08.06.2018 - 18:41 Uhr
Sulzbach-RosenbergDeutschland & Welt

Der nette Terrorist von nebenan

Auch Tage nach der Festnahme zweier mutmaßlicher IS-Terroristen im Landkreis Amberg-Sulzbach ist die Aufregung nicht verflogen. Vor allem deshalb, weil die Männer sich so gar nicht verdächtig verhielten. Eher im Gegenteil.

Auffällig unauffällig: Das Haus in Sulzbach-Rosenberg in dem die Polizei am Mittwoch den Terrorverdächtigen festnahm.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Die Nacht zum Mittwoch war früh vorbei - früh und überraschend. Gegen 3.30 Uhr weckt Lärm die Anlieger einer Straße im Sulzbacher Bachviertel. Der Blick auf die Straße bietet eine Hollywood-Szenerie. Überall Polizei, in Uniform und in Zivil, mit Hunden oder vermummt, die Maschinenpistole im Anschlag. Über Leitern dringen die SEK-Einsatzkräfte gegen 3.45 Uhr in das Reihenhaus ein, das nur wegen seiner rosa Farbe ein wenig auffällt.

Was dann im Inneren passiert, ist für die Anlieger nicht mehr zu sehen, die direkten Nachbarn bekommen zumindest akustisch einiges mit: "Ein riesen Radau", sei durch die Wand zu hören gewesen. Die Nachbarn berichten von lauten Schreien, von umgeworfenen Stühlen, von Getrampel und Geklopfe. "Wir hatten Sorge um unser Auto auf der Straße direkt vor dem Haus", erzählt die Frau. Die Polizei habe sich dann lange im Haus aufgehalten. Erst gegen 7.30 Uhr sei das letzte Polizeiauto wieder verschwunden.

Anerkannter Asylbewerber

Was sich in den vier Stunden im Haus abgespielt hat, erklärt den Nachbarn niemand. Am Mittwoch und Donnerstag habe es deshalb viele Gerüchte gegeben. Dass es um die Festnahme von IS-Terroristen ging, bestätigt erst am Donnerstagnachmittag eine Pressemitteilung des Generalbundesanwalts aus Karlsruhe. Noch am Freitagmorgen gehen die Anwohner im Sulzbacher Bachviertel davon aus, dass die Polizisten zwei Männer aus dem Nachbarhaus mitgenommen haben. Tatsächlich war es nur einer, die andere Festnahme im Landkreis Amberg-Sulzbach gab es in der Gemeinde Kümmersbruck.

Diese Information bestätigt das Landratsamt Amberg-Sulzbach. Von der Bundesanwaltschaft ist zu erfahren, dass es sich bei den Festgenommenen um den 28-jährigen Muqatil Ahmed Osman A. und den 29-jährigen Jamer Amer Jawad A.-A handelt. Beides sind Asylbewerber aus dem Irak. "Einer war bereits anerkannt, beim anderen lief das Anerkennungsverfahren noch", heißt es aus dem Landratsamt. Derzeit sollen die beiden Iraker in den Justizvollzugsanstalten Amberg und Nürnberg untergebracht sein. Die beiden dezentralen Unterkünfte in Sulzbach-Rosenberg und Kümmersbruck sind laut Landratsamt weiter mit Asylbewerbern und Flüchtlingen belegt.

Wie lange die Verhafteten sich bereits im Landkreis aufhielten, ist unbekannt. Fest steht, dass zumindest der mutmaßliche Terrorist in Sulzbach-Rosenberg dort kaum in Erscheinung getreten ist. Sechs Namen stehen auf dem Briefkasten, welcher davon zum Verhafteten gehört, kann keiner der Nachbarn sagen. Alle Männer aus dem Haus seien zurückhaltend und sogar freundlich aufgetreten. "Sie haben immer gegrüßt", sagt einer der Nachbarn. Ein anderer erinnert sich an große Dankbarkeit, als er der Gruppe ein altes Fahrrad überlassen hatte. "Einer hat mir einmal seine Hilfe angeboten, als ich bei der Gartenarbeit war." Dementsprechend groß ist nun in der gesamten Straße die Überraschung. Tatsächlich gibt es auch keine Informationen zu terroristischen Aktivitäten in Deutschland. Die Bundesanwaltschaft bestätigt, dass sich tatsächlich alle Vorwürfe auf Taten beziehen, die sich im Irak ereigneten.

Propaganda für den IS

In Dortmund und Bottrop wurden am Mittwoch zwei weitere mutmaßliche IS-Terroristen verhaftet. Alle vier sollen aus der Stadt Al-Rutba stammen und spätestens ab 2013 beim Islamischen Staat aktiv gewesen sein. Der in Bottrop festgenommene Mohammed Rafea Yaseen Y. soll schon seit 2006 durch Terroraktionen wie Sprengstoffanschläge gegen US-Soldaten aufgefallen sein. Der in Dortmund festgenommene Hasan Sabbar Khazaal K. stellte laut Pressemitteilung des Bundesanwalts "für den 'Islamischen Staat' Propagandamaterial her und verbreitete dieses. Insbesondere filmte er Hinrichtungen, Bestrafungsaktionen und Einsätze des "IS" und bereitete die Videos auf. Anschließend zwangen Mitglieder des 'IS' die Bevölkerung von Al-Rutba, sich diese Videos anzuschauen."

Dagegen sind die Vorwürfe gegen die beiden in der Oberpfalz festgenommen Männer eher vage. Sie sollen in ihrer Heimat eine viermonatige militärische Ausbildung beim Islamischen Staat absolviert haben. "Im Anschluss daran nahm Muqatil Ahmed Osman A. ausgerüstet mit einer Schusswaffe aufseiten des "IS" an Kampfhandlungen teil und versah Wachdienste." Wieso sie sich dann als Flüchtlinge auf den Weg nach Deutschland gemacht haben, ist nur eine von vielen offenen Fragen.

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