15.05.2019 - 15:12 Uhr
Sulzbach-RosenbergDeutschland & Welt

Die Seele aus dem Leib singen

Wenn es bei Soul, R&B und Blues derzeit einen brandheißen Tipp gibt, dann ist es die Kanadierin Ann Vriend. Und sie hat auch an die Oberpfalz gute Erinnerungen.

Die Kanadierin Ann Vriend kehrt auf ihrer "Flame"-Tour auch nach Sulzbach-Rosenberg zurück.
von Anke SchäferProfil

Die leidenschaftliche und sozial engagierte Singersongwriterin kommt am Freitag, 17. Mai (20 Uhr) ins Capitol nach Sulzbach-Rosenberg. An ihren letzten Besuch in der Oberpfalz hat sie noch gute Erinnerungen aus dem letzten Jahr, wie sie im Interview berichtet.

ONETZ: Frau Vriend, auf Ihren neuen EP „Flame“ finden sich zwei Songs mit kanadischen Schulchören. Wie ist diese Zusammenarbeit entstanden?

Ann Vriend: Ich wurde von einem Schuldirektor gefragt, ob ich einen Song für seine Musik-Klasse schreiben und ein halbes Jahr später gemeinsam mit den Schülern bei einer Spendenaktion für die Schule aufführen könnte. Ich hatte aber noch einen zweiten Song, der besser zu jüngeren Stimmen passte. Der Direktor fand eine andere Schule und so habe ich beide Songs mit den zwei verschiedenen Klassen performt. Einem Mann im Publikum gefiel das so gut, dass er die Kosten einer Aufnahme inklusive Video und Gage für die Schüler übernahm. Eine Woche später stand ich also im Studio und nahm mit der ersten Gruppe (39 Grundschülerinnen aus Kriegsgebieten oder prekären Verhältnissen, alle traumatisiert, Anmerk. d. Red.) „It´s Happening“ und mit der zweiten Gruppe ( 15 Schüler der Highschool, Anmerk. d. Red.) „Flame“ auf. Es war eine anstrengende, aber sehr lohnende Erfahrung.

Ann Vriend und die Highlands Junior High Music Students

ONETZ: Der Titelsong „Flame“ setzt sich mit dem schwierigen Leben in Problemvierteln auseinander, „Hurt People Hurt People“ thematisiert den ewigen Kreislauf des Missbrauchs – beides Themen, die Ihnen besonders am Herzen liegen?

Ja. Ich lebe in Edmonton im berüchtigten Stadtteil McCauley, in dem viele Menschen unter sozialen Problemen und Armut leiden, und/oder Opfer des Kolonialismus sind, entweder im Ausland oder hier in Kanada. Ich selbst bin vor eineinhalb Jahren durch eine besonders schwierige Zeit gegangen, persönlich wie beruflich. In dieser Phase habe ich „Flame“ geschrieben, als eine Art Trost für mich selbst und auf der Suche nach meiner innere Stärke und Belastbarkeit, aber auch für mein Stadtviertel und unsere gesamte Gesellschaft.

ONETZ: Wenn Sie einen neuen Song schreiben, haben Sie dann erst den Text im Kopf oder erst die Musik?

Das hängt wirklich vom jeweiligen Song ab. Ich probiere gerne unterschiedliche Kombinationen aus, damit meine Songs unterschiedliche Grooves und Gefühle haben und damit ich nicht zu viele Versionen desselben Songs schreibe, weder musikalisch noch textlich.

ONETZ: In Ihrer Heimat Canada sind Sie eine berühmte Singersongwriterin, welches Feedback bekommen Sie in Europa und insbesondere in Deutschland?

In Deutschland ist das Feedback besonders in letzter Zeit wirklich großartig! In der Presse, im Radio, aber auch im direkten Kontakt mit dem Publikum bei den Live-Konzerten. In letzter Zeit kommt bei so ziemlich jedem Konzert mindestens einer, der mir sagt, von meiner Musik bekomme er Gänsehaut – das macht mich wirklich glücklich. Für mich ist die Musik eine Droge – eine gesunde, mit der man sich kathartisch besser fühlt und bei der andere Menschen fühlen, was man selbst fühlt. Es gibt auch keine negativen Nebenwirkungen.

ONETZ: Macht es für Sie irgendeinen Unterschied, ob Sie in großen Hallen oder in kleiner, gemütlicher Club-Atmosphäre auftreten?

Nicht wirklich: Ich gebe meine 110 Prozent und singe mir die Seele aus dem Leib, egal was passiert. Ich glaube, jedes Publikum verdient mein Bestes. Und ich glaube, damit habe ich es geschafft, mit der Zeit ein immer größeres Publikum zu gewinnen. Natürlich ist es für einen Künstler ein unglaubliches Gefühl, wenn ein riesiger Saal deine Songs mitsingt, dafür ist es bei einem kleinen Konzert viel intimer. Es hat also beides Vor- und Nachteile. Das Allerwichtigste ist aber ein gutes Soundsystem und ein guter Toningenieur, damit ich und meine Musiker nicht von technischen Dingen abgelenkt werden und wir uns voll und ganz auf die Musik konzentrieren können.

ONETZ: Ihre „Flame-Tour“ führt Sie in sechs Wochen durch 19 Städte in Deutschland und der Schweiz – brauchen Sie danach erst mal eine Pause oder ist es gar nicht so anstrengend, wie es sich anhört?

Haha – das kann bei den unendlich vielen Emails und der ganzen Logistik schon ziemlich stressig werden. Generell ist das ständige tägliche Reisen von Ort zu Ort ziemlich ermüdend. Und ja, es wird schön sein, nach sieben Wochen auf Tour wieder nach Hause zu kommen und im eigenen Bett zu schlafen! Die Herausforderung liegt für mich darin, mit den Erfahrungen, die ich mache, und den Leuten, denen ich unterwegs begegne, mitzuhalten und gleichzeitig bei all den geschäftlichen und öffentlichen Angelegenheiten auf dem Laufenden zu bleiben. Das ist ein Spagat (lacht).

ONETZ: Vor gut einem Jahr haben Sie ein begeisterndes Konzert im Capitol in Sulzbach-Rosenberg gegeben. Welche Eindrücke haben Sie damals mit zurück nach Kananda genommen?

Ich dachte, was für eine unglaublich schöne Stadt, ganz ehrlich, ich sage das nicht nur für dieses Interview. Ich erinnere mich an die Fotos, die ich gemacht habe und daran, dass mein Keyboard kurz vor dem Auftritt kaputt ging. Und da war dann ein Mann und sein Sohn, Matthias, die mir fürs Konzert ihr Keyboard geliehen und meines am nächsten Tag in ihrer Werkstatt repariert haben. Dafür war – und bin- ich extrem dankbar. Alle Menschen am Veranstaltungsort waren so freundlich, daher habe ich aus verschiedenen Blickwinkeln einen wirklich großartigen ersten Eindruck von Sulzbach-Rosenberg und ich freue mich sehr auf das Wiedersehen!

ONETZ: Gibt es etwas auf das Sie sich dabei besonders freuen?

Ich denke, ich freue mich auf ein – hoffentlich – weniger stressiges Setup mit einem NICHT kaputten Keyboard, damit ich die Leute, die ich beim letzten Mal getroffen habe, mehr genießen kann. Ich bringe diesmal auch mein Trio mit, Doug Organ (Hammond Orgel), Fendercase (Background Gesang), beide wundervolle Musiker, und meinen Superhelden Tour-Manager Allan Suarez. Sie sind ein wirklich tolles Team fürs gemeinsame Reisen und ich bin sehr stolz, sie meinem Publikum vorzustellen.

Info:

Service

Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unter Telefon 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/87290, www.nt-ticket.de und Abendkasse

Info:

Zur Person

Ann Vriend ist in Edmonton/Canada aufgewachsen, wo sie auch heute noch lebt. Mit drei Jahren wurde ihr musikalisches Talent entdeckt, als Vierjährige begann sie mit Geigenunterricht nach der Suzuki-Methode. Später studierte sie Musik im Hauptfach und wechselte von der Universität an eine Jazz- und Popschule. Im Jahr 2000 veröffentlichte sie ein Demo, das auf Anhieb zum Erfolg bei den Radiostationen der kanadischen Westküste wurde. Sie gewann das landesweite Ottawa Bluesfestes "She´s the One", wurde 2018 bei den Edmonton Music Awards für die beste R&B/Soul-Aufnahme des Jahres ausgezeichent und erhielt 2017 den Cobalt Music Prize und 2019 erneut für "It´s Happening". Mittlerweile hat sie 6 Alben und 2 EPs aufgenommen.

www.annvriend.com

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