23.01.2020 - 16:13 Uhr
Sulzbach-RosenbergDeutschland & Welt

"Blind" hinein in den Hürtgenwald

Geschichten erzählen bringt auch dann enormes Vergnügen, wenn man längst den Kindertagen entwachsen ist. Zumindest wenn der Erzähler Steffen Kopetzky heißt und mit Begeisterung Fakten und Fantasie zu einem literarischen Abenteuer verwebt.

Schriftsteller Steffen Kopetzky (links) und Moderator Michael Peter Hehl bei der Lesung im Literaturhaus Oberpfalz.
von Anke SchäferProfil

Vier Jahre nach seinem umjubelten Bestseller „Risiko“ hat der in Bayern beheimatete Schriftsteller nun also die Uhr rund zwei Jahrzehnte vorgedreht und schickt diesmal den Deutsch-Amerikaner John Glueck im Zweiten Weltkrieg in die brutale Hürtgenwald-Schlacht, verschafft ihm persönliche Begegnungen mit den Schriftstellern Ernst Hemingway und J.D. Salinger, beteiligt ihn am humanitären Wunder des „German Doctor“ und lässt ihn später im Vietnam-Krieg die grauenhaften Folgen der Monsanto-Chemikalien am eigenen Leib spüren.

Dass er obendrein als Whistleblower die Affaire „Pentagon Papers“ ins Rollen bringt, blieb weitgehend außen vor – Steffen Kopetzky schüttelte auch so mühelos Geschichte um Geschichte aus dem Ärmel, insbesondere als sich die Lesung vorübergehend zur Dia-Show wandelte. Den Faden seines Romans hat er trotzdem nie verloren und auch den Draht zum Publikum behielt er immer fest im Griff.

Für Moderator Michael Peter Hehl gestaltete sich der Abend daher entspannt: Diesem eloquenten Gast musste er nichts aus der Nase ziehen, schon gar nicht musste er ihm in Sachen Unterhaltung auf die Sprünge helfen. Dass sich Steffen Kopetzky darüber hinaus als bestmöglicher Vorträger seines eigenen Textes erwies, variable Stimmgestaltung und Dialektbeherrschung inklusive, krönte den Abend.

Obendrein brachte Kopetzky Licht in einiges, was seine Leser und Zuhörer angesichts mancher Unglaublichkeiten zwangsläufig umtreibt: Ja, es gibt die Pennsylvanier-Deitschen genauso wie ein amerikanisches East-Berlin, Hemingway war tatsächlich Anführer einer Freischärler-Truppe in Frankreich und Indianer kundschafteten wirklich im Weltkriegseinsatz auch deutschen Boden aus.

Als professioneller Leser und Materialsammler beweist der Schriftsteller im Übrigen unvoreingenommene Aufgeschlossenheit: Auch der „Playboy“ habe ihm aufschlussreiche Einblicke ins Amerika der Nachkriegsjahre geliefert, so Kopetzky. Bei der präsentierten Ausgabe verwies er dann aber ausschließlich auf das 30-seitige Interview mit Hitler-Architekt Albert Speer und einen angepriesenen „Mind Controller“.

Insgesamt habe er zweieinhalb Jahre mit Recherche zugebracht, beantwortet der Schriftsteller eine abschließende Publikumsfrage. Währenddessen sei er aber auch schon schreibend quasi „blind in den Wald reingegangen“. Und weil eine ordentliche Portion Chuzpe nicht nur seine Helden begleitet, glückte der daraus entstandene Hürtgenwald-Prolog ebenso wie der Rest der abenteuerlich spannenden Gluecks-Geschichte.

Info:

Service

Steffen Kopetzkys Roman "Propaganda", Hardcover, 496 Seiten, ist bei Rowohlt Berlin erschienen und kostet 25 Euro, als E-Book 19,99.

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