08.04.2020 - 12:09 Uhr
Sulzbach-RosenbergDeutschland & Welt

Fricka muss wohl warten

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Seit einigen Tagen steht die Absage der Bayreuther Festspiele 2020 wegen der Coronakrise fest. Die aus Sulzbach-Rosenberg stammende Kammersängerin Christa Mayer ist davon direkt betroffen.

Kammersängerin Christa Mayer hätte in diesem Bayreuther Festspielsommer ihre Premiere als Fricka gefeiert.
von Anke SchäferProfil

In diesem Sommer wollte sich die aus Sulzbach-Rosenberg stammende Mezzosopranistin mit einer neuen Wagner-Partie bei den Bayreuther Festspielen präsentieren. Aber auch darüber hinaus war ihr Termin-Kalender für die kommenden fünf Monate mit hochkarätigen Aufführungen gut bestückt. In der jetzt erzwungenen Pause lässt sich Kammersängerin Christa Mayer aber weder die Lust am Singen noch den optimistischen Blick in die künstlerische Zukunft nehmen:

ONETZ: Frau Kammersängerin, wann hat Sie die Nachricht erreicht, dass die Bayreuther Festspiele abgesagt sind?

Christa Mayer: Ich habe vor der Veröffentlichung in der Presse eine persönliche Mail von Katharina Wagner (Festspielleiterin, Anmerk.d.Red.) bekommen. Ich denke, dass auch alle meine Solistenkollegen sowie Chor, Orchester und die einzelnen Gewerke vorab informiert wurden, um eben zu vermeiden, dass man eine solche Nachricht „aus der Presse“ erfährt. Schließlich geht es für viele Mitarbeiter um eine drei- bis fünfmonatige Verpflichtung bzw. den Löwenanteil ihres jährlichen Einkommens, der damit wegbricht.

ONETZ: Waren Sie als betroffene Künstlerin vorab in irgendeiner Form in die Entscheidungsfindung einbezogen?

Christa Mayer: Nein. Natürlich gab es im Zuge der ganzen Entwicklungen bezüglich des Shutdowns ringsum schon bange Vermutungen, trotzdem war die Absage zu diesem Zeitpunkt eine sehr traurige Nachricht. Die künstlerischen Proben musikalisch und szenisch sollten im Mai beginnen, im April wohl schon technische Proben auf der Bühne und Vorbereitung in Kostüm und Maske. Da wären viele auch internationale Mitarbeiter gefragt gewesen, was ja auch hinsichtlich der aktuellen Situation an den europäischen Grenzen schwierig ist. Und letztlich ist es wie Katharina Wagner sagte ganz klar eine Entscheidung für die Gesundheit.

ONETZ: In welchen Inszenierungen wären Sie in diesem Sommer zu hören und sehen gewesen?

Christa Mayer: Ich wäre in der Neuproduktion „Der Ring des Nibelungen“ in der Oper „Das Rheingold“ als Fricka und in der Oper „Die Walküre“ als Fricka und Schwertleite dabei gewesen. Nach Erda, Waltraute, Mary und Brangäne habe ich mich auf meine erste Fricka in Bayreuth natürlich sehr gefreut. Eine weitere wichtige Fachpartie, mit der ich mich in diesem Festspielsommer gerne dem Publikum präsentiert hätte.

ONETZ: Nachdem der Spielplan 2021 ja ein anderer ist – entfällt das Programm 2020 damit komplett und ersatzlos?

Christa Mayer: Der Ring soll ja in das Jahr 2022 verschoben werden. Gerade bei dem aus vier Opern bestehenden Ring wird das natürlich eine logistische Herausforderung zumal für das Jahr 2022 relativ kurze Probenzeiten geplant sind, weil man ja dachte dann schon im dritten Ringjahr zu sein und nicht mehr so viele Proben zu benötigen. Bedeutet, dass natürlich auch viele Sänger dann schon ringsum andere Verpflichtungen haben und nicht mal eben einen Monat länger proben können. Aber das ist nun Aufgabe der Disponenten. Ich bin froh, dass am Ring -wenn auch verschoben- festgehalten wird und alles weitere wird man sehen.

ONETZ: Wie halten Sie unter diesen momentan und wohl noch bis auf weiteres schwierigen Umständen Ihre Stimme in Form? Fehlt da nicht die Bühnenroutine?

Christa Mayer: Das ist eine wichtige Frage, die mich gerade sehr beschäftigt. Sie haben ja in Ihrer Zeitung schon Interviews mit mehreren Künstlerkollegen gebracht, die ihre Ausfälle, ihre existentiellen Schwierigkeiten und auch die damit verbundene Leere geschildert haben. Mein Kollege Günther Groissböck, der ja in Bayreuth seinen ersten Wotan singen sollte, sagte kürzlich: „Man jagt von einem Höhepunkt zum nächsten und wird plötzlich auf Null gefahren.“ Das kann ich gut nachempfinden: Statt 22 hochkarätigen Aufführungen mit acht unterschiedlichen Werken in Konzert und Oper, die für mich in den nächsten fünf Monaten geplant waren, ist plötzlich „nichts“. Natürlich übe ich weiter und halte die Stimme im Training, aber alleine ist es viel schwerer auf Niveau zu bleiben, als mit den Herausforderungen, die ein gefüllter Terminkalender mit sich bringt.

ONETZ: Ihr bisheriger Berufsalltag war von Auftritten und Reisen geprägt. Womit vertreiben Sie sich jetzt die Zeit in erzwungener Häuslichkeit?

Christa Mayer: Jeder wünscht sich, dass die erzwungene Häuslichkeit ein absehbares Ende findet, dass wir mit dieser Krise anders umgehen beziehungsweise leben können und es baldige Möglichkeiten gibt für die Menschen, die zur Zeit nicht ihrer Arbeit nachgehen dürfen. Aber jetzt ist diese stille Zeit und schlimm fände ich, sich wegen Corona kein Zufriedenheits- und Glücksgefühl zu erlauben. So versuche ich aus der Ruhe auch Kraft zu schöpfen, gehe in die Natur, behalte mir unbedingt die Lust am Singen und ziehe auch manche Rollen aus der Schublade, die noch Zukunftsträume sind- jetzt ist dafür Zeit.

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