16.10.2020 - 11:54 Uhr
Sulzbach-RosenbergDeutschland & Welt

Lutz Seiler: Mit "Stern 111" auf der Erfolgs-Umlaufbahn

Wenn es in den vergangenen Monaten einen unangefochtenen Buch-Hit gab, dann den Roman „Stern 111“. Und das alles nahezu ohne persönliche Werbung, denn Schriftsteller Lutz Seiler konnte seine Lesetour erst im Sommer starten.

Buchcover
von Anke SchäferProfil
Lutz Seiler

Zu den zahlreichen Lesungen, die im Frühling aus hinlänglich bekannten Gründen abgesagt werden mussten, zählte auch der vom Literaturhaus Oberpfalz veranstaltete Abend mit Lutz Seiler und Moderator Thomas Geiger. Um die Zeit bis zum Nachholtermin am 26. Januar 2021 zu überbrücken, hat die Kulturredaktion den vielfach ausgezeichneten Schriftsteller schon jetzt befragt zum Erfolgsroman und zum Buchpreis, von dem man übers Radio erfährt. Was es mit dem Kurz-Auftritt des legendären Kevin Coyne auf sich hat, verrät er auch:

ONETZ: Herr Seiler, das gewohnte Leben aus den Angeln gehoben, die wirtschaftliche Existenz bedroht, die Zukunft ungewiss: Lässt sich die Corona-Gefühlslage in irgendeiner Hinsicht vergleichen mit der Situation vieler Ostdeutscher in den Jahren 1989 und 1990?

Lutz Seiler: Als ich mich Ende April auf den Weg zu meiner Frau nach Stockholm machte, war unklar, ob mein Versuch, Deutschland zu verlassen (mein Ausbruch, dachte ich), nicht schon an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern enden würde. In den Nachrichten hatte ich Berichte über Checkpoints und Straßensperren gesehen, Autos wurden angehalten und zurückgeschickt, ein Grenzdurchbruch wurde vereitelt, wie es hieß (zur Illustration ein ausführlicher Bericht darüber, wie ein Wagen polizeilich verfolgt und wieder eingefangen wurde). Die zur Verdeutlichung der Lage eingeblendete Graphik der rundum geschlossenen Staatsgebiete rief unweigerlich die Situation vor 89 in Erinnerung. Ungerufen tauchte auch das alte, die Wahrheit komplett verdrehende Wort vom „Grenzverletzer“ wieder auf in Gedanken – sicher, ein Vergleich ist absurd und vollkommen unangebracht, es handelte sich nur um die historisch letzte Erfahrung mit Einschließung und Restriktion.

ONETZ: Ähnlich wie Ihren Protagonisten Carl Bischoff hat es auch Sie Anfang der 1990er-Jahre nach Berlin gezogen. Haben Sie beim Schreiben immer noch den fiebrigen Puls dieser besonderen Zeit gespürt?

Lutz Seiler: Was ich 30 Jahre später beim Erinnern an diese Zeit verstehen musste: Dass es nicht nur „Fieber“ und „Begeisterung“ waren, sondern eben auch eine schwere, prekäre Situation – auch die Ärmlichkeit unserer Existenz in Berlin, die Schwierigkeit, sich vollkommen neu zu orientieren, galt es in den Blick zu nehmen. Ich musste den „Begeisterungsbefehl“, der einem entgegen tönt, wenn es um diese Zeit geht, negieren, um die ganze Geschichte zu erzählen.

ONETZ: Die Anfänge der legendären Berliner Clubs spielen im Roman eine zentrale Rolle. Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass die Pandemie jetzt nicht das Ende dieser einzigartigen Kulturszene bedeutet?

Lutz Seiler: Berlin wird von außen immer mit der besonderen Club-Kultur assoziiert. Mich interessiert mehr, wie es mit den Orten der Literatur weitergeht, den Literaturhäusern, Buchhandlungen und nicht zuletzt mit der Existenz vieler Autoren, die um ihr tägliches Überleben kämpfen müssen. Ohne Lesungen fehlt ihnen eine ihrer Haupteinnahmequellen.

ONETZ: Dass der Name Kevin Coyne im Buch auftaucht, hat seine Fangemeinde gefreut. Wo und wann sind Sie auf den zuletzt in Franken lebenden Musiker, Maler und Autor gestoßen?

Lutz Seiler: Kevin Coyne wurde von vielen bewundert. Mir ist es bis heute ein Rätsel, wie es damals gelingen konnte, ihn in die „Assel“, unsere Kneipe, zu locken. Ein Freund von mir hatte großen Anteil daran, an die genaueren Umstände erinnere ich mich leider nicht mehr.

ONETZ: Den renommierten Preis der Leipziger Buchmesse 2020 konnten Sie nur virtuell feiern – ein kleiner Wermutstropfen?

Lutz Seiler: Der Preis wurde im Deutschlandfunk vergeben – am Radio gewissermaßen. Wir saßen noch am Frühstückstisch, das Kofferradio auf dem Tisch, fast wie früher, in meiner Kindheit – an jedem Morgen lief Bayern 3, das wir in Thüringen empfangen konnten. Dann der Preis: Reine Freude. Eine Messe wäre natürlich schön gewesen - und meine Lesereise begann dann erst im August.

ONETZ: Wo auch immer man nach den Bestsellern im Lockdown und danach gefragt hat, „Stern 111“ war immer vorne dabei. Freuen Sie sich darüber besonders?

Lutz Seiler: „Stern 111“ stand in den 5 Wochen des Lockdowns auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste – man war zu Hause, gezwungenermaßen, wusste aber, dass das Buch da draußen seine Leser findet, das war schon eigenartig. Und natürlich sehr schön, dass der „Stern“ trotz allem seine Bahn zog.

ONETZ: Zwei Romane, zwei Preise: Schreibt es sich nach dieser beeindruckenden Ausbeute zukünftig unbeschwerter oder belastet der damit unweigerlich verbundene Erwartungsdruck?

Lutz Seiler: Ich glaube, es ist für jeden Autor wichtig, das Schreiben zu trennen von dem, was mit den fertigen Büchern später geschieht in der Welt. Der größte Erfolg für jeden Autor ist zunächst, das Buch geschrieben zu haben – oft sind das fünf, sechs Jahre Arbeit, ohne größere Pause. Zudem bin ich jetzt lange genug „dabei“, wie man so sagt – und die Romane waren nicht meine ersten Bücher. 20 Jahre lang hab ich vor allem Gedichte geschrieben, Erzählungen und Essays.

ONETZ: Ist der Kopf überhaupt schon frei für ein neues Projekt oder muss das warten, bis all die verschobenen Lesungen nachgeholt sind?

Lutz Seiler: Seit Anfang des Jahres bin ich wieder im Heimathafen der Gedichte. Und im nächsten Jahr soll es einen neuen Gedichtband geben.

Info:

Buch und Lesung

Der Roman "Stern 111", 528 Seiten, gebunden, ist am 2. März im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet 24 Euro. Er wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2020 ausgezeichnet.

Am Dienstag, 26. Januar 2021 um 19.30 Uhr holt Lutz Seiler im Capitol die für 2. April geplante Lesung nach. Die Veranstaltung des Literaturhauses Oberpfalz wird moderiert von Thomans Geiger, Literarisches Colloquium Berlin.

Info:

Zur Person

Lutz Seiler, Jahrgang 1963, wuchs in Ostthhüringen auf. Nach einer Lehre als Baufacharbeiter studierte er Geschichte und Germanistik in Halle. 1990 ging er nach Berlin, wo er mehrere Jahre als Kellner arbeitete. Sein literarisches Debüt gab er 1995 mit dem Gedichtband "berührt/geführt". Nach weiteren Lyrik- und Erzählbänden legte der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller 2014 seinen ersten Roman "Kruso" vor, der unter anderem auch den Deutschen Buchpreis 2014 erhielt. "Stern 111" ist sein zweiter Roman. Lutz Seiler lebt mit seiner Frau in Wilhelmshorst und Stockholm.

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