05.07.2019 - 14:22 Uhr
Sulzbach-RosenbergDeutschland & Welt

Grenzüberschreitendes Familienunglück

Sie hat eine der schwierigen Hürden für Schriftsteller mühelos gemeistert: Mit ihrem zweiten Roman knüpfte Ulrike Anna Bleier unmittelbar an den Debüt-Erfolg „Schwimmerbecken“ an, der es aus dem Stand auf die Hotlist 2017 geschafft hatte.

Ulrike Anna Bleier
von Anke SchäferProfil

Ulrike Anna Bleier kommt ihrem deutsch-tschechischen Roman „Bushaltestelle“ zum Sommerfest des Literaturhauses Oberpfalz. Ein Interview darüber, wie es mit "Bushaltestelle" seit Erscheinen im Herbst 2018 weitergegangen ist.

ONETZ: Frau Bleier, im November letzten Jahres haben wir „Bushaltestelle“ in den Oberpfalz-Medien vorgestellt, im Juli sind Sie damit zu Gast beim Sommerfest im Literaturhaus Oberpfalz. Wie ist es Ihnen in der Zwischenzeit mit dem Roman ergangen?

Ich hatte einige sehr erfreuliche Lesungen, unter anderem in Prag und in Olmütz, was mich besonders gefreut hat, weil das Buch ja mindestens zur Hälfte nach Tschechien gehört.

ONETZ: Haben das „Tschechische Kulturjahr 2019“ und der entsprechende Schwerpunkt „Tschechien“ auf der Leipziger Buchmesse zusätzliche Impulse gebracht?

Ich kann das schlecht beurteilen. Für mich persönlich auf jeden Fall, ich habe dort z.B. Interviews und Lesungen mit Radka Denemarkova und Jachym Topol gesehen, die mich sehr beeindruckt haben. Generell finde ich aber, dass die Aufmerksamkeit etwas ungerecht verteilt ist: Es werden deutlich mehr deutsche Bücher ins Tschechische übersetzt als umgekehrt.

ONETZ: Ihr Kalender beinhaltet auch einige Stationen in Tschechien. Gibt es etwas, das Sie an diesem Nachbarland besonders schätzen?

Sehr viel sogar. Ich sage jetzt nicht das Bier und die Landschaft, obwohl das natürlich nicht falsch wäre. Vor allem hat es mir diese eigenartige Sprache angetan: Sie ist wie eine ständige Überforderung und das ist Sprache ja per se, nur drückt das nicht jede Sprache so grandios aus wie das Tschechische. Außerdem liebe ich tschechische Filme wie beispielsweise Tausendschönchen von Věra Chytilová oder Valerie von Jaromil Jireš. Ich schätze diese expressionistische Bilderflut, den beiläufigen Humor in den Dialogen, das Phantastische und das Anarchische darin – das ist unvergleichbar.

ONETZ: Klappt es mittlerweile – zumindest teilweise - schon mit Lesungen in Landessprache?

Das Lesen auf Tschechisch würde ich ja eventull noch hinkriegen. Selbst sprechen und Gehörtes verstehen leider gar nicht. Dazu müsste ich wirklich dranbleiben, wozu mir aber leider dann doch die Zeit fehlt. In Broumov wurden aber zwei Kapitel aus meinem neuen Projekt übersetzt und vorgelesen, das hat sich sehr schön für mich angehört.

ONETZ: Wird es eigentlich auch eine tschechische Ausgabe von „Bushaltestelle“ geben?

Möglicherweise ja. Eine Übersetzerin aus Brünn hat kürzlich den Roman bei einem Speeddating mit tschechischen Verlagen in Prag vorgestellt und ist auf großes Interesse gestoßen. Jetzt heißt es erstmal abwarten. Bei einer Lesung in Olmütz hat das Publikum bereits rege darüber diskutiert, wie der Titel übersetzt werden könnte. Ich habe gelernt, dass Zastávka - eines meiner Lieblingswörter im Tschechischen, es hört sich genauso an, wie man sich fühlt, wenn man lange auf etwas wartet - nicht funktionieren würde als einzelnes Wort. Man müsste autobusová dazu schreiben. Zastávka autobusová.

ONETZ: Beim Literatursommerfest ist auch der Kollege Jaroslav Rudiš zu Gast. Kennen Sie sich schon oder wird das eine Premiere?

Ich kenne ihn bzw. zwei seiner Bücher, er mich wahrscheinlich eher nicht. Also Premiere.

ONETZ: Für Ihr nächstes Projekt „Spukhafte Fernwirkung“ haben Sie ein Residenzstipendium in Broumov/Tschechien sowie ein Arbeitsstipendium der Kunststiftung NRW und das Dieter-Wellershoff-Stipendium der Stadt Köln erhalten – worum geht es und wann wird das Buch erscheinen?

„Spukhafte Fernwirkung“ nennen die Quantenphysiker ein Phänomen, bei dem zwei räumlich voneinander vollkommen unabhängige Systeme so miteinander verschränkt sind, dass sich Veränderungen an dem einen auf den Zustand des anderen auswirken. Ein ähnliches Prinzip wende ich auf meine Romanfiguren an, die an verschiedenen Orten in Europa (u.a. auch Tschechien) leben. Da geht es dann um „Parallelwelten“, Beinahe-Begegnungen, Koinzi­den­zen und kol­lek­tive Impulse. Ich hatte zwar in Physik eine Fünf, so dass die Wahrscheinlich­keit gering ist, dass ich das quantenmechanische Phänomen der „Spukhaften Fernwirkung“ jemals kapieren werde. Aber das ging auch Einstein so, der den Begriff geprägt hat. Faszinierend finde ich, dass man diese Verschränkungen zwar mit dem menschlichen Verstand nicht verstehen, sie aber dennoch mathematisch nachweisen kann! So funktioniert auch Literatur: Als Autorin bin ich ständig auf der Suche nach einer Sprache, in der ich das, was ich nicht verstehe, formulieren kann. Wann das Buch erscheinen wird? Keine Ahnung. Vom Ende bin ich noch Lichtjahre entfernt.

Info:

Literatursommerfest im Literaturhaus Oberpfalz am Samstag 13. Juli mit Präsentation Bierland Pilsen (16 Uhr), Lesung Ulrike Anna Bleier "Bushaltestelle" (18 Uhr) und Lesung Jaroslav Rudis "Winterbergs letzte Reise" (20 Uhr), Eintritt 10 Euro, Infos unter Tel. 09661/8159590.

Am Sonntag, 14. Juli, 18 Uhr liest Ulrike Anna Bleier bei "Sommer am Regenbogen" in der Städtischen Galerie am Cordonhaus in Cham.

Der Roman "Bushaltestelle", 224 Seiten, broschiert, ist in der edition lichtung erschienen und kostet 17,90 Euro.

www.bleier-online.de

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