Schwandorf
29.03.2019 - 14:34 Uhr

Kluge Blicke in unsere Zeit

"Die Weltordnung ist ins Wanken geraten": Lesung mit Heribert Prantl in der Buchhandlung Rupprecht

In seinem Heimatlandkreis Schwandorf hat er besonders viele Fans: Heribert Prantl, in Nittenau geboren, promovierter Jurist und einer der renommiertesten Journalisten Deutschlands. Beim „Neuen Tag“ in Schwandorf und Weiden lernte er vor nun bald fünf Jahrzehnten, wie man täglich eine Zeitung macht. Bild: Wolfgang Houschka
In seinem Heimatlandkreis Schwandorf hat er besonders viele Fans: Heribert Prantl, in Nittenau geboren, promovierter Jurist und einer der renommiertesten Journalisten Deutschlands. Beim „Neuen Tag“ in Schwandorf und Weiden lernte er vor nun bald fünf Jahrzehnten, wie man täglich eine Zeitung macht.

Andrang in der Buchhandlung Rupprecht. Nur 200 Meter entfernt von einer NT-Zeitungsredaktion, in der Heribert Prantl seine ersten professionellen Berichte schrieb. Jetzt, fast 50 Jahre später, ist er wieder da und tritt vor einem Publikum auf, das an seinen Lippen hängt. Denn dieser Mann, bis vor kurzem Chefredaktionsmitglied der Süddeutschen Zeitung, hat viel zu sagen. Unaufgeregt, sachlich und mit dem Blick eines Autors, der Vordenker ist. Auch wenn das manchem nicht in den Kram passt.

"Ein Liebeskummerbericht"

Der gebürtige Nittenauer liest aus seinem neuen Buch "Vom großen und kleinen Widerstand". Vor ihm sitzt mit Hans Schuierer einer, der zu WAA-Zeiten zur Symbolfigur des Stemmens gegen ein staatlich vorangetriebenes Atomprojekt wurde. Ihn hebt der Journalist heraus und macht sich Gedanken darüber, ob die Meinung des Volkes in einer Demokratie nicht noch viel mehr berücksichtigt werden sollte.

Der 65-Jährige hat die Verfassung bis zum letzten Wort gelesen. Er nennt sie "trocken, spröde, nüchtern". Geschrieben in einer Zeit nach dem Naziregime. "Ein Liebeskummerbericht, enstanden im Schutt". Doch gleichwohl gehöre dieses Grundgesetz "zum Besten, was den Deutschen in ihrer Geschichte widerfahren ist." Heuer 70 Jahre alt und noch immer weder"zittrig noch zaghaft."

Doch da ist ein Wunsch, den Heribert Prantl offen ausspricht: "Die Demokratie muss ein bisschen näher zum Bürger". Der Journalist erinnert an die Generation der 1968er, nennt Rudi Dutschke und Benno Ohnesorge. Was sei denn geblieben von dieser stürmischen Zeit, fragt er. Zum Beispiel Dutschkes Satz "Geschichte ist machbar". Eine, wie er findet, großartige Einschätzung. Fortdauernd bis heute.

Überzeugter Europäer

Dann folgt Kluges. "Warum machen Leute die falsche Geschichte?", fragt Prantl und wundert sich: "Weshalb dürfen AfD-Parteigänger jemanden als Kümmeltürken beschimpfen?" Der Abend ist wie ein Pfad durch die Befindlichkeiten unserer Zeit. Der prominente Autor zahlreicher Bücher nennt die bevorstehende Europawahl "eine der wichtigsten Entscheidungen überhaupt" und sieht darin die Chance, dem immer mehr um sich greifenden Nationalsozialismus die Stirn zu bieten.

Heribert Prantl ist überzeugter Europäer. Auch wenn er einiges anzuprangern hat. Doch der Journalist setzt auf diese Union, nennt die Abstimmung im Mai eine Weichenstellung. Dann blickt er nach England, auf den Brexit und spricht seinen Zuhörern aus dem Herzen: "Wenn man täglich die Nachrichten hört, ist das wie eine Vorstellung im Kabarett". Oft verlässt Heribert Prantl die Seiten seines neuen Buchs. Er plaudert aus dem Nähkästchen, erzählt von seinen Begegnungen mit Helmut Kohl und schildert plastisch, wie er dem damaligen Kanzler ins Stammbuch schrieb: "Für Sie ist schon der Kassier einer Kolpingsfamilie links". Er vermisst den "visionären Pragmatismus" eines Egon Bahr und erinnert sich der Lehrer in seiner Jugend. Im fortschreitenden Alter erkennt er: "Ein Lehrer braucht nicht ständg neue Aufgaben. Er benötigt Freiraum und weniger Verwaltungskram."

Danach diskutiert der in vielen TV-Talkshows gefragte Oberpfälzer mit seinem Publikum. Dabei formt er den Satz: "Pro Asyl hat noch immer mehr Mitglieder als die AfD." Dann geht er mit einer Tüte im Gepäck. Duftende geräucherte Bratwürste aus Münchshofen an der Naab. Heimatliche Spezialität. Die kriegt er in München nicht.

 
Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:
Zum Fortsetzen bitte

Sie sind bereits eingeloggt.

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein OnetzPlus- oder E-Paper-Abo.