"Surreal": So erleben Oberpfälzer, die in Amerika leben, die Proteste

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Nach dem Tod von George Floyd versammeln sich Demonstranten in amerikanischen Städten. Oberpfälzer, die in Amerika leben, erzählen, wie es ihnen in der aktuellen Situation geht.

Hanz Jouissance streckt zum Abschluss einer Mahnwache seine Faust in die Höhe. Landesweite Proteste richten sich nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners Floyd durch einen weißen Polizisten gegen Rassismus und Polizeigewalt. Die teils schweren Ausschreitungen in verschiedenen US-Metropolen dauern seit mehreren Tagen an.
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

Brennende Autos, geplünderte Geschäfte, kreisende Polizeihubschrauber, Pfefferspray, Blendgranaten. Dazwischen Demonstranten, die den Tod von des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz in Minnesota anklagen, gegen Polizeigewalt und Rassismus protestieren.

"Man fühlt sich ein bisschen wie im Kriegsgebiet", sagt Miriam Lindner. Die 28-Jährige ist in Sulzbach-Rosenberg aufgewachsen und im Februar nach Seattle gezogen. "Die Demonstranten laufen auf ihrer Route direkt an meinem Wohnzimmerfenster vorbei. Es ist alles sehr surreal." Angst habe sie keine, zumindest nicht vor den Protestierenden. "Ich bin schwarz, es betrifft mich also direkt. Ich habe mich eher gefragt, wie die Polizei reagieren würde, wenn ich mich zu weit aus meinem Fenster lehne. Gleich hier um die Ecke wurden Menschen, die einfach auf ihrer Veranda standen, von Polizisten mit Pfefferspray besprüht."

Besonders schockiert ist sie vom Durchgreifen der Polizei: Bis Dienstagmittag, erzählt sie, seien gut 12 000 Dienstaufsichtsbeschwerden abgegeben worden. "Zum Beispiel wurden kleine Mädchen mit Pfefferspray besprüht, Blendgranaten trafen die Menge, Polizisten fixierten den Hals von Verhafteten. Letzteres ist deshalb so besonders tragisch, weil ja George Floyd genau deshalb gestorben ist."

Während es am Wochenende Ausschreitungen vonseiten der Demonstrierenden gegeben hatte, beobachtete sie die Tage darauf vor allem Ausschreitungen von Polizeiseite. "Es gab in Seattle auch Polizisten, die mit den Demonstranten knieten - mir kommt es aber so vor, als hätte die Polizei da die Chance auf ein öffentlichkeitswirksames Foto genutzt."

Man fühlt sich ein bisschen wie im Kriegsgebiet.

Miriam Lindner, lebt in Seattle

USA: Polizeigewalt viel sichtbarer

In Deutschland, so erzählt die 28-jährige Dolmetscherin, sei sie nie so direkt mit ihrer Hautfarbe konfrontiert gewesen. "Ich kann an zehn Fingern abzählen, wie oft ich mit Rassismus konfrontiert wurde. Und an fünf, wie oft das verletzend war."

Auch Eric Fraunholz, Geschäftsführer des Deutsch-Amerikanischen Instituts Sachsen, bestätigt: Man könne die Polizeigewalt in den beiden Ländern nicht vergleichen. Der 33-Jährige ist in einer deutsch-amerikanischen Familie in Grafenwöhr direkt neben dem Truppenübungsplatz aufgewachsen. "In Deutschland herrscht vor allem Solidarität - und auch Verwirrung. Eine solche Dimension von Polizeigewalt kennen wir nicht." Nicht, weil sie hier nicht existiere, betont er, auch schwarze Deutsche seien betroffen. Doch in den USA sei sie viel sichtbarer. "Die Dimension der Polizeigewalt in Amerika kann man sich schwer vorstellen - vor allem nicht als weißer Deutscher." Er betont außerdem: "Es ist sehr schwierig, die Lage einzuschätzen. Die Bilder, die ich seit Tagen sehe, sind erschreckend - und vor allem chaotisch. Auf der Straße sind Menschen, die sich für die Bürgerrechtsbewegung und gegen Rassismus einsetzen - und dann gibt es noch andere Gruppen, die die Demonstrationen für ihre Zwecke benutzen wollen. Außerdem sind auch Polizisten auf der Straße." Fraunholz meint, die Protestierenden seien ein Querschnitt der amerikanischen Bevölkerung. "Ganz normale Menschen. Und nicht, wie Trump twittert, nur linksradikale Anhänger der Antifa."

#blacklivesmatter - Kommentar zu den Protesten in den USA

Weiden in der Oberpfalz

"Ich fühle mich sehr hilflos"

Silvia Hodges Silverstein, die in Weiden aufwuchs und nun seit 13 Jahren in den USA lebt, fühlt sich, als würde sie eine Weidener Sage durchleben: "Klaus Füsslein sah der Sage nach die Stadt Weiden niederbrennen und konnte nicht helfen. In meinem Fall brennt nicht Weiden nieder, sondern Amerika. Ich fühle mich sehr hilflos." Hodges Silverstein wohnt eigentlich in New York, lebt gerade aber in Naples, Florida. Die 49-Jährige wundert es nicht, dass gerade so viele Menschen auf die Straße gehen "Da ist schon lange etwas absolut nicht in Ordnung." Der Tod von George Floyd habe den Topf nun zum Überlaufen gebracht. Wer vom alltäglichen Rassismus nichts mitbekomme, müsse sprichwörtlich "unter einem Stein" leben, sagt sie.

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