenschwester aber auf die Corona-Leugner anspricht, verengen sich ihre Augen. Von der sonst so herzlichen Wärme, die sie für gewöhnlich ausstrahlen, ist nichts mehr zu erkennen. "Diese Corona-Leugner machen mich ärgerlich, wirklich ärgerlich. Für jeden, der mit Corona-Patienten zu tun hat, ist das ein Schlag ins Gesicht". Aber die Leugner seien bestimmt auch glückliche Menschen, erklärt sie. Glücklich, weil sie die Anblicke auf den Intensivstationen nicht ertragen müssten. "Wenn ein Patient in Bauchlage liegt und um sein Leben kämpft, wenn Kinder an den Betten ihrer Eltern stehen und genau wissen: Sie müssen sich verabschieden und einer der beiden wird es nicht schaffen. Das sehen sie ja alles nicht." Der Grund, der Johanna Eckl wirklich wütend macht, ist aber der, dass diese Menschen durch das Leugnen den bequemen Weg gehen. Sie machen es sich zu einfach. Eine Eigenschaft, die der 41-Jährigen völlig fremd ist, für sie sogar schon befremdlich zu sein scheint.

Die dritte Welle rollt auf sie zu. Johanna Eckl ist auch in den nächsten Monaten bereit, den unbequemen Weg zu gehen. Wenn die Patienten die Panik in den Augen stehen haben und ihre Hand halten, bleibt sie bei ihnen. Wenn den Kollegen alles zu viel wird im Kampf an der Front gegen dieses tückische Virus, bleibt sie bei ihnen. Hoffentlich findet sie aber auch selbst wieder die Zeit für eine kurze Pause auf der Fensterbank in der Eingangshalle des St. Barbara Krankenhauses. Denn in diesen Momenten, ist die Intensivpflegerin nur bei sich. Dieses kurze Verschnaufen hat sie sich inzwischen erlaubt.

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