Der mit dem Wolf arbeitet

Markus Martini ist seit November Wolfsbeauftragter für die Oberpfalz. Sein Ziel: Wolf und Landwirtschaft unter einen Hut bringen.Nicht nur in der Theorie.

Ein Wolf steht im Tierpark Hexentanzplatz in seinem Freigehege. In der Oberpfalz gibt es nach derzeitigem Stand acht Wölfe.
von Eva-Maria Hinterberger Kontakt Profil

Anfang November hat Markus Martini sein Büro im Kultur-Schloss Theuern bezogen. Als Wolfsbeauftragter informiert der 28-Jährige seitdem über Wölfe in der Oberpfalz, ist Ansprechpartner für Tierhalter und Menschen ganz allgemein. Im Interview verrät er, warum vom Wolf eigentlich keine Gefahr für den Menschen ausgeht, wie er mit Ängsten der Bevölkerung umgeht und wie er zum Wolf steht. Denn: Martini ist selbst Schafshalter.

Markus Martini ist seit November Wolfsbeauftrager für die Oberpfalz.

ONETZ: Herr Martini, Sie sind der Wolfsbeauftragte für die Oberpfalz. Haben Sie schon einmal einen Wolf in freier Wildbahn gesehen?

Markus Martini: Nicht in der Oberpfalz, aber in der Lausitz habe ich im November vier Wölfe beobachten können. Das war schon ein sehr seltener Anblick.

ONETZ: Und wie sind Sie Wolfsbeauftrager geworden?

Markus Martini: Ich fand schon immer Natur und Wildtiere spannend. Mit meiner jetzigen Aufgabe möchte ich die Belange von Natur- und Artenschutz und Landwirtschaft unter einen Hut bringen, Kompromisse finden. Denn der Wolf ist ein Arten- und Naturschutzthema, er hat aber Konsequenzen für die Gesellschaft, unter anderen die Weidetierhaltung.

ONETZ: Was sind Ihre Aufgaben?

Markus Martini: Ganz offiziell bin ich in einem Projekt angestellt zu Kommunikation und Information zum Thema Wolf in der Oberpfalz. Dementsprechend habe ich viel mit Öffentlichkeitsarbeit zu tun und halte viele Präsentationen. Dort informiere ich unter anderen zum Stand der Wölfe in Bayern und der Region. In der Oberpfalz sind es nach derzeitigem Kenntnisstand acht Tiere. Ich bekomme aber auch Anfragen von Privatpersonen. Aktuell wollte jemand wissen, ob eine Gefahr durch Wölfe besteht, wenn er zusammen mit der Enkelin ausreitet.

ONETZ: Was haben Sie geantwortet?

Markus Martini: Dass es keinen Grund zu besonderer Vorsicht gibt. Ich halte es für sehr unrealistisch, dass da etwas passiert. Wölfe meiden Menschen normalerweise, aber nicht unbedingt menschliche Strukturen, wie Wege oder Straßen. Bei Jungwölfen auf der Suche nach einem neuen Territorium kann es zum Beispiel passieren, dass sie an menschlichen Strukturen vorbeikommen. Im Winter ist ein geräumter Weg auch für einen Wolf angenehmer.

ONETZ: Wenn wir dem Wolf also nichts tun, tut er uns auch nichts?

Markus Martini: Der Wolf ist weder böse noch gut. Man sollte Respekt vor dem Wolf als Wildtier haben

ONETZ: Ihre Arbeit klingt nach viel Theorie. Kommen Sie auch raus?

Markus Martini: Das ist nicht so - ich bin auch viel unterwegs. Ich treffe mich mit Nutztierhaltern und Verbandsvertretern, halte Vorträge und unterstütze bei Erstbegutachtungen. Zum Beispiel habe ich im Januar die Erstbegutachtung des Wolfs, der in Regenstauf von einem Zug überfahren wurde, durchgeführt und den Wolf für weitere Untersuchungen nach Hof ans Landesamt für Umwelt gebracht. Mittlerweile liegen die Ergebnisse der genetischen Untersuchung vor. Das Tier ist aus Brandenburg zugewandert.

Der Tote Wolf kommt aus Brandenburg

Maxhütte-Haidhof

ONETZ: Also sind Sie der erste Ansprechpartner, wenn ein toter Wolf gefunden wird?

Markus Martini: Nein, der Meldeweg sollte immer über die Fachstelle Große Beutegreifer beim Landesamt für Umwelt gehen. Dort gibt es eine Hotline mit Rufbereitschaft auch am Wochenende.

ONETZ: Sie haben eine Halbtagsstelle, was machen sie die restliche Zeit?

Markus Martini: Ich bin von Montag bis Mittwoch hier in Theuern. Die restliche Zeit verbringe ich auf dem Bauernhof meiner Familie mit Schafhaltung und Forstwirtschaft. Ich sehe unsere Tiere durch den Wolf übrigens nicht in Gefahr.

ONETZ: Wie reagiert Ihr Umfeld darauf, dass Sie - selbst Schafshalter - nun als Wolfsbeauftragter arbeiten? Gibt es da Konflikte?

Markus Martini: Bisher hatte ich nur positives Feedback. Da meine Aufgabe ist, zur Lösung von Konflikten beizutragen und ich beide Welten kenne, kann ich offen auf alle zugehen.

ONETZ: Hört man sich in der Bevölkerung um, wird deutlich: Die Menschen haben Angst vor dem Wolf. Wie gehen Sie damit um?

Markus Martini: Ängste muss man ernst nehmen. Man muss es aber auch realistisch betrachten. Vor vielen Sachen fürchten wir uns, obwohl das Risiko gering ist, bei anderen Sachen hat man recht wenig Bedenken, obwohl ein großes Risiko besteht. So ist die Einstellung gegenüber Hunden zum Beispiel bei den meisten Menschen sehr positiv, nichtsdestotrotz gibt es da jedes Jahr viele Vorfälle. Mit Wölfen ist in Europa und auch in Deutschland in den letzten 40 Jahren nichts passiert.

ONETZ: Was muss denn passieren, dass ein Wolf getötet werden darf?

Markus Martini: Menschliche Sicherheit hat immer Priorität. Bereits jetzt dürfen verhaltensauffällige Wölfe, die die Scheu vor dem Menschen verloren haben oder aggressiv auftreten, entnommen werden, wenn andere Maßnahmen wie Vergrämung nicht greifen. Das gleiche gilt, wenn ein Wolf gelernt hat, ausreichend dimensionierte Herdenschutzzäune zu überwinden.

ONETZ: Bei diesen Beispielen handelt es sich um auffällige Tiere. Wie sieht es mit dem Abschuss des Wolfs allgemein aus?

Markus Martini: Der Wolf ist ein EU-weit streng geschütztes Tier. Eine Änderung dieses Schutzstatus ist derzeit nicht absehbar.

ONETZ: Wird der Wolf die Oberpfalz verändern?

Markus Martini: Der Wolf ist bereits Teil unseres Ökosystems geworden: Veldensteiner Forst und Grafenwöhr. Und auch wenn die meisten Menschen nie einen Wolf zu Gesicht bekommen werden, wird es Gruppen geben, die Veränderungen erfahren werden – wie Jäger, Jagdpächter oder Weidetierhalter. Der Herdenschutz wird aufwändiger werden. Ich sehe diese Debatte aber auch als Chance. Der Wolf zieht viel Aufmerksamkeit auf sich. Dass so auch die Probleme, die Schäfer und Weidetierhalter schon ohne den Wolf haben, ein wenig mehr in den gesellschaftlichen Fokus rücken.

ONETZ: Was wünschen sich die Oberpfälzer selbst in Zusammenhang mit dem Wolf?

Markus Martini: Konkret befürchten die Weidetierhalter Schäden an ihren Tieren. Sie warten auf die Etablierung eines effektiven Herdenschutzes und eines entsprechenden Förderprogramms. Weiter wünschen sich die Weidetierhalter ein bayerisches Herdenschutzzentrum nach Schweizer Vorbild.

ONETZ: Und wie sehen Ihre nächsten Projekte konkret aus?

Markus Martini: Am 12. März eröffnet hier im Kultur-Schloss Theuern die Ausstellung "Die großen Vier" über Bär, Wolf, Luchs und Mensch. Außerdem ist eine kurze Filmreihe zum Thema "Wölfe in Spielfilmen" geplant, um die Darstellung von Wölfen in Filmen zu hinterfragen. Im Frühjahr will ich zudem mit einem Kleintierfachberater Weidetierhalter besuchen, um mich mit ihnen zum Thema Herdenschutz auszutauschen.

Info:

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Wolf durch den Menschen an vielen Orten ausgerottet. Der letzte Wolf Bayerns wurde laut Bund Naturschutz in der Oberpfalz geschossen – im Jahr 1882 bei einer Treibjagd in Ausläufern des Fichtelgebirges. Der letzte Wolf Deutschlands starb 1904 in der Lausitz. Nach Bayern zurückgekehrt sind die Tiere vor 13 Jahren: 2006 konnten Experten den ersten Wolf anhand genetischer Spuren nachweisen. In der Oberpfalz tappte im Jahr 2016 zum ersten Mal ein Wolf in eine Fotofalle – am Truppenübungsplatz in Grafenwöhr. Mittlerweile gibt es nach aktuellen Erkenntnissen in der Region acht Tiere: ein Paar in Grafenwöhr, sowie sechs Tiere im Veldensteiner Forst. Den ersten nachgewiesenen bayerischen Nachwuchs gab es laut Bund Naturschutz im Jahr 2017. Da tappten drei kleine Wolfswelpen in eine Fotofalle im Bayerischen Wald.

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