Speinshart
19.08.2018 - 14:06 Uhr

Zwischen Leid und Leidenschaft

Leid und Mitgefühl, diese großen Kontrapunkte stehen an markanter Stelle im Mittelpunkt eines Konzertes mit den Protagonisten Bach, Weill und Brecht. Ausgerechnet Brecht in der Klosterkirche! Passt das zusammen?

Die Premiere von „Passio – Compassio“ des Festivals junger Künstler Bayreuth brachte in der Klosterkirche Speinshart die Kulturen in Berührung. Unter der Gesamtleitung von Vladimir Ivanoff feierten das Ensemble Sarband mit ihren Solisten und das Kammerorchester aus Cluj (Rumänien) Triumpfe. Als Spezialisten für osmanischen Gesang glänzten in der puren Schönheit orientalischer Verzierungen Rebal Alkhodari (links) und Fadia El-Hage. Robert Dotzauer
Die Premiere von „Passio – Compassio“ des Festivals junger Künstler Bayreuth brachte in der Klosterkirche Speinshart die Kulturen in Berührung. Unter der Gesamtleitung von Vladimir Ivanoff feierten das Ensemble Sarband mit ihren Solisten und das Kammerorchester aus Cluj (Rumänien) Triumpfe. Als Spezialisten für osmanischen Gesang glänzten in der puren Schönheit orientalischer Verzierungen Rebal Alkhodari (links) und Fadia El-Hage.

Die scheinbare musikalische und ideologische Gegensätzlichkeit "zwischen Feuer und Wasser" erweist sich als inspirierende Gesamtinszenierung. Musikalischer Gesamtleiter Vladimir Ivanoff lädt am Freitag die andächtig lauschende Hörerschaft zu einer meditativen Reise durch Raum und Zeit, durch Religionen und Kulturen ein, in der jenseits persönlicher und religiöser Schranken Toleranz und ein friedliches Miteinander herrschen. Welch ein wunderschöner Traum.

Bach, Weill, Brecht: christlich- und muslimisch-arabische Lieder in Arrangements zwischen Jazz, Barock und orientalischer Tradition - können diese musikalischen Welten weiter auseinanderliegen? In seiner Premiere in Speinshart spezialisiert sich Ivanoff mit seinem Ensemble Sarband und dem Orchester und den Solisten des 68. Festivals junger Künstler Bayreuth darauf, diese spannende Geschichte aus ungewohnten Perspektiven zu hinterfragen und Zusammenhänge herzustellen, die sich erst auf den zweiten Blick erschließen.

Neue Ausdrucksformen

Mit dem Ensemble Sarband, Kammerorchester der rumänischen Musikakademie in Cluj (Klausenburg) und glanzvoll auftrumpfenden Solisten, unter anderem aus Syrien, dem Libanon, aus Israel und Tunesien verwandelt der in Bulgarien geborene Musikwissenschaftler den barocken Geist in Speinsharts Klosterkirche zu neuen Ausdrucksformen durch die Lebendigkeit und Mystik arabischer Musik.

Es entsteht ein geniales Geflecht vielstimmiger Tonmalereien. Die Melodien, jetzt verwoben mit arabischen Melismen, verschmelzen auf wunderbare Weise und laden in der erneut überfüllten Klosterkirche mit der Kraft der Musik zum Brückenschlag zwischen Kulturen ein. Da bekommen die Gesänge aus der Bach'schen Johannes-Passion durch das exotische Instrumentarium und die Erhabenheit der Alt-Stimme der libanesischen Sängerin Fadia el-Hage ein Kolorit, das so befremdend wie vertraut wirkt.

Der Passionsmusik von Bach stellt Vladimir Ivanoff im 10. Jahr seines erfolgreichen Wirkens als künstlerischer Leiter des Festivals Außergewöhnliches gegenüber. "Ich will zeigen, dass im Nahen Osten heute ähnlich gelitten wird als zur Zeit Jesu", bemerkt der Maestro. Im Gegensatz zu Bachs Passionen der Hoffnung wird in einem hochkomplexen Denk- und Tonsystem bei Kurt Weill und Bertold Brecht gelitten und gestorben. Deutlich wird diese Botschaft in "Denn wovon lebt der Mensch" aus der Dreigroschenoper ebenso wie aus dem "Kanonensong".

Lyrisch und kreativ

Schlussfolgerungen sind für den musikalischen Spiritus Rector des Konzerts Auszüge aus "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny". Ivanoff stellt darin die radikalen Thesen Brechts gegenüber. Im "Klassenkampf von Mahagonny" wird nach Weill und Brecht die Geschichte von Sodom und Gomorra hör- und erlebbar. In diesem Geist forscht der musikalische Leiter weiter und gelangt in unheimliche Sphären. Weill-Brechts dunkle Visionen erlangen Aktualität.

Originell, ja lyrisch und kreativ wirken die schillernden Ansätze orientalisch-okzidentalischer Verschmelzung. Die barocke Melodik, die sich auch in "Es ist vollbracht" aus der Johannes-Passion, dem Sterbe-Choral "Wenn ich einmal soll scheiden" und aus der Aria "Erbarme Dich" der Bachschen Matthäus-Passion äußert, werden angereichert durch "fremdartige" Legato-Passagen von Mohamad Fityan auf der Längsflöte Nay. Sie erstrahlt zudem im Licht der stimmungsvollen arabischen Oud von Fadhel Boubaker. Nahtlos fließen als barocke Kontrapunkte in purer Schönheit arabisch geprägte Solo-Gesangs-Passagen der stimmgewaltigen und rundfunk- und fernseherfahrenen Fadia El-Hage und orientalisch verziert der exotische Zauber des berühmten syrischen Gesangsvirtuosen Rebal Alkhodari ein.

Sie alle träumen am Freitagabend mit dem Publikum von der Wirkung des "Passio - Compassio" und vereinen sich im innigen Wunsch, mit dem Medium Musik Kulturkonflikte zu überwinden und das Gemeinsame, Übergeordnete herauszustellen. Wann immer von der "Weltsprache" Musik die Rede ist: In Speinshart beweisen die Akteure die verbindende Kraft der interkulturellen Verständigung. Das Konzert endet in einem Stadium der Entzückung.

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