Konstruktiver Austausch zum Wolf

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Der Wolf ist in der Oberpfalz präsent – in der Natur und in den Köpfen der Menschen. Markus Martini ist seit einem Jahr Wolfsbeauftragter. Er erklärt, warum es für die Weidetierhaltung nicht unbedingt sinnvoll ist, einen Wolf zu töten.

Wolfsbeauftragter Markus Martini ist selbst Schafshalter.
von Eva-Maria Hinterberger Kontakt Profil

Seit etwas mehr als einem Jahr ist Markus Martini Wolfsbeauftragter für die Oberpfalz. In den vergangenen Monaten hat der 29-Jährige, der selbst Schafe hält, einen guten Einblick in die Oberpfalz mit ihrer Natur, ihren Tieren und Menschen erhalten. Im Interview erzählt er, wie sich die Region hinsichtlich des Wolfs in den vergangenen Monaten verändert hat und was in seinen Augen der nächste wichtige Schritt im Wolfsmanagement ist.

ONETZ: Herr Martini, seit Oktober 2019 sind Sie Wolfsbeauftragter für die Oberpfalz. Wie war das erste Jahr?

Markus Martini: Es war ein sehr interessantes und ereignisreiches Jahr. Ich bin viel herumgekommen und durfte die schöne Oberpfalz kennenlernen. Spannend ist es zum Beispiel, Wolfshinweisen nachzugehen. Das ist ein bisschen wie Detektivarbeit – auch wenn die Spuren manchmal im Sand verlaufen. Auch bin ich bereits sehr vielen interessanten Menschen begegnet.

ONETZ: Gibt es ein Ereignis, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Markus Martini: Bei einer Veranstaltung in einer Volksschule habe ich mir mit den Schülern angeschaut, wie man die Fährte eines Wolfs erkennt. Außerdem hatte ich einen präparierten Schädel dabei, den die Kinder interessiert und neugierig begutachtet haben. Am Schluss kamen zwei Kinder zu mir und meinten, dass ihnen diese Veranstaltung für immer in Erinnerung bleiben wird.

ONETZ: Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass Kinder dem Wolf anders gegenüber stehen als Erwachsene?

Markus Martini: Ich glaube, Kinder sind meist unvoreingenommen und neugierig. Ich kann mich an nur eine Situation erinnern, in der ein Kind den Wolf von vorneherein negativ gesehen hat. Es meinte, dass ein Wolf viel gefährlicher sei als ein Hund. Da konnte ich es aber beruhigen: Seit es wieder Wölfe in Deutschland gibt, kam durch sie kein Mensch zu Schaden

ONETZ: Sind Ihnen auch negative Erlebnisse aus dem vergangenen Jahr in Erinnerung geblieben?

Markus Martini: Das sind vor allem Situationen, in denen bei Gesprächen kein konstruktiver Austausch zustande gekommen ist. Nicht alle Menschen stehen einer Diskussion offen gegenüber. Ich kann die Bedenken der Weidehalter verstehen und nachvollziehen, dass sie nicht jubeln und sagen „Hurra, der Wolf ist da“. Aber wer an einem konstruktiven Austausch interessiert ist, stößt bei mir auf offene Ohren.

Markus Martini erzählt, wie er mit den Ängsten der Bevölkerung umgeht

Theuern bei Kümmersbruck

ONETZ: Haben Sie das Gefühl, dass sich die Oberpfalz im vergangen Jahr bezüglich des Wolfs verändert hat?

Markus Martini: Das Thema ist bei den Menschen präsent. Die meisten sind nach meinem Eindruck vor allem an Fakten interessiert: Wo gibt es wie viele Wölfe? Es gibt aktuell eine Seminararbeit einer Schülerin, die Menschen zu genau diesem Thema befragt hat. Dabei kam heraus, dass heute rund 70 Prozent der Befragten den Wolf befürworten. Mit vielen Weidehaltern, die dem Wolf gegenüber skeptisch waren, klappt die Zusammenarbeit mittlerweile ganz gut. Ob und wie viele Weidetierhalter ihre Meinung zum Wolf revidiert haben, kann ich aber nicht einschätzen. Für mich ist es wichtig, gemeinsam Wege zu einem konfliktarmen Miteinander von Wolf und Mensch zu finden.

ONETZ: Und hat sich in der Natur etwas geändert?

Markus Martini: Wir haben nach wie vor das standorttreue Rudel im Veldensteiner Forst sowie das Wolfspaar auf dem Truppenübungsplatz in Grafenwöhr. Sowohl in diesem als auch im vergangenen Jahr gibt es Nachweise von Tieren, die durch die Region ziehen. Im vergangenen Jahr hatten wir keine Risse von Nutztieren. In diesem Jahr gab es zwei Risse im Landkreis Neustadt/WN.

ONETZ: Stichwort Veldensteiner Forst: Das Muttertier des Rudels wurde vergangenen September bei einem Verkehrsunfall getötet. Was denken Sie, wie es mit dem Rudel weitergehen wird?

Markus Martini: Die Welpen aus dem Veldensteiner Forst waren zum Zeitpunkt, als die Wölfin ums Leben kam, bereits einige Monate alt. Sie waren nicht mehr auf die Mutter angewiesen. Wir gehen davon aus, dass die Welpen vom Rudeln gut versorgt wurden. Ob und wohin die Jährlinge abwandern, wissen wir nicht. Genauso wenig können wir sagen, ob eine neue Wölfin zum Rudel kommt oder der Vater sich möglicherweise mit einer Tochter paart. Das lässt sich vielleicht später anhand genetischer Spuren der Welpen nachvollziehen.

Mehr über den Tod der Wölfin aus dem Veldensteiner Forst

Pegnitz

ONETZ: Noch darf der Wolf nur in Ausnahmefällen abgeschossen werden, wenn das Tier also zum Beispiel besonders aggressiv ist oder Vergrämungsmaßnahmen nicht funktionieren. Wird es aufgrund der zunehmenden Anzahl von Wölfen in Zukunft aber nötig sein, die Wolfspopulation einzudämmen?

Markus Martini: Der Wolf ist ein sowohl national als auch international geschütztes Tier. Das Bayerische Landesamt für Umwelt ist zuständig für das Monitoring und Management in Bayern. Der Umgang mit dem Wolf und mögliche Schutzmaßnahmen sind im Aktionsplan Wolf klar definiert.
Studien haben gezeigt, dass es zu einer größeren Anzahl von Nutztierrissen kommen kann, wenn große Beutegreifer, zu denen der Wolf gehört, bejagt werden. Wenn man Wölfe schießt, die schon Erfahrung mit Zäunen gemacht und gelernt haben, dass sie da nicht drüber kommen, geht diese Erfahrung im Rudel verloren. Diesen Tieren folgen neue Wölfe nach, die diese Erfahrung erst wieder neu machen müssen, so dass vermehrt Übergriffe auf Nutztiere stattfinden.

ONETZ: Und was ist Ihrer Meinung nach der aktuell wichtigste nächste Schritt im Wolfsmanagement?

Markus Martini: Die Herdenschutzförderrichtlinie muss kurzfristig in Kraft treten, damit Weidetierhalter richtig unterstützt werden können.

Info:

Nachgefragt beim Landesamt für Umwelt

Wie wird die Bevölkerung eigentlich über einen Wolfsnachweis informiert? „Auf unserer Internet-Seite zum Wolfsmonitoring werden alle erstmaligen Wolfsnachweise (C1) dokumentiert“, erklärt eine Sprecherin des Landesamts für Umwelt (LfU). Unter einem C1-Nachweis versteht man einen eindeutigen Nachweis: Zum Beispiel sichere Belege für die Anwesenheit von Wölfen durch überprüfte Fotos, oder DNA-Ergebnisse. Durch den Wolf verursachte Nutztierrisse gebe das LfU zudem per Pressemitteilung bekannt. Zudem informierte das LfU auf Nachfrage darüber, dass noch nicht entschieden sei, ob es die bislang befristete Stelle des Oberpfälzer Wolfsbeauftragten über den Herbst 2020 hinaus geben werde.

Wolfsmonitoring beim Landesamt für Umwelt

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