23.08.2019 - 13:50 Uhr
StadlernDeutschland & Welt

Ausflüge in der Region: Geschichtsträchtiges Provisorium Bügellohe

Orte rühmen sich ihrer langen Geschichte. Bügellohe dürfte als eine der kurzlebigsten Siedlungen in die Geschichte eingehen – von 1946 bis 1969. Redakteurin Irma Held und Fotograf Gerhard Götz spüren der Aura dieses Ortes nach.

von Irma Held Kontakt Profil

Der Weiler an der deutsch-tschechischen Grenze ist von Anfang an als Wartesaal angelegt. Vertriebene, nach tschechischer Lesart Ausgewiesene, lassen sich dort zeitweilig nieder. Sie kommen überwiegend aus Wenzelsdorf, einige auch aus dem Weiler Rappauf. Beide, von Sudetendeutschen bewohnte Orte, liegen im Sperrgürtel des einstigen Eisernen Vorhangs, von beiden ist nicht mehr geblieben als ein Erinnerungsschild auf grüner Wiese.

Viele Wenzelsdorfer besaßen schon immer Grundstücke auf bayerischem Boden, auf der Bügellohe. Es gibt dort kein fließendes Wasser, keinen Strom, keine Straße. Das Leben auf der höchsten Erhebung im Landkreis Schwandorf – von der es im Volksmund heißt: „Es ist ein halbes Jahr Winter und ein halbes Jahr kalt.“ – ist hart und karg. Doch die neuen Bewohner nährt die Hoffnung, bald wieder heimkehren zu können in ihre Anwesen in Wenzelsdorf und Rappauf. Als sich dieser Wunsch nicht erfüllt, geben sie das nur schwer zu erreichende Provisorium auf.

Wer die 1969 aufgelassene Siedlung heute besuchen will, muss das Auto stehen lassen und einen Fußmarsch in Kauf nehmen, wie früher der Arzt, wenn in Bügellohe jemand erkrankt war. Vier Kilometer sind es vom Wanderparkplatz, dem sogenannten Vierziger, an der Staatsstraße zwischen Dietersdorf und Stadlern, aus. Vorbei an historischen Grenzsteinen durch Hohlwege führt der Steig an der Landesgrenze aufwärts. Die Bäume erlauben immer wieder Blicke auf saftige Wiesen, Baumgruppen, eine liebliche Landschaft. Auf dem gegenüberliegenden Hügel zeigt sich eine Schneise. Das ist der Weg von Friedrichshäng nach Pleš (Plöss), ein weiteres untergegangenes Dorf entlang des bayerisch-böhmischen Grenzstreifens.

Viel ist auch von Bügellohe nicht geblieben, doch mit zwei Besonderheiten kann sie sich schmücken. Die eine ist von 2011, die andere wenige Wochen alt. Das „Fleischhacker-Haus“, mit Stahlseilen zusammengehalten, beherbergt seit acht Jahren eine Dokumentation in Form einer rollenden Litfaß-Säule, die die Geschichte vor und nach der Vertreibung, unterstützt mit Fotografien, erzählt. 65 Menschen, darunter 34 Kinder, leben in der Nachkriegszeit auf der Bügellohe, sieben Kinder werden dort geboren. Aus notdürftigen Baracken werden feste Häuser. Doch als eine Rückkehr nach Böhmen unmöglich wird, verlassen die Bewohner das Provisorium, der letzte 1969.

Zu entdecken gibt es noch stumme Zeugen einstigen Lebens, wie Holz, Blechteile von den Dächern oder die Ruinen des Hüttl-Hauses. Und genau diese sind, in dem von der EU geförderten Projekt „Verbinden und Zusammenwachsen – von Land zu Land“, eine Partnerschaft mit dem Blech eingegangen. Verantwortlich dafür ist der Dozent an der Westböhmischen Universität Pilsen Benedict Tolar. Mit Studenten arbeitet er die gemeinsame Vergangenheit von Bayern und Böhmen, an diesem für ihn starken Raum, künstlerisch auf. Aus dem Blech wird ein riesiges Segel als Ausdruck des Vorübergehenden, des Zeitweiligen, denn auch ein Schiff werde, so die Überlegungen des Künstlers, durch die Welt getrieben, mal hierhin, mal dorthin. Den Eigentümer der Hüttl-Ruine beispielsweise hat es in den Chiemgau verschlagen, nach Rott am Inn. Nach dem Stöbern in der Geschichte ist es Zeit vor dem Rückweg einen Blick auf die Landschaft zu werfen. Vom Abzweigpunkt der Markierung 41 sind es noch etwa 500 Meter nach links zum Böhmerwaldaussichtsturm.

Geführte Wanderung:

Besonders viel über das Leben auf der Bügellohe erfahren Besucher einer geführten Wanderung. Vor dem „Fleischhacker-Haus“ wird eine historische Szene aus dem Freilichtspiel „Die Pascher“ gespielt. Der Inhalt basiert auf den Lebenserinnerungen von Maria Wachter. Die 2011 in Oberviechtach Verstorbene ist auf der Bügellohe groß geworden. Der Ort heißt deshalb Bügellohe, weil der Grenzverlauf dort eine Art Bogen macht. Auskünfte und Anmeldung bei der Tourist-Information Schönseer Land im Centrum Bavaria Bohemia, Telefon 09674/317 oder E-Mail: touristinfo@schönseer-land.de.

Anfahrt: Aus Richtung Regensburg, Amberg oder Weiden nach Oberviechtach oder Eslarn fahren. Von dort über Schönsee auf der Staatsstraße 2159 weiter Richtung Stadlern. Der Wanderparkplatz liegt auf der linken Seite zwischen Dietersdorf und Stadlern (GPS: 49.521277,12.602618).

Route: Die Tour, Markierung 41, ist mit Böhmerwaldturm etwa neun Kilometer lang und dauert etwa drei Stunden. Die Wanderung lässt sich aber auch mit einem Abstecher nach Pleš verlängern. Die Wege sind schmal, aber gut zu gehen. Festes Schuhwerk ist dennoch zu empfehlen.

Gastronomie: Eine Einkehrmöglichkeit besteht im nahe gelegenen Gasthaus Pleš, dem einzigen Gebäude dieses Dorfes, das den Kalten Krieg überstanden hat. In Stadlern, Weiding und Schönsee gibt es Gaststätten und Cafés.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Aktuell und Wissenswert

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.