20.11.2018 - 13:15 Uhr
Sulzbach-RosenbergDeutschland & Welt

Kein Frieden mit der Vergangenheit

Julia Schoch stellt „Schöne Seelen und Komplizen“ am 22. November im Literaturhaus Oberpfalz vor

Julia Schoch gilt als eine der scharfsinnigsten Chronistinnen ostdeutscher Befindlichkeit. In ihrem Gesellschaftsroman „Schöne Seelen und Komplizen“ erzählt sie von einer Abiturklasse im Jahr 1989 und dem Leben der damaligen Abiturienten heute und macht den historischen Umbruch im privaten Leben von siebzehn Menschen erfahrbar.
von Anke SchäferProfil

Was bleibt nach 30 Jahren noch von den Träumen und Plänen der Jugend? Eine schwierige Frage, umso mehr, wenn das Ende der Schulzeit mit dem radikalen Umbruch der Wiedervereinigung einhergeht. In ihrem neuen Roman „Schöne Seelen und Komplizen“ begleitet Schriftstellerin Julia Schoch die Abschlussklasse eines Elitegymnasiums in Ostdeutschland mit nüchternem Blick durch Gegenwart und Vergangenheit.

Dabei führt sie eindringlich vor, warum es so selten klappt mit unbelasteten Klassentreffen und dem milden Licht der Erinnerungen. Vor der Lesung am Donnerstag, 22. November um 19.30 Uhr im Literaturhaus Oberfpalz hat Julia Schoch der Kulturredaktion einige Fragen zum spannenden Thema beantwortet:

ONETZ: Frau Schoch, in Ihrem Roman spielen Schul-Erinnerungen eine wichtige Rolle. Wie ist es um Ihre persönlichen Erinnerungen an diese Zeit auf der Schwelle zum Erwachsensein bestellt?

Meine Abiturzeit fiel in die Zeit des Mauerfalls und der politischen Wende (1988 – 1992). Das war natürlich eine auftriebige, aufregende Zeit. Es gab viele angenehme Neuerungen, auch Wochen der Anarchie, weil plötzlich der Direktor verschwunden war, Lehrer nicht mehr kamen oder nicht mehr wussten, was und wie sie unterrichten sollten. Auch tolle Lehrer, die sofort einen anderen, offenen Kurs eingeschlagen haben. Eine Zeit der Selbstermächtigung als Schüler, eine Zeit der vielen Möglichkeiten. Aber auch eine der hässlichen Abrechnungen, weil manche politischen Grabenkämpfe der Eltern von den Schülern in der Schule weitergekämpft wurden.

ONETZ: Klassentreffen wecken zwiespältige Gefühle und offenbaren häufig die Zwanghaftigkeit der Gemeinschaft von damals. Hat Sie dieser Aspekt gereizt oder hatten Sie eine anderweitige Inspiration?

Es ging mir in meinem Roman gerade darum, das klassische Motiv des Klassentreffens ad absurdum zu führen. Es ist ja eine vollkommen verpatzte Veranstaltung, eine Art Nicht-Erinnerung. Hier macht keiner seinen Frieden mit der Vergangenheit, bzw. lasse ich es bewusst aus der Perspektive einer Figur schildern, die ihren Frieden nicht machen will. Oder es nicht kann. Dieser unversöhnliche, auch unerbittliche Blick hat mich interessiert. Dass alles rosig wird, nur weil es vergangen ist und weit zurückliegt, diese Auffassung teile ich nicht, genau wie der Tomas im Buch.

ONETZ: Am Ende des Romans bleibt die Frage, wie man sich seiner eigenen Vergangenheit gegenüber positioniert. Wie halten Sie es damit?

Ich habe den Roman geschrieben, weil ich oft mit genau dieser Frage konfrontiert war. Ich kann meine „Position der Vergangenheit“ nicht auf eine Formel bringen, nicht auf einen Punkt, und am wenigsten kann ich ein abschließendes Urteil darüber fällen. Erzählen ist ja das Gegenteil von Urteilen. Deshalb die vielen Figuren, die diese Frage auch jeweils ganz unterschiedlich beantworten. Milan Kundera hat einmal sinngemäß gesagt: Die Vergangenheit trägt ein schillerndes Kleid, und jedes Mal wenn wir uns danach umdrehen, leuchtet es in einer anderen Farbe. Diese Haltung steckt auch in meinem Roman.

ONETZ: Dass Sie studierte Romanistin sind, schimmert auch im Roman durch, dessen Titel Sie an ein Zitat aus „Die Fliegen“ von Jean Paul Sartre angelehnt haben. Was verbindet Sie mit dem französischen Dramatiker und Philosophen?

Als ich 15 oder 16 war, hat er mir mit seiner Philosophie sehr geholfen. Das wir uns selbst entwerfen können, ja sogar müssen, dass wir zur Freiheit verurteilt sind und damit die Zukunft prinzipiell offen ist, das alles passte damals genau in die Zeit. Es war ein verlockendes Angebot, eine wirklich anziehende Sicht auf die Welt.

ONETZ: Sie arbeiten ja auch als Übersetzerin – haben Sie dabei einen besonderen Favoriten?

Ich übersetze gern Dialoge, weil ich als Schriftstellerin selbst kaum welche schreibe, jedenfalls keine Dialoge im klassischen Sinne.
Was die Autoren angeht, ist für mich Georges Hyvernaud immer noch eine der ganz wichtigen Entdeckungen. Inzwischen gehört er ja glücklicherweise zum Kanon. Er hat einen vollkommen anderen Blick auf die Nachkriegszeit etabliert als seine bekannteren Kollegen. Interessanterweise war er eine der Gegenstimmen zu Sartre. Damit hatte er damals natürlich kaum eine Chance. Auch weil er überhaupt kein Selbstdarsteller war, das allein macht ihn sympathisch.

ONETZ: Wenn Sie fremdsprachige Texte in deutsche Sprachmelodie transponieren, leisten Sie einen wesentlichen Beitrag zum Erfolg, der über das reine Übersetzen Wort für Wort hinausgeht. Wird dieser Anteil Ihrer Meinung nach ausreichend gewürdigt?

Ja, inzwischen hat sich das ein wenig gebessert. Zumindest auf der Ebene des Feuilletons begreifen die meisten, dass kein Buch besprochen werden kann, ohne über die Übersetzung zu sprechen. Trotzdem bin ich immer wieder überrascht, wie oft selbst gebildete Menschen verwundert fragen, wieso man einen fremdsprachigen Roman nicht einfach bei Google-Translator eingibt…

ONETZ: Beeinflussen die Werke, die Sie übersetzen, in irgendeiner Form Ihr eigenes Schreiben?

Ganz bestimmt. Als Übersetzerin beschäftige ich mich einfach zu intensiv mit einem Buch, als dass es keine Spuren hinterlassen würde. Deshalb ist es wichtig für mich, immer wieder anregende Romane, sprachlich Herausforderndes zu übersetzen. So färbt im besten Falle das Gute ab…

ONETZ: Wenn Sie wählen können: Sitzen Sie lieber vor einem zu übersetzenden Text oder vor einer leeren, mit eigener Kreativität zu füllenden Seite?

Wenn ich weiß, was und worüber ich schreiben möchte, wohin es mich drängt, dann wähle ich das Schreiben. Übersetzen ist ein Freundschaftsdienst. Schreiben ist eine Notwendigkeit, die nur mich selbst angeht, weil sie mir etwas über mich enthüllt.

ONETZ: Und mit Blick auf die Lesung im Literaturhaus Oberpfalz: Was schätzen Sie am direkten Kontakt mit dem Publikum?

Die Aufmerksamkeit, die man in den besten Momenten selbst hervorbringt. Neue Fragen an denselben Stoff, die sich aus ganz anderen Biografien heraus ergeben.

ONETZ: Gibt es etwas, worauf Sie sich besonders freuen, wenn der Buch-Präsentations-Marathon vorbei ist?

Die Überraschung, wohin es mich treibt in meinem nächsten Schreibprojekt (obwohl man es ja meistens insgeheim schon weiß, aber ich darf es mir nicht verraten.)

Info:

Eintritt 7 Euro, Reservierungen und Informationen unter 09661/8159590 oder info[at]literaturarchiv[dot]de. Der Roman "Schöne Seelen und Komplizen",320 Seiten, ist im Piper Verlag erschienen und kostet 20 Euro, als E-Book 16,99 Euro.

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