14.02.2019 - 14:05 Uhr
Sulzbach-RosenbergDeutschland & Welt

Archäologie vor der Haustür

Eisenerz und Oberpfalz sind untrennbar miteinander verbunden - und das nicht erst seit der glorreichen Hochzeiten von Maxhütte und Co. Der Archäologe Mathias Hensch hat jetzt ein Buch darüber geschrieben: "Erz-Feuer-Eisen".

Archäologe Mathias Hensch bringt die verborgene Geschichte der Oberpfalz und ihre Schätze zurück ans Licht.
von Anke SchäferProfil

Eisenerz und Oberpfalz sind untrennbar miteinander verbunden - und das nicht erst seit der glorreichen Hochzeiten von Maxhütte und Co.. Seit 2001 nimmt Archäologe Dr. Mathias Hensch die frühe Montangeschichte der Region genau unter die Lupe und entdeckt bei seinen vielfältigen Ausgrabungen wertvolle Hinweise auf den enormen Stellenwert von mittelalterlichem Bergbau und Eisenproduktion für die Entwicklungsgeschichte der Oberpfalz. Seine spannenden Erkenntnisse hat er jetzt im Buch „Erz-Feuer-Eisen“ zusammengefasst, das er am Freitag, 15. Februar um 19 Uhr in der Buchhandlung Volkert vorstellt. Die Kulturredaktion hat nachgefragt:

ONETZ: Sie gehen der Oberpfalz seit vielen Jahren im wahrsten Sinne des Wortes auf den Grund – was hat Sie ursprünglich auf diese Region und ihre verborgenen Schätze gebracht?

Mathias Hensch: Mathias Hensch: Ich habe bereits während meiner frühen Studienzeit in der Oberpfalz Ausgrabungen geleitet. Damals gab es noch keine Grabungsfirmen in Bayern, so dass man als Student relativ schnell, wenn man das wollte, kleinere archäologische Untersuchungen für das Landesamt für Denkmalpflege machen konnte. Meine erste „eigene“ Untersuchung war in Loifling im Landkreis Cham, das war 1990. 1993 kam ich dann nach einem Studienaufenthalt in Dänemark nach Sulzbach-Rosenberg, wo ich anschließend bis über das Ende meines Studiums hinaus Jahr für Jahr baubegleitend zur Sanierung des Sulzbacher Schlosses tätig war. Durch diese Grabung habe ich damals viel an Erfahrungen sammeln können, sowohl was das Archäologische angeht, als auch im Umgang mit Bauherren und Baufirmen vor Ort. Im Zuge meiner Doktorarbeit habe ich mich dann ab 1999 erstmals intensiv mit der Siedlungsgeschichte der Oberpfalz befasst und meinem „Forschergeist“ freien Lauf gelassen.

ONETZ: In Ihrem Buch „Erz-Feuer-Eisen“ steckt nicht nur die archäologische Essenz Ihrer zahlreichen Ausgrabungen, sondern auch fundiertes Wissen über die mittelalterliche Eisenproduktion. Wie zeitintensiv war es, sich solch spezielle Kenntnisse anzueignen und allgemein verständlich zu Papier zu bringen?

Mathias Hensch: Ich habe mich schon als Kind in Norddeutschland für Bergbau interessiert. Der Harz war nicht allzu weit entfernt und wir waren dort oft wandern. Der historische Harzer Bergbau, der Alte Mann, hat mich damals fasziniert.
Viel später, im Zuge meiner archäologischen Arbeit im Amberg-Sulzbacher Raum, kam die Frage auf, wo und wann denn eigentlich die Anfänge des Bergbaus in der Oberpfalz liegen und wo die Gründe für die große Bedeutung der Herrschaftsträger im frühen und hohen Mittelalter im Nordgau, das ist in etwa der heutige Oberpfälzer Raum, waren. Vieles ließ sich zunächst nur indirekt aus Schriftquellen erschließen, die Bergbau und Verhüttung nicht direkt erwähnen. So konnte ich zum Beispiel in meiner Dissertation in Bezug auf das frühe Montanwesen vieles nur als Hypothese formulieren.
Aber nach und nach kamen in den letzten 20 Jahren die Befunde zutage, die meine Thesen in vielerlei Hinsicht bestätigen konnten. Das ist natürlich großartig und spornt mich an. Insofern ist es ein längerer Prozess, sich in die ganze Thematik einzuarbeiten, und dieser Prozess ist wahrscheinlich nie abgeschlossen, denn es kommen ja immer wieder tolle und spannende neue Dinge – wenn man sie nicht unbeobachtet zerstört. Das gilt für alle Bereiche der Archäologie.
Das Umsetzen der Ergebnisse in eine allgemein verständliche Sprache ist mir zudem sehr wichtig, denn Geschichte geht ja nicht nur professionelle Historiker und Archäologen an, sondern uns alle.

Mathias Hensch bei der Arbeit.

ONETZ: Ihr Einsatz vor Ort etwa bei Neubauvorhaben stößt ja nicht immer auf Gegenliebe bei den Grundeigentümern – wie gehen Sie mit diesem Aspekt Ihrer täglichen Arbeit um?

Mathias Hensch: Ja, das ist wohl richtig. Zum einen habe ich diesbezüglich über die Jahre „ein dickes Fell“ bekommen, es trifft mich nicht mehr so, wie zu Beginn meiner Laufbahn. Ich versuche aber immer auch dem größten Zweifler und Grantler freundlich und kompetent die Notwendigkeit unserer Arbeit zu vermitteln, Zusammenhänge zu erklären und Neugier zu wecken. Das gelingt oftmals gut, manchmal eben auch nicht. Es gab durchaus schon sehr unangenehme Erfahrungen mit Bauherren, die bis heute nachwirken. Aber das ist die absolute Ausnahme. Ich habe das Gefühl, durch meine Öffentlichkeitsarbeit sind die Leute in den letzten Jahren aufgeschlossener gegenüber der Archäologie geworden.
Letztlich ist es eben oftmals ein Problem, das unmittelbar mit Wertschätzung zu tun hat. Der Bauherr muss uns nach dem Denkmalschutzgesetz bezahlen, er erhält also eine Dienstleistung, die er am liebsten gar nicht in Anspruch nehmen würde. Diese Diskrepanz birgt Spannungspotential und ist oftmals nur schwer oder gar nicht zu entschärfen. Als Auftraggeber sieht der Bauherr keinen "Wert" in unserer Arbeit für ihn. Er bewertet uns nach ökonomischen Gesichtspunkten, was ja sogar zum Teil verständlich ist. Doch wenn er keinen "Wert" in unserer Arbeit erkennt, ist sie für ihn "wertlos".
Die meisten Bauherrn tolerieren uns dennoch mittlerweile, viele entdecken sogar ihr Interesse für die Sache, sobald sie sehen, dass da plötzlich etwas Spannendes auftaucht. Viele entwickeln sogar einen gewissen Stolz der eigenen Geschichte gegenüber. Das sind dann schöne Momente. Dennoch ist der Wert und Mehrwert von Geschichte für unsere Gesellschaft oft sehr abstrakt und somit vielfach schwer nachzuvollziehen. Wenn jemand partout keine Verständnis aufbringen kann und möchte, dann muss man das hinnehmen. Für denjenigen bin ich dann einfach nur ein Dienstleister damit er bauen kann, wie einer, der ihm die Altlasten vom Grundstück entfernt. Solche Leute gibt es eben auch.

ONETZ: Dient Ihr Buchprojekt auch dazu, den Oberpfälzern näherzubringen, wie wichtig die archäologische Arbeit direkt vor der eigenen Tür sein kann?

Mathias Hensch: Das soll es, ganz klar! Über das Thema Eisen kann man in der Oberpfalz noch immer viele Menschen erreichen. Doch sind alle Bereiche der Archäologie wichtig, nicht nur die Montanarchäologie. 99 Prozent der Menschheitsgeschichte sind schriftlos. Da wird einem bewusst, wie wichtig archäologische Quellen sind, wenn es um die Frage geht, woher wir eigentlich kommen und wie sich alles, was wir heute sehen, eigentlich entwickelt hat. Nur wer versteht, dass unter unseren Füßen die eigene Geschichte verborgen liegt, die zudem vielerorts noch von akuter Zerstörung durch Baumaßnahmen bedroht ist, wird sich für unsere Belange interessieren und uns unterstützen.
Deshalb halte ich auch gerne Vorträge für die interessierte Öffentlichkeit, denn viele Oberpfälzer wissen überhaupt nicht, wie unglaublich spannend und vielfältig die oberpfälzer Geschichte tatsächlich ist. Tradition und Geschichtsbewusstsein ist sehr viel mehr, als einmal im Jahr Kirwa feiern und es lohnt sich, sich für die eigene Geschichte einzusetzen. Man wird toleranter dadurch, denn es eröffnet neue Sichtweisen auf viele Dinge, die uns heute sehr beschäftigen und die in der Gesellschaft zum Teil kontrovers diskutiert werden. Ich würde mir wünschen, dass dies mehr wahrgenommen wird – auch in der Kommunalpolitik.

Das Buchcover von "Erz - Feuer - Eisen".

ONETZ: Wird die Montanarchäologie in der Oberpfalz auch weiterhin ein besonderer Schwerpunkt Ihrer Arbeit bleiben oder könnten Sie sich auch neue, spannende Tätigkeitsfelder vorstellen?

Mathias Hensch: Es ist keine Frage, dass es einer hauptamtlichen Montanarchäologie in der Oberpfalz bedarf, um die komplexen und für die Entwicklung der Region so entscheidenden Vorgänge durch das frühe Montanwesen zu verstehen, aber auch vor Zerstörung zu schützen. Ich habe im letzten Kapitel meines Buches dazu eindeutig Stellung bezogen und meinen Standpunkt begründet. Wie kann es sein, dass es in der Oberpfalz einen offiziellen (zweifelsohne wichtigen) Wolfsberater gibt, aber keine Montanarchäologie? Leider ist die Bereitschaft hier weiterzukommen bei den politischen Entscheidungsträgern offenbar nicht sehr groß, das betrübt mich.
Für mich bildet die Montanarchäologie aber nur einen wichtigen Aspekt meiner Arbeit, der durch viele andere Bereiche ergänzt wird, zu denen ich arbeite. Hier wären vor allem die Siedlungs-, Gräber- und Kirchenarchäologie, aber auch die Entwicklungen im frühen Burgenbau des 8. bis 12. Jahrhunderts zu nennen. Letztlich sind für mich alle Bereiche unserer Geschichte nicht nur aus archäologischer Sicht wichtig und spannend. Ein großes Anliegen ist mir daher auch die Erhaltung der mittlerweile sehr wenigen traditionellen Häuser in den oberpfälzer Dörfern und eine Schärfung des Bewusstseins dafür, was hier eigentlich verloren geht. Die traditionelle Hauslandschaft der Oberpfalz ist fast tot und wurde durch eine gesichtslose Allerwelts-Wohnarchitektur ersetzt. Damit stirbt ein ganz wesentlicher Teil historischer Identiät der Menschen in der Oberpfalz. Alte Häuser gehören nicht ins Museum, sondern bilden einen wesentlichen Bestandteil unserer Landschaft und Kultur.

Zur Person:

Mathias Hensch wurde 1967 in Celle/Niedersachsen geboren, studierte Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, Vor- und Frühgeschichte und Mittlealterliche Geschichte an den Universitäten Bamberg und Århus/Dänemark. 2003 promovierte er über seine Ausgrabungen im Sulzbacher Schloss und die frühe Siedlungsgeschichte Sulzbachs und des Umlands. Seit 2001 ist Hensch als selbstständiger Archäologe im nordöstlichen Bayern tätig. 2004 wurde er mit dem Wissenschaftspreis der Hans-Löwel- Stiftung in Plauen und dem Kulturpreis der Stadt Sulzbach-Rosenberg ausgezeichnet, 2006 erhielt er den Kulturpreis des Bezirks Oberpfalz.

Service:

Karten für die Buchvorstellung bei der Buchhandlung Volkert Sulzbach-Rosenberg, Telefon 09661/812373. Das Buch „Erz-Feuer-Eisen“, 112 Seiten, ist bei CULTURCON medien erschienen und kostet 18 Euro. Weitere Infos unter www.schauhuette.com.

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