11.10.2018 - 15:53 Uhr
Sulzbach-RosenbergDeutschland & Welt

Eine Gemeinde kämpft gegen Pestizide

Malser Bürger wehren sich gegen Agrarindustrie und Pestizidlobby. Alexander Schiebel dokumentiert diesen Kampf seit Jahren in Bild und Wort. Nun erzählt er von weiteren Entwicklungen und den Reaktionen auf sein Projekt.

Ein Ausschnitt aus dem Film "Das Wunder von Mals": Mit Strohpuppen machen die Bürger in Mals auf ihr Anliegen aufmerksam.
von Anke SchäferProfil

Angefangen hat alles mit „Südtirol erzählt“. Über diese Filmporträts stieß Alexander Schiebel auf engagierte Bio-Bauern und Umweltschützer, die der industriellen und hochgiftigen Apfel-Produktion die Stirn bieten wollen. Über jenen Kampf der Gemeinde Mals schrieb Schiebel ein Buch und drehte einen Film: „Das Wunder von Mals“. Am Mittwoch, 24. Oktober (19 Uhr), liest er aus dem Buch im Capitol in Sulzbach-Rosenberg, zwischendurch werden Ausschnitte des Films gezeigt. Im Interview mit der Kulturredaktion erzählt er, dass der Weg zur ersten pestizidfreien Gemeinde in Europa für Mals noch immer nicht abgeschlossen ist.

ONETZ: Wie ist es in Mals weitergegangen, seit Ihr Buch erschienen ist?

Alexander Schiebel: Am 1. April 2016 war eine strenge Pestizidverordnung in Mals in Kraft getreten, die eine zweijährige Übergangsfrist für konventionelle Obstanlagen vorsah. Pünktlich am 1. April 2018 hat ein Gericht in Bozen diese Verordnung vorläufig außer Kraft gesetzt. Schließlich drohen den Obstbauern finanzielle Verlust, so die Argumentation. Der Wunsch der demokratischen Mehrheit in Mals scheint ebenso wenig zu zählen, wie die Gefahren für die Gesundheit der Malser Bevölkerung. Die eigentliche Verhandlung findet im Januar 2019 statt.

ONETZ: Wie kommt eigentlich die Malser Dorfgemeinschaft mit der großen, auch internationalen Aufmerksamkeit zurecht, die Ihr „Ja“ zur Pestizidfreiheit ausgelöst hat?

Alexander Schiebel: Das Interesse ist in der Tat sehr groß. Und obwohl sich die Menschen in Mals natürlich über diese Anteilnahme freuen, muss man doch auch Strukturen schaffen, um alle Besucheranfragen und Vorschläge in geordnete Bahnen zu lenken. Diese Strukturen werden gerade aufgebaut.

ONETZ: Auf welche Reaktionen stoßen Sie bei Ihren Vorstellungen von Film und Buch in Deutschland, Österreich und der Schweiz?

Alexander Schiebel: Die Menschen sind empört über die unfassbare Ignoranz von Bauernbund und Landesregierung in Südtirol, schöpfen aber gleichzeitig Hoffnung, fühlen sich ermutigt und angeregt durch den humorvollen und unnachgiebigen Widerstand in Mals.

ONETZ: Und ganz persönlich: Wie sehr prägen der damalige Beschluss und seine Folgen Ihr Leben bis heute?

Alexander Schiebel: Naja, ich bin ja im Moment noch rund um die Uhr in Sachen Mals unterwegs. Ich lebe mein Leben, wenn man so will, in „vollen Zügen“. Doch ich mache es gerne. Denn ich weiß, dass wir auf diese Weise in Mals einen symbolischen Sieg erringen werden.

ONETZ: Mit all dem Wissen und all den Erfahrungen, die Sie gemacht haben – würden Sie den gleichen Weg wieder wählen?

Alexander Schiebel: Ja, keine Frage. Und die gleiche Antwort werden sie von jedem erhalten, der sich engagiert und für sein Engagement ein Grenze überschreitet.

ONETZ: Mals hat ein beachtliches Zeichen gegen die Vergiftung der Lebensgrundlagen gesetzt. International schreiten jedoch Umweltzerstörung und Klimaerwärmung scheinbar ungebremst voran – beschleicht Sie da nicht hin und wieder ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit?

Alexander Schiebel: Dieses Gefühl beschleicht mich nicht nur, ich muss täglich dagegen ankämpfen. Wie man es schafft, die Hoffnung nicht zu verlieren, ist dabei tatsächlich eine der Schlüsselfragen. Ich glaube, die meisten Menschen, die ihre Hoffnung stabilisieren konnten, schöpfen aus spirituellen Kraftquellen. So auch ich.

ONETZ: Sie stellen Film und Buch am 24. Oktober in Sulzbach-Rosenberg vor. Ganz in der Nähe wurde vor Jahren auch ein großer Kampf ausgetragen, Stichwort WAA Wackersdorf. Fällt die Saat Ihrer Idee hier also womöglich auf fruchtbareren Boden als andernorts?

Alexander Schiebel: Man kann es nie wissen. Doch ich bin sicher, dass die Saat dort aufgehen wird, wo sie aufgehen soll.

ONETZ: Werden Sie auch zukünftig hauptsächlich als Umweltschutz-Fürsprecher engagiert bleiben oder haben Sie andere berufliche Pläne?

Alexander Schiebel: Ich schreibe gerade ein Buch mit dem Titel „Was Helden anders machen“ in dem ich das streng geheime Rezept des Zaubertrankes enthüllen werde, der unbesiegbar macht. Außerdem möchte ich einen Web-TV-Kanal mit dem Titel „Ideenzeit“ aufbauen. Es geht dabei um Ideen, deren Zeit gekommen ist, weil sie in einem doppelten Sinn gut sind. Gut im Sinne von neu und originell. Und gut im Sinne von gut für uns alle, für das Gemeinwohl, für die Nachhaltigkeit unserer Wirtschaft. Ich bleibe also dem Thema Umwelt ganz klar treu.

Das Buch und die Lesung:

Tickets in der Buchhandlung Volkert in Sulzbach-Rosenberg unter Telefon 09661/812 373. Das Buch „Das Wunder von Mals“ ist im Oekom Verlag erschienen und kostet 19 Euro.

Filmemacher und Autor Alexander Schiebel dokumentiert den Kampf der Gemeinde in Südtirol gegen Pestizide.

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