16.02.2020 - 11:30 Uhr
Sulzbach-RosenbergDeutschland & Welt

Frei von Hass

Seit "St. Petersburg – Berlin – Paris. Memoiren eines Davongekommenen" auf Deutsch erschienen ist, rückt der russisch-französische Historiker Léon Poliakov wieder in den Fokus. Eine Lesung in der Buchhandlung Volkert in Sulzbach-Rosenberg.

Herausgeber Alexander Carstiuc, Mitübersetzer Jonas Empen und Lektorin Janina Reichmann (von rechts) lasen abwechselnd aus Léon Poliakovs "Memoiren eines Davongekommenen".
von Anke SchäferProfil

Herausgeber Alexander Carstiuc stammt aus Amberg und hatte nach 14 vorausgegangenen Lesungen diesmal also quasi ein Heimspiel, als es in der Sulzbach-Rosenberger Buchhandlung Volkert um "St. Petersburg – Berlin – Paris. Memoiren eines Davongekommenen" von Léon Poliakov ging. Genau hier erwarb der studierte Historiker das erste Buch aus dem umfangreichen Œuvre des Pioniers in Sachen Holocaust-Aufarbeitung.

Auch der Gastgeber ist nicht neu auf den Zug aufgesprungen: Bereits 1991 sei er mit „Der arische Mythos“ zu Poliakov gekommen, erinnerte sich Ralf Volkert. Und mit dem brandgefährlichen Polit-Debakel in Thüringen kam noch ein aktueller Aspekt hinzu. Schon während des Zweiten Weltkriegs begann der „Davongekommene“, Léon Poliakov, seine Erlebnisse als Résistance-Mitglied und Aktiver im jüdischen Widerstand festzuhalten und die Geschehnisse im besetzten Frankreich zu dokumentieren. Diese Phase bildet zugleich den Kern der 1981 veröffentlichten Memoiren, aus denen neben Alexander Carstiuc auch Mitübersetzer Jonas Empen und Lektorin Janina Reichmann lasen.

Herausgeber Alexander Carstiuc, Lektorin Janina Reichmann und Mitübersetzer Jonas Empen (von links) zu Gast in der Buchhandlung Volkert.

Erste Orientierung und Einordnung der in Deutschland keineswegs gebührend gewürdigten Lebensleistung bot das Nachwort, mit dem Carstiuc die gedruckten Lebenserinnerungen ergänzt hat. Schilderungen der großbürgerlichen Kindheit in St. Petersburg, der Berliner Schulzeit, der bangen Tage im besetzten Südfrankreich sowie der persönliche Eindruck als Beobachter der Nürnberger Prozesse und angehender Historiker komplettierten den Gesamteindruck.

Die positiven Reaktionen, die das im Verlag Edition Tiamat herausgegebene Buch hervorgerufen hat, ziehen nun weitere Kreise. Die „Memoiren eines Davongekommenen“ liegen seit Dezember bereits in zweiter Auflage in den Buchhandlungen. Und noch wichtiger: Poliakovs bereits 1951 erschienene umfassende Holocaust-Analyse „Brevier des Hasses“ werde im nächsten Jahr endlich auch auf Deutsch bei Tiamat erscheinen, so Carstiuc. Also doch noch späte, posthume Anerkennung für einen Überlebenden und Historiker, der ohne Hass zurückblickte.

Buchcover
Zum Buch:

Léon Poliakov: "St. Petersburg – Berlin – Paris. Memoiren eines Davongekommen", 288 Seiten, aus dem Französischen von Jonas Empen, Jasper Stabenow und Alexander Carstiuc, Verlag Edition Tiamat, 24 €. Die Übersetzung wurde unterstützt von Fondation pour la Mémoire de la Shoah, Paris.

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