21.05.2020 - 14:33 Uhr
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Alltag einer Soldatin: Marschieren und Kameradschaft

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Kilometerlange Märsche mit 30 Kilo Gepäck, Platzregen nachts im Biwak, Feuerkampfausbildung im Wald: Jasmina Cerciello hat sich freiwillig zur Bundeswehr gemeldet. Die 20-Jährige spricht über Dienen, Kameradschaft und Frauen in der Truppe.

Die rosafarbene Litze (Stoffband) an den Schulterklappen weißt Jasmina Celin Cerciello als Angehörige der Panzertruppe aus. Die 20-Jährige leistet 12 Monate freiwillig Wehrdienst beim Panzerbataillon 104 in Pfreimd, ist zur Grundausbildung aber in der Weidener Ostmarkkaserne eingesetzt.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Wer sich momentan mit Jasmina Celin Cerciello trifft, sieht der 20-Jährigen auf den ersten Blick an, dass ihr Job sie auch körperlich fordert: Der rechte Fuß der jungen Rekrutin ist bandagiert, sie humpelt. "Wir sind acht Kilometer marschiert. Als wir zurück in der Kaserne waren, mussten wir noch mit vollem Marschgepäck die Hindernisbahn absolvieren. Dabei bin ich auf der Hühnerleiter abgerutscht und hab mir einen zweifachen Bänderriss geholt."

Die Wehrpflicht ist in Deutschland seit 2011 ausgesetzt. Wer sich heute zum Dienst an der Waffe verpflichtet, tut das freiwillig – so, wie die gebürtige Niederbayerin Cerciello aus Neuötting. "Ich wollte schon immer etwas anderes, außergewöhnliches machen, weil ich sehr vielfältig bin." Nach dem Realschulabschluss meldet sie sich als "FWDler" zur Truppe: Freiwillig Wehrdienstleistende, für zwölf Monate. Weil die Bundeswehr händeringend Nachwuchs sucht – seit 2002 sind auch Frauen zugelassen –, sind die Bedingungen attraktiv: "In den ersten sechs Monaten kann man täglich aufhören", erklärt Cerciello. "Danach braucht man eine triftige Begründung."

Stuben- und Spintkontrolle

Ihre Eltern seien nicht überrascht gewesen. "Die haben gedacht, dass ich beim Bund ein bisschen Struktur beigebracht bekomme." Die 20-Jährige mit einer italienischen Mutter und einem arabischen Vater beschreibt sich selbst nämlich als "ein bisschen chaotisch". Doch die militärische Disziplin scheint zu wirken. Mehrmals in der Woche kommen die Ausbilder zur sogenannten Stuben- und Spintkontrolle: "Im Schrank müssen alle Klamotten sauber geordnet und das Bett gemacht sein. Wir müssen den Helm, die Schießbrille und die Stiefel putzen. Auch das Nähen haben wir beigebracht bekommen", berichtet die Rekrutin. Zwar ist sie kaum noch zu Hause, weil die Soldaten die Grundausbildung fast durchgehend in der Kaserne verbringen, aber: "Inzwischen bin ich auch daheim ordentlicher geworden und kann nichts mehr rumliegen lassen."

Neueinsteiger bekommen zu Beginn militärische Grundkenntnisse vermittelt. Jeder Rekrut durchläuft die ersten drei Monate die Allgemeine Grundausbildung (AGA). Anfang März wurde Cerciello dazu der 5. Kompanie des Panzerbataillons 104 in Pfreimd zugeordnet - einer Ausbildungskompanie mit rund 150 Rekruten. Die Ausbildung findet aus organisatorischen Gründen zwar in der Weidener Ostmarkkaserne statt, doch weil Cerciello zu den Pfreimdern gehört, trägt die Rekrutin auch den Titel Panzerschützin - den niedrigsten Dienstgrad in einer Panzereinheit. "Am Ende der AGA werden wir zu Gefreiten befördert. Das ist ein Meilenstein, der muss auf jeden Fall gefeiert werden", freut sich die junge Soldatin.

Die 5. Kompanie besteht aus drei Zügen, je circa 50 Mann stark. Oder sollte man sagen: Frauen? Cerciello: "Ich gehöre zum Charlie-Zug, die meisten sind Männer, aber ich bin mit vier Kameradinnen gemeinsam auf einer Stube." Sexuelle Belästigung oder abwertende Kommentare kennt sie nicht. "Ich glaube nicht, dass sich einer trauen würde, mich blöd anzureden." Andererseits gibt es für Frauen auch keine Sonderbehandlung: "Ich glaube, es kommt auf die Statur an. Es gibt auch schwach gebaute Männer, die sich schwer tun."

Auch das Bett muss ordentlich gemacht sein: Mehrmals wöchentlich kommen die Ausbilder zur Stubenkontrolle. Bei Beanstandungen wird getadelt und es muss nachgearbeitet werden. "Inzwischen bin ich auch zu Hause ordentlicher geworden und kann nichts mehr rumliegen lassen", sagt die 20-Jährige.

Das zu glauben, fällt leicht: Beim Marsch ins dreitägige Biwak an den Standortübungsplatz im Manteler Forst tragen die Rekruten Gefechtsanzug. Neben Helm, Schießbrille und Gehörschutz gehört dazu auch die Koppel - ein Gürtel, der über Schulter und Hüfte getragen wird. Daran sind das Essgeschirr, der Klappspaten und mehrere Munitionsmagazine befestigt. Mit dem Sturmgewehr G36, der ABC-Schutzmaske, Feldflasche und Rucksack mit Wechselanzug, Isomatte und Schlafsack kommt jeder Rekrut auf knapp 30 Kilogramm Marschgepäck. "Klar war das anstrengend. Aber wenn du nicht mehr kannst, wirst du mitgezogen." Die Panzerschützin lobt den Zusammenhalt der jungen Rekruten. "Wie stark die Kameradschaft ausgeprägt ist, das merkt man in der Grundausbildung. Alle stehen hinter dir. Man kriegt Unterstützung und gibt sie auch."

Das Biwak im Manteler Forst gehört für Cerciello zu den Höhepunkten der AGA, die noch bis Ende Mai läuft. Der Befehl des Hauptfeldwebels lautet: Der ganze Zug, knapp 50 Männer und Frauen, sollen sich in einer Alarmstellung zur Verteidigung einrichten. Mit dem Klappspaten hebt Cerciello eine verdeckte Liegefläche aus, stapelt Sandsäcke auf, befestigt Tarnnetze. Normal schlafen die Rekruten zu zweit im Zelt. Doch wegen Corona wurde auch die Grundausbildung umstrukturiert, um die Infektionsgefahr zu verringern. "Um den Abstand zu wahren, mussten wir im Ein-Mann-Zelt schlafen", berichtet Cerciello.

Die 20-Jährige hat Glück, das Wetter ist erträglich. "Einmal gab es Platzregen, aber nur kurz. Ich bin eigentlich verfroren, aber nachts hat es mich nur ein bisschen gefröstelt." Die Rekruten liegen im Zelt auf einer dünnen, schmalen Isomatte. Über dem Schlafsack kann eine Regenschutzplane aufgelegt werden – im Militärsprech "Elefantenhaut" genannt. "Damit der Schlafsack nicht nass wird, falls es nachts das Wasser seitlich ins Zelt drückt", erklärt Cerciello.

Während des Biwaks geht die Niederbayerin nachts mit ihrer Kameradin auf "Streife". Sie marschieren Meldepunkte ab und geben per Funk Bescheid, ob Feinde gesichtet wurden. Die kommen tatsächlich. Als ein vorgeschobener Posten Alarm schlägt, beginnt die Feuerkampfausbildung mit Manövermunition. "Die Kameraden vom Alpha-Zug haben den Feind dargestellt, wir haben dann den Abwehrkampf simuliert."

Gefechtsanzug mit knapp 30 Kilo

Noch ist Cerciello erst seit zwei Monaten beim Bund, doch ihre Entscheidung, sich zu verpflichten, hat sie nicht bereut. Trotz Bänderriss und einer fordernden Ausbildung sagt sie: "Ich hatte extrem viel Respekt vor dem Soldaten-Job, aber ich bin froh, den Schritt gegangen zu sein." Die 20-Jährige hat einen Wunsch: "Ich würde extrem gerne Hundeführerin werden." Dazu muss Cerciello in die Feldwebellaufbahn aufsteigen. Zweifel, ihr Ziel zu erreichen, hat sie nicht: "Ich habe Ehrgeiz und den Ansporn, mich weiterzuentwickeln."

Jasmina Celin Cerciello mit ihren Stubenkameradinnen Maja Aileen von Nolting, Maria Karl und Shakira Wieser (von rechts). Die jungen Rekrutinnen kämpfen sich gemeinsam durch die Grundausbildung – das schweißt zusammen.

Millionen für die Bundeswehr: In der Weidener Ostmarkkaserne wird kräftig investiert.

Weiden in der Oberpfalz
Panzerschützin Cerciello beim Packen ihrer Ausrüstung. Neben dem Gefechtshelm (rund 2 Kilogramm), Schießbrille und Gehörschutz gehört dazu auch das Essgeschirr, der Klappspaten und mehrere Munitionsmagazine. Neben dem Sturmgewehr G36 (5 Kilogramm), der ABC-Schutzmaske, Feldflasche und Rucksack mit Wechselanzug (circa 15 Kilogramm), Isomatte und Schlafsack kommt jeder Rekrut auf knapp 30 Kilogramm Marschgepäck.

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