Ketten und Stahl: Ein Panzer in der Hofeinfahrt

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Johann Gruber aus Seebarn und seine ganze Familie haben sich einem beispiellosen Projekt verschrieben – ihre Militärfahrzeugschmiede in Seebarn umfasst Uniformen, Waffen und einen mühsam restaurierten Bundeswehr-Fuhrpark. Das Kronjuwel: Ein Schützenpanzer "Hotchkiss".

Für den Einstieg in den kleinen Schützenpanzer ist Gelenkigkeit gefordert. Seinen "Hotch", wie Johann Gruber das Kettenfahrzeug liebevoll nennt, hat der 50-Jährige in 6000 Arbeitsstunden über 10 Jahre hinweg mühevoll restauriert.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Hobbys haben die meisten Männer. Viele träumen von einem Porsche, basteln an ihrer Modelleisenbahn oder sparen für eine Weltreise. Johann Gruber aus Seebarn (Neunburg vorm Wald, Kreis Schwandorf) hat dafür weder Zeit noch Muse. Der 50-jährige Frührentner verbringt nahezu seine gesamte Freizeit mit dem Restaurieren längst ausgemusterter Fahrzeuge der Bundeswehr. Der Rest der Familie hält ihn für verrückt? Keineswegs. Seine Frau Manuela (46), Tochter Laura (15) und Sohn Johannes (19) stehen voll hinter ihrem Vater – die Militärfahrzeugschmiede Gruber ist ein Familienprojekt mit Alleinstellungsmerkmal.

"Wenn man so etwas macht, muss man schon zusammenhalten, wir teilen die Leidenschaft", stärkt Manuela ihrem Mann den Rücken. Und der ergänzt: "Ich beschließe den Kauf immer gemeinsam mit meiner Frau." Echte Freizeit hat die Familie selten. "Es gibt bei uns keinen Urlaubstag ohne Militärgeschichte. Wir fahren immer gezielt in Museen, besuchen andere Sammler oder fahren zu Ausstellungen und Fahrzeugtreffen."

Kraka, Mörser und die "Emma"

Die technikbegeisterten Oberpfälzer wohnen in einem Haus am Ortsrand von Seebarn. Das Grundstück mit Garten ist groß – und doch zu klein. Im Garten, den Garagen, in der Scheune, dem Keller und dem Werkstattanbau der Grubers stehen ein ausgeschlachteter MAN-Lkw namens "Emma", ein Mercedes-Benz-Unimog 404 von 1962, ein 70 Jahre altes Krad Meiko M250B, ein quadähnlicher "Kraka" (abgekürzt für Kraftkarren), ein 120-mm-Mörser und Johann Grubers Herzstück der Sammlung, ein acht Tonnen schwerer Schützenpanzer kurz "Hotchkiss" von 1958.

Alle Fahrzeuge stammen aus Bundeswehrbestand, sind jahrzehntealte Oldtimer mit H-Kennzeichen, in olivgrüner Tarnfarbe lackiert und zudem – mit Ausnahme von "Emma", dem nächsten Restaurationsprojekt – voll fahr- und funktionstüchtig. Doch das ist längst nicht alles: Weil der Platz knapp ist, bauen die Grubers nicht nur gerade eine weitere Scheune als Garage um, sondern sind schon vor Jahren ins Nachbarhaus der Oma ausgewichen und haben dort das gesamte Obergeschoss in Beschlag genommen.

Militärsammlung am Dachboden

Denn die einzigartige Sammlung umfasst nicht nur Fahrzeuge, sondern auch Handfeuerwaffen, Ersatzteile, Uniformen, Orden und Ehrenabzeichen, Bilder und teils archivwürdige Dokumente wie Feldbriefe, Tagebücher und persönliche Ausrüstungsgegenstände von deutschen Soldaten aus den beiden Weltkriegen sowie – schwerpunktmäßig – der Zeit der Bundeswehr ab 1955.

Wie kommt man zu so einem speziellen Hobby? Eine Affinität für deutsche Militärgeschichte hatte Johann Gruber schon immer, doch der Entschluss, mit dem Restaurieren von Bundeswehr-Gerät anzufangen, fiel spontan vor circa 20 Jahren. "Ich war beruflich in Düsseldorf und habe dort einen Kraka fahren gesehen. So was kannte ich noch nicht, und ich war begeistert." Der damalige Industrieanlagenmonteur, der bis zu einem schweren Unfall, der ihn in die Frührente zwang, freiberuflich viel unterwegs war, fing an, selbst im Internet nach einem Kraka zu suchen. "Ich habe 2004 einen auf Ebay entdeckt für 4500 Euro. Der stand in Würzburg und hatte nur noch Schrottwert", sagt Gruber.

Teilnahme am Tag der Bundeswehr

Dennoch schlägt der gelernte Maschinenbauer zu und holt sich das einem Quad ähnelnde Gefährt nach Seebarn. Der Hobby-Militärhistoriker weiß, dass das Kraka wegen seines geringen Gewichts per Hubschrauber luftverlastbar ist und deshalb bis in die 1990er Jahre in den Luftlandeverbänden der Bundeswehr zum Einsatz kam – auch, weil er per Fallschirm abgeworfen werden konnte. 2019 transportiert Gruber seinen Kraka per Auto-Anhänger nach Flensburg und präsentiert das wie fabrikneu hergerichtete Quad am Luftwaffenstützpunkt Jagel beim Tag der Bundeswehr stolz den Zuschauern.

Meistens aber kommt der gebürtige Chamer zufällig zu seinen Gefährten. "Man stolpert darüber, das ist immer so." So geschehen bei seinem Unimog 404, Baujahr 1962. "Der stand ewig bei einem Händler in Belgien, kam dann nach Deutschland und war in katastrophalem Zustand. Ich hab gedacht: Das Projekt greifen wir an." Der Militärlaster war durchgerostet und kurz vor dem Zusammenbrechen, doch das vermeintlich Unmögliche reizt den 50-Jährigen.

"Das Führerhaus war oben offen und es hat reingeschneit. Die Sitzreihe war weg, wir mussten für die Überführungsfahrt auf einem Holzbrett sitzen." Einen ganzen Tag braucht Gruber, um im Januar 2005 bei eisiger Kälte den Schrotthaufen bis nach Seebarn zu karren. Der damals vierjährige Sohn sitzt mit Mütze und Schal auf dem Beifahrersitz, Mutter Manuela mit Werkzeug und Ersatzteilen im Begleitfahrzeug fährt hinterher. "Wir sind bei solchen Fahrten immer mit zwei Autos unterwegs. Zum Glück. Denn nach einem Kilometer blieb der Unimog liegen – die Benzinpumpe war verstopft."

50 000 Kilometer im Jahr

Und auch den Sohn scheinen die Kindheitserfahrungen geprägt zu haben: "Für mich war das ein Abenteuer." "Der hat die Begeisterung dafür von klein auf im Blut", sagt der Vater stolz über Johannes und weiß zugleich, dass die Nachfolge in der Militärfahrzeugschmiede gesichert ist.

Kaum zu glauben ist, dass niemand im Hause Gruber eine Ausbildung als Kfz-Mechaniker hat. "Alles was wir können, haben wir uns selbst angeeignet", erklärt das Familienoberhaupt. Besonders komplex wird das Restaurieren dadurch, dass für die bis zu 70 Jahre alten Fahrzeuge oft keinerlei Betriebs- und Konstruktionsunterlagen existieren, geschweige denn Ersatzteile. "Wir recherchieren stundenlang im Internet, studieren alte Unterlagen, Reden mit Militärexperten, Freunden oder fragen bei Museen nach", schildert Gruber die mühselige Arbeit. Rund 50 000 Kilometer im Jahr fährt der Technik-Freak nur, um von Händlern Ersatzteile zu besorgen. Dennoch müssen viele Teile extra neu angefertigt werden.

Mörser als "Sorgenkind"

Manchmal aber wissen sogar die Grubers nicht mehr weiter. So, wie beim 120-Millimeter-Mörser von der Firma Hotchkiss-Brandt. Heute steht die Steilfeuerwaffe mit einer Lafette auf Einzelachse montiert wie nagelneu in Seebarn. Aber: "Der Mörser war unser Sorgenkind. Als wir ihn bekommen haben, war er in Dutzende Teile auseinandergeschnitten. Für ihn gab es kein einziges Ersatzteil, alles musste separat nachgebaut werden." Weil es keine Unterlagen mehr gab, wusste Gruber nicht, wie die Teile zusammengehören. Nur ein Zufall bewahrte das Projekt vor dem Scheitern. "Als ein Bundeswehrler in Pension gegangen ist, wurde in seinem Spind eine alte Ersatzteilliste für den Mörser gefunden, die wir bekommen haben." Nur anhand der Liste rekonstruiert Gruber den Mörser, lässt Einzelteile spezialanfertigen – und bringt das Geschütz in einem ungeheuerlichen Aufwand in einen originalgetreuen Zustand.

6000 Stunden und 35 000 Euro

Für jedermann wäre das Hobby nichts, Johann Gruber weiß das. "Man kann sich nicht vorstellen, wie viel Zeit wir da reinstecken." Für andere Hobbys oder Vereinsaktivitäten bleibt quasi keine Zeit. "Wir machen fast alles am Feierabend oder am Wochenende. Der Samstag ist unser Großkampftag", berichtet der 50-Jährige.

Schwer vorstellbar ist auch, wie viel Herzblut der Bundeswehr-Liebhaber in sein größtes Projekt gesteckt hat – seinen eigenen Schützenpanzer kurz "Hotchkiss". Das von Gruber liebevoll "Hotch" genannte Kettenfahrzeug stammt von 1958 und ist laut seinem Besitzer "der bestrestaurierte Hotch der Welt. Ich wette, dass es kein Museum und keinen Sammler weltweit gibt, die ihn in einem solch guten Zustand haben. Die Zeit hat einfach keiner."

Eine Stunde Spaß bedeutet einen Tag Arbeit.

Johann Gruber über den Reparatur- und Wartungsaufwand bei Oldtimern.

2009 erfährt Gruber über einen Bekannten von einem kaputten Hotchkiss in Österreich. "Der stand dort in einem Museum und war nur noch eine Stahlhülle." Der Schrotthaufen war teilweise ausgeschlachtet, mit Moos überwuchert, verrostet. 6000 Arbeitsstunden, verteilt über 10 Jahre, investiert Johann Gruber in seinen "Hotch", um ihn wieder fahrbereit zu machen. 35 000 Euro stecken in dem Schützenpanzer – der Wert eines neuen Mittelklassewagens. Der Hobby-Militärhistoriker gibt zu: "Das war eine unglaubliche Aktion, enorm aufwendig. Aber wenn du für dieses Hobby keine Geduld hast, dann musst du eben Briefmarken sammeln."

100 Liter Spritverbrauch

Wie viel Geld in der Militärfahrzeugschmiede insgesamt steckt, "ist nicht bemessbar", sagt Familienvater Gruber. Rechnet man den Sammlerwert der seltenen Fahrzeuge, die Kosten für Material, Werkzeuge, Transport und Arbeitszeit zusammen, dürfte die 100 000-Euro-Grenze weit überschritten sein. Hinzu kommen laufende Kosten für den Oldtimer-Fuhrpark. "Außer dem Panzer haben alle Fahrzeuge eine Straßenzulassung. Ich brauche dafür ein rotes Kennzeichen, Versicherung und Sprit." Rund 2000 Euro jährlich sind so allein für die Versicherung fällig. Plus der Sprit: "Der Hotch braucht circa 100 Liter auf 100 Kilometer", sagt Gruber und lacht. Zum Glück wird das 8-Tonnen-Gefährt fast nur auf dem eigenen Grundstück bewegt.

Mit seinem Unimog oder dem Kraka hingegen macht Gruber gerne Sonntagsausflüge, oft mit der ganzen Familie. Doch bei den fahrenden Museumsstücken ist höchste Vorsicht geboten. "Eine Stunde Spaß bedeutet einen Tag Arbeit", erklärt Gruber den hohen Wartungsaufwand nach einer Bewegungsfahrt.

Militarismus-Vorwurf

Geduld braucht Gruber nicht nur beim Schrauben, Schweißen und Lackieren, sondern auch mit den Behörden. Denn für (Kriegs)waffen in Privatbesitz gelten in Deutschland strenge Vorgaben. "Für den Mörser, den Panzer, für all das brauche ich Demilitarisierungsbescheinigungen. Es ist ein ungeheurer Bürokratie-Aufwand, aber beim Waffenrecht ist in Deutschland nicht zu spaßen." Jederzeit können Prüfer vom Bundeswirtschaftsministerium auftauchen und Kontrollen durchführen (siehe Infokasten). "Alles muss dokumentiert sein mit Lichtbild, ich habe alle Unterlagen ordnungsgemäß und keine einzige Waffe, die scharf ist. Ich will keinen Ärger und ich bin kein Waffennarr."

Ich halte die Geschichte der Bundeswehr in der Oberpfalz aufrecht.

Johann Gruber

Gruber ist es wichtig, nicht als "Kriegsverherrlicher oder Militarist" abgestempelt zu werden. Diese Vorwürfe kennt er - und sie sind der Hauptgrund, warum der 50-Jährige bislang mit seiner Sammlung kaum in die Öffentlichkeit gegangen ist. Der Tüftler ist in der kleinen Szene weltweit vernetzt, der Austausch mit anderen Sammlern, die Restaurierungsarbeiten, das macht Gruber Spaß - und nicht das Schießen mit Waffen oder Verbreiten von rechtem Gedankengut.

Gruber versteht sich als Bewahrer von seltenem, automobilen Kulturgut aus der militärischen Szene. "Ich halte die Geschichte der Bundeswehr in der Oberpfalz aufrecht", erklärt er. "Hier in der Region hat fast jeder Ältere noch gedient. Den Leuten geht das Herz auf, wenn sie die Fahrzeuge und Geräte in der Sammlung sehen. Sie fühlen sich dann sofort an ihre aktive Zeit erinnert."

Sturmboot als Wunschprojekt

Auch die Anerkennung durch Besucher und andere Sammler bestärken Johann Gruber. Ans Aufhören denkt er trotz der vielen Arbeit nicht. Neben "Emma", dem fünf Tonnen schweren MAN-Truck, den Sohn Johannes als "nächstes Projekt" angreifen will, hat auch der Vater schon neue Überlegungen angestellt. "Ein Boot wäre doch mal was, ein Sturmboot der Pioniere", schwärmt er. Und findet gleich einen weiteren Grund für die Neuanschaffung: "Einen Bootsführerschein hätte ich schon." Wie gut, dass bald die neue Scheune fertig wird.

Der Alltag einer 20-jährigen Soldatin bei der Bundeswehr

Oberpfalz
Kriegswaffen und -Fahrzeuge in Privatbesitz:

Strenge Vorgaben: Panzer ohne Panzerplatten

Das Waffenrecht in Deutschland ist streng. Für die Besitzer militärischer Ausrüstung gelten deshalb strenge Vorgaben. So braucht Johann Gruber für den 120-mm-Mörser oder den Schützenpanzer „Hotchkiss“ eine sogenannte Demilitarisierungsbescheinigung, in der nachgewiesen wird, dass die Waffensysteme unbrauchbar gemacht wurden – eine Voraussetzung dafür, sie privat besitzen zu dürfen. Das gesamte Arsenal seiner Sammlung muss streng dokumentiert sein und bedarf einer Genehmigung durch das hierfür zuständige Bundeswirtschaftsministerium. Kontrollen durch Experten sind jederzeit möglich.

Die Demilitarisierung der Waffen nimmt bei der Restaurierung viel Zeit in Anspruch. So sind in Grubers Schützenpanzer beispielsweise alle Patronen im Munitionsgürtel der Kanone hohl und die Spitze der Geschosse ist abgeschliffen – so dass hiervon keinerlei Gefahr mehr ausgehen kann. Auch die schusssicheren Panzerplatten (Panzerung) des „Hotchkiss“ mussten vorschriftsgemäß entfernt werden. So kann sichergestellt werden, dass im Falle eines Amoklaufs mit in Privatbesitz befindlichen Militärfahrzeugen Polizeiwaffen noch Durchschlagskraft besitzen und das Fahrzeug gestoppt werden kann. Auch gibt es in der Bundesrepublik keine Straßenzulassung für (private) Rad- und Kettenpanzer.

Kontaktaufnahme :

Militärutensilien und Ersatzteile gesucht

Johann Gruber ist immer auf der Suche nach seltenen Ersatzteilen, Ausrüstungsgegenständen oder Uniformen, um seine Sammlung weiter auszubauen. Der Inhaber der Militärfahrzeugschmiede Gruber im Hammerweg in Seebarn (Neunburg vorm Wald) nimmt deshalb gerne militärische Utensilien auf und ist auch zum Ankauf und Austausch bereit. „Die Leute verkaufen oft Schmuckstücke oder persönliche Gegenstände des Opas oder werfen sie weg, ohne sich deren historischer Bedeutung bewusst zu sein. Das ist sehr schade, die Sachen gehen für immer verloren.

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