26.02.2021 - 10:15 Uhr
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Der Porzellan-Manager ein Doppelmörder?

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Einst war Hartmut M. Finanzvorstand von Rosenthal in Selb. Seit 2020 steht er in Stuttgart vor Gericht. Er soll an einem Sommerabend 1995 in Sindelfingen die Passantin Brigitta J. getötet haben. Der Porzellanmanager - ein Mörder?

Der Angeklagte Hartmut M. auf dem Weg in den Gerichtssaal in Stuttgart. Er soll eine weitere Frau ermordet haben.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Er ist ein Mann mit zwei Gesichtern: Hartmut M., inzwischen 70 Jahre alt. Ende der 90er war er für kurze Zeit Finanzvorstand beim Porzellanhersteller Rosenthal in Selb. Karrieretyp, teurer Anzug, schöne Frau. Was keiner ahnte: Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon die Tötung einer Frau auf dem Gewissen, und der nächste Mord stand kurz bevor, so zumindest die aktuelle Anklage.

Seine Opfer: Frauen, die er zufällig traf. Das Motiv: möglicherweise eine sexuell-sadistische Neigung. Der Porzellanmanager - ein Mehrfach-Mörder? Dieser Frage geht seit September das Landgericht Stuttgart nach. Eine DNA-Spur hat die Ermittler letztes Jahr auf Hartmut M. gebracht. Laut LKA können alte Spuren mit neuen Methoden aufbereitet werden. Das führte zum Treffer in der Datenbank.

Das Phantombild von damals.

Zwei Frauen-Morde?

Um diese Taten geht es: Im laufenden Prozess wird der gewaltsame Tod von Brigitta J. aufgerollt. Sie war 35, eine emanzipierte Künstlerin, immer farbenfroh gekleidet, die sich in einem Modeatelier nebenher Geld verdiente. An einem Sommerabend 1995 wurde sie auf dem nächtlichen Heimweg in einem Industriegebiet überfallen.

Der zweite Frauenmord, für den Hartmut M. bereits verurteilt wurde, ereignete sich sechs Jahre später: 2001 nahm er eine Anhalterin bei einer Dienstreise mit. Er traf sie an einem österreichisch-ungarischen Grenzübergang. Magdalene H. (51) aus Schwäbisch-Hall war mit den Landfrauen auf Busausflug zum Plattensee, hatte ihren Ausweis vergessen und wollte heim. Ihre Leiche wurde mit Messerstichen im Hals an der Autobahn gefunden. Und ihr Blut in M.'s Wagen.

2007 wurde Hartmut M. vom Landgericht Würzburg wegen Totschlags zu 12,5 Jahren Haft verurteilt. Seine Ex-Frau gab damals Einblicke in eine seltsame Ehe. Um Geld von ihrem Mann zu bekommen, musste sie gegen ihn Schach spielen. Verlor sie, musste sie ihm sexuell gefügig sein. Ein Kripobeamter berichtet von sichergestellten Excel-Tabellen. Hartmut M. hielt darin fest, wie viel Geld er seiner Frau auf diese Weise zahlte. Es flossen rund 11 500 Euro.

Ebenso akribisch habe Hartmut M. sadistische Pornobilder abgespeichert. Der Computer war in einem Gartenhaus in Hamburg beschlagnahmt worden. Der Ex-Manager lebte nach der Haftentlassung in einer Schrebergartensiedlung. Seine Strafe hatte er in der JVA Fuhlsbüttel ("Santa Fu") verbüßt. Warum Hamburg? Hartmut M. hat 2004 unter dem Aliasnamen "Garibaldi" den Shell-Konzern erpresst.

Angeklagter schweigt

Wie tickt dieser Mann? Seit rund 20 Prozesstagen steht der 70-Jährige vor den Stuttgarter Richtern. Der gebürtige Niedersachse schweigt, macht sich aber unablässig Notizen. Er wirke wie einer, der unbeteiligt im Publikum sitzt, sagt ein Prozessbeobachter. Dass er sich seiner Sache sicher fühlt, weiß die Staatsanwaltschaft aus einem Brief, den er aus der U-Haft an einen Freund schrieb: "Nicht einer der Zeugen hat mich am Tatort gesehen."

Tatsächlich kämpft das Gericht mit Schwierigkeiten. Außer der DNA-Spur unter einem Fingernagel des Opfers gibt es nicht viel Handfestes. Zeugen gibt es eher zu viele: Zwei Zeugengruppen kamen zum Tatort. Vier junge Leute in einem Auto wurden von einem aufgeregten Mann angehalten: "Er wollte, dass wir weiterfahren und Hilfe holen." Sie erinnern sich an einen schwarzen Honda CRX. Hartmut M. fuhr damals einen solchen Wagen.

Auch zwei US-Amerikaner kamen zum Tatort: Sie sahen, wie ein Mann eine Frau über die Straße schleifte. Als sie ausstiegen, sei er in einem hellen Kastenwagen weggefahren. Das Landgericht Stuttgart hat einen dieser Zeugen per Videoschalte vernommen. Der ehemalige Pilot (68) aus Atlanta erinnert sich noch lebhaft an den Juli-Abend.

Als er der Frau aufhelfen wollte, habe er die Löcher im Shirt gesehen. "Ich habe noch nie so ein blasses Gesicht gesehen. Ihre Augen flehten um Hilfe." Die Löcher waren 24 Einstichstellen. Der Amerikaner sah dem Täter ins Gesicht. Ihm fielen die schiefen Vorderzähne auf: "crossed." Die Zähne spielen vor dem Landgericht Stuttgart eine Rolle. Jetzt hat Hartmut M. gerade Zähne - aber zur Tatzeit?

Familie leidet bis heute

Nicht fixiert bekommt das Gericht das Alibi. Hartmut M. sagt, er saß mit einem früheren Kollegen im Biergarten. Dieser bestätigt dies vor Gericht. "Wir haben nicht wenig getrunken." Aber er weiß nicht mehr, wie lange der Umtrunk ging. Die Tat ereignete sich um 23.45 Uhr. Der Sohn der Wirtin sagt, die Terrasse habe schon immer um 23 Uhr geschlossen.

Das Landgericht hat weitere Verhandlungstage bis Mai 2021 anberaumt. Es wird spannend, ob es am Ende für eine Verurteilung reicht. Die Familie von Brigitta J. sehnt sich nach Aufklärung. Die Schwester (63) "der Britt", wohnhaft in Tirol, sagt im Prozess: "Diese Tat kommt jedes Jahr zigfach wieder. Vater hat das bis zu seinem Tod nicht verarbeiten können."

Der Prozessauftakt im September 2020

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Die überraschende Festnahme 2020

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Der Tatort in Sindelfingen: Hier wurde im Juli 1995 die Künstlerin Brigitta Jacobi getötet. Harmut M. wohnte zu diesem Zeitpunkt ganz in der Nähe bei Böblingen.
Hintergrund:

Hartmut M.

  • 1985 bis 1997: Hartmut M. lebt im Großraum Stuttgart.
  • 14. Juli 1995: Mordfall Brigitta J.
  • 1997: Hartmut M. wechselt zu Rosenthal in Selb, macht sich ab 2000 in Ungarn selbstständig.
  • 2001: Tötung von Anhalterin Magdalene H.
  • 2007: Das Landgericht Würzburg verhängt dafür 12,5 Jahre.
  • 2017: Entlassung aus der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel.
  • 2020: Festnahme wegen Mordverdachts an Brigitta J.
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