02.06.2020 - 17:28 Uhr
Sulzbach-RosenbergDeutschland & Welt

Wiedersehen im September: Ingo Schulze nimmt zweiten Anlauf

Der Roman gerade frisch aus der Druckerei, die ersten Rezensionen veröffentlicht, vier Lesungen und einige Interviews absolviert – und dann war von jetzt auf gleich Schluss für Schriftsteller Ingo Schulze und „Die rechtschaffenen Mörder“.

Literaturhaus-Stammgast und Schriftsteller Ingo Schulze freut sich auf den Austausch mit den Oberpfälzer Lesern.
von Anke SchäferProfil
Buchcover

Zu den vielen Veranstaltungen, die die folgenden Wochen ausgefüllt hätten, gehörte auch ein Abstecher in die Oberpfalz. Corona hat diesen schon zur guten Tradition gewordenen Besuch verhindert, aber nicht aufgehoben. Im September wagt das Literaturhaus Oberpfalz einen neuen Versuch mit Abstand im Capitol. Der Blick in die spannende, bibliophile Vom-Paulus-Zum-Saulus-Gegenwartsvariation lohnt sich aber schon jetzt. Ein Interview über schwierige Dialoge, politische Geschichten und Corona.

ONETZ: Herr Schulze, bei Ihrem letzten Besuch im Literaturhaus Oberpfalz haben Sie dafür plädiert, mit den Anhängern von Pegida und AfD im Dialog zu bleiben. Haben Sie auch selbst weiterhin solche Gespräche gesucht oder haben Sie irgendwann aufgegeben?

Ingo Schulze: Es ist immer eine Gratwanderung gewesen, es kam und kommt auf die Situation und den Anlass an. Öffentlich hatte ich kaum noch die Möglichkeit dazu. Es geschieht meistens unerwartet, wenn etwas kommentarlos „weitergeleitet“ wird, bei dessen Inhalt ich mich dann frage, warum die oder der glaubt, dass ich das gern sehen und hören möchte. Da reagiere ich schon.

ONETZ: Hat die Auseinandersetzung mit dieser nach wie vor beunruhigenden gesellschaftlichen Entwicklung Ihre Hauptfigur Norbert Paulini mit geformt?

Ingo Schulze: Ja, natürlich, wobei man, wenn man über diese Figur spricht, auch immer den zweiten Aspekt parat haben muss, nämlich dass dieser Paulini im zweiten und dritten Teil des Buches als Projektion eines Schriftstellers zu lesen ist, also dass das, was man über ihn erfährt, durchaus nicht sicher ist (es gibt Figuren, die dieser Sicht widersprechen) und auch viel über jenen sagt, der das schreibt, über den Erzähler Schultze (mit tz), nicht zu verwechseln mit mir, dem Autor Schulze. Das klingt jetzt spitzfindig, ist es aber nicht, beim Lesen versteht man das problemlos.

ONETZ: Bis Paulini ins Straucheln gerät, ist er geschätzter Antiquar, literarisch hoch gebildet und kultiviert. Schützen am Ende also weder Literatur noch Philosophie davor, von den Bitternissen des Lebens in die ideologische Sackgasse getrieben zu werden?

Ingo Schulze: Es gibt ja solche und solche Geschichten und die Deutung von Literatur, die man als Leser selbstredend immer auch vornimmt, spielt dabei eine große Rolle. Es ist auch immer ein Wettstreit oder Kampf von Geschichten. Wie ich Vergangenheit und Gegenwart erzähle, ist sehr politisch. Und natürlich wurden Kriege immer von Intellektuellen vorbereitet, die ihren Namen zwar nicht verdienen, aber gebildete und intelligente Menschen waren und sind. Meines Wissens stellten Akademiker während der NS-Zeit den größten Anteil an Parteimitgliedern.

ONETZ: Gerade in diesen Wochen stehen wieder Menschen unverschuldet vor den Trümmern ihrer Existenz. Wie groß ist die Sorge, dass Ihre Geschichte einer Radikalisierung vielfach Realität wird?

Ingo Schulze: Die Zeit von Mitte März bis jetzt hat deutlich gemacht, wo die Stärken und Schwächen unserer Gesellschaft liegen. Mich hat das ja auch getroffen, plötzlich waren alle Lesungen weg, die ja eine wichtige Einnahmequelle sind und die Buchhandlungen geschlossen. Trotzdem finde ich es wichtig, unsere Gesellschaft danach zu befragen, was wir brauchen und wollen. Es war ja bis auf Schutzmasken, Klopapier und bestimmte medizinische Geräte nie eine Frage der Bedarfsdeckung. Es gibt wohl kaum jemanden, der jammert, weil es zu wenig Autos oder Bücher zu kaufen gibt. Meistens hat man ein Auto das fährt und genug Bücher im Schrank. Die Frage ist, wie komme ich über den nächsten Monat oder das nächste Jahr. Weil das vorherrschende ökonomische und politische Denken auf Wachstum ausgerichtet ist, das sich in Deutschland vor allem dem Export verdankt, sieht es dunkel aus. Es wäre eine Gelegenheit, grundsätzlich anders über die Organisation unseres Lebens nachzudenken, über eine andere Verteilung von Arbeit und sich materiell ausdrückender Wertschätzung. Ich gebe mich da keinen Illusionen hin, aber darüber würde ich beispielsweise mit Protestierenden sprechen.

ONETZ: Im Roman ziehen Sie eine Trennlinie zwischen lesenden Bücherliebhabern und Schriftstellern. Gefährdet Lesen die literarische Kreativität?

Ingo Schulze: Ganz im Gegenteil, wenn ich mehr Lesen würde, hätte ich viel mehr Anregungen und Ideen und würde viel mehr schreiben. Aber genau das ist es ja: Ich greife oft zu einem Buch, von dem ich hoffe, dass es nichts mit dem zu tun hat, was mich gerade unmittelbar beschäftigt. Aber sobald mir das Gelesene gefällt, denke ich darüber nach, ob ich das nicht auch mal so versuchen sollte, was ich davon gebrauchen könnte, ich streiche an und und und. Wenn ein Komponist eine Melodie, einen Rhythmus, ein Geräusch hört, so fragt er sich das vielleicht auch. Ich meine die Sehnsucht, einfach nur Leser zu sein, allein mit dem Buch und meiner Imagination, ohne Macherabsichten.

ONETZ: Im Rahmen einer großen Lese-Tour hätten Sie natürlich auch wieder im Literaturhaus Oberpfalz Station gemacht. Was war das für ein Gefühl, als plötzlich eine Veranstaltung nach der anderen abgesagt wurde?

Ingo Schulze: Zum Glück soll die Lesung am 15. September nachgeholt werden, auch wenn man dann mit größeren Abständen voneinander sitzen muss. Natürlich war es finanziell ein Tiefschlag. Aber was mir besonders fehlt, ist der Austausch mit dem Publikum. Ich lerne ja wirklich mein Buch erst im Gespräch mit anderen kennen. Ich hatte vier Lesungen mit Publikum, bevor das nicht mehr möglich war, da merke ich jetzt vor allem bei Interviews, dass mir die Anregungen der Lesungen sehr fehlen.

ONETZ: Man könnte jetzt vermuten, dass Schriftstellern eine solche Isolations-Situation gelegen kommt, um ablenkungsfrei am nächsten Werk zu arbeiten. Konnten Sie die notwendige Ruhe und Konzentration dafür aufbringen?

Ingo Schulze: Nicht so recht, ich war ja gerade darauf eingestimmt, mit dem Buch in die Welt zu ziehen. Andererseits ist es für mich keine Strafe, mit der Familie zu Hause zu sein, zumal unsere Kinder fünfzehn und älter sind, also doch ziemlich selbständig. Aber wirkliche Arbeitsruhe kam bei mir nicht auf. Dafür verunsicherte mich die ganze Situation doch zu sehr. Ich habe eine Kurzgeschichte geschrieben, aber sonst ist nicht viel geworden.

ONETZ: Bei unserem letzten Interview war Ihnen gerade der Rheingau-Literatur-Preis 2017 zuerkannt worden. Haben Sie wenigstens noch ein paar Fläschchen des damit verbundenen Riesling-Deputats für die vermutlich noch länger andauernde Krisen-Phase im Keller?

Ingo Schulze: Oh, wenn es danach ginge, wäre schon längst die nächste Lieferung fällig gewesen!

Info:

Zum Buch und Lesung

Der für den Leipziger Buchpreis 2020 nominierte Roman "Die rechtschaffenen Mörder", 320 Seiten, Hardcover, ist am 4. März im S.Fischer Verlag erschienen und kostet 21 Euro.

Die Lesung mit Ingo Schulze und Moderator Thomas Geiger (Literarisches Colloquium Berlin) findet voraussichtlich am Dienstag, 15. September um 19.30 Uhr im Capitol in Sulzbach-Rosenberg statt. Eintritt 10 Euro.

Ingo Schulze im Rennen um Buchpreis

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