22.01.2021 - 19:35 Uhr
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Kampf um den Süd-Ost-Link im Schatten der Pandemie

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Die Pandemie verdrängt auch die Planung des Süd-Ost-Links von der Tagesordnung. Im Hintergrund aber laufen bereits Kämpfe um den konkreten Verlauf. Und auch die Gegner der Trasse mobilisieren weiter.

Die Planungsabschnitte des Süd-Ost-Links.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Für Großprojekte wie die 523 Kilometer lange 525-kV-Gleichstromtrasse zwischen Wolmirstedt (Sachsen-Anhalt) und dem Netzknoten Isar bei Landshut brauchen die Planer einen langen Atem: Von der Entscheidung bis zur Umsetzung fließt nicht nur viel Wasser die Isar hinab.

Die politischen Rahmenbedingungen können sich in der jahrzehntelangen Planungsphase genauso verändern, wie der Widerstand gegen die Trasse den Verlauf der Erdkabel.

Untersuchungsrahmen erlassen

Die Bundesnetzagentur hat inzwischen den Untersuchungsrahmen für alle Abschnitte des Süd-Ost-Links erlassen. "Tennet hat diesen Untersuchungsrahmen für die weiteren Planungen wie die Feintrassierung für jeden Abschnitt zu berücksichtigen", stellt ein Sprecher auf Anfrage von Oberpfalz-Medien fest. "Neben fachlichen Aspekten sind auch kleinräumige Alternativen durch die Bundesnetzagentur ausgewiesen worden, welche wir als gleichwertig zu betrachten haben."

So soll der Süd-Ost-Link durch Bayern verlaufen

Inzwischen hat der niederländische Konzern mehrere Hundert in der Oberpfalz betroffene Eigentümer angeschrieben. Gegen den Untersuchungsrahmen gibt es derzeit keine Rechtsmittel. Allerdings hat Wolfgang Baumann, prominenter ehemaliger Anti-WAA-Anwalt, ein Eilverfahren beim Bundesverwaltungsgericht dagegen angestoßen: "Wir sagen, ein Verfahren, das zum Teil schon zehn Jahre dauert und noch einige Jahren dauern kann, bietet keinen Rechtsschutz."

Eigentümer angeschrieben

Den Eilantrag einer bayerischen Stadt gegen bodenkundliche Voruntersuchungen hat das Bundesverwaltungsgericht allerdings am Donnerstag abgewiesen. "Wir erwarten jeden Moment die Entscheidung", sagt Baumann, der die Kommunen Wunsiedel, Marktredwitz und Niederaichbach, den Bund Naturschutz in Bayern, den Landesverband Bayern der Deutschen Gebirgs- und Wandervereine sowie einige Grundstückseigentümer vertritt.

Bis Ende 2021 will Tennet die planungsreifen Unterlagen vorlegen. Dann folgt erneut eine öffentliche Auslegung samt Anhörung und ein Erörterungstermin, ehe die Bundesnetzagentur den Planfeststellungsbeschluss fasst. Dieser schafft Baurecht. Gegen den Planfeststellungsbeschluss kann dann vor dem Bundesverwaltungsgericht geklagt werden.

Die wichtigsten Streitpunkte zwischen Tennet und den Trassengegnern im Überblick:

Besteht überhaupt Bedarf für diese Trasse?

Voraussetzung für den Bau ist der nach dem Bundesbedarfsplan 2013 festgestellte Bedarf: "Nach unserer Auffassung ist der Plan veraltet", sagt Baumann. "Nach einem Gutachten von Professor Lorenz Jarass besteht für Bayern kein Bedarf."

Tennet hält dagegen: "Die Bundesnetzagentur hat diesen Bedarf geprüft und die Notwendigkeit zuletzt im Netzentwicklungsplan 2030 (2019) - belegt."

Kritik des Rechnungshofs

"Der Bundesrechnungshof bezifferte die Gesamtkosten für die HGÜ-Leitungen auf 95 Milliarden Euro und monierte, dass keine Kosten-Nutzen-Analyse stattfand."

Tennet erwidert: "Darin sind nicht nur Kosten für den Bau aller HGÜ-Leitungen, sondern auch für die Ertüchtigung und den Bau aller Höchstspannungsleitungen auf Wechselstromebene enthalten."

Auswirkungen auf die Umwelt

Die Auswirkungen auf die Umwelt seien gravierend, sagt Baumann und nennt das Beispiel Marktredwitz: "Die Leitung verläuft zwei Kilometer durch das Tal der Kösseine, wo 1985 einer der größten Umweltskandale Europas aufgedeckt wurde." Die Böden um die stillgelegte Chemiefabrik waren metertief verseucht. "Der Sanierungsplan des Landesamtes für Umwelt sieht vor, die Ufer zu verfestigen und alles ruhen zu lassen."

Tennet verspricht dagegen: "Im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens werden bekannte Belastungen (wie Quecksilbervorkommen) berücksichtigt und untersucht."

Zwei Prototypen für Erdkabel mit drei Adern unter einer Hochspannungsleitung.

Koppelung von Sektoren

Das Energiewirtschaftsgesetz schreibe vor, verschiedene Sektoren zu koppeln. Das sei nicht nur möglich, Tennet selbst verweise inzwischen auf diese Lösung: "Vorstandsvorsitzende Manon van Beek warnt im Handelsblatt, dass ansonsten die Kosten für die Netze davon galoppierten und der Ausbau politisch nicht mehr tragbar sein könne." Deshalb schlage sie vor: "Die Umwandlung von Windenergie im Norden in Wasserstoff und den Transport über Gasleitungen in den Süden."

CEO Manon van Beek beziehe sich darauf, dass damit ein zusätzlicher Strom-Netzausbau vermindert werden kann, erklärt ein Tennet-Sprecher.

Keine Autobahntrasse

Die Bündelung der Leitungen entlang der Autobahn A93, wie sie viele CSU-Mandatsträger in der nördlichen Oberpfalz forderten, verfolge Baumann dagegen nicht.

Energiewende gar kein Thema mehr?

Baumann stellt außerdem fest, dass Tennet selbst nicht mehr widerspreche, wenn die Trassengegner bezweifelten, der Süd-Ost-Link wäre essenzieller Baustein der Energiewende.

"Diese Aussage weisen wir entschieden zurück", widerspricht Tennet. Der Süd-Ost-Link ist ganz klar ein essentieller Baustein der Energiewende."

Zähes Ringen um den Süd-Ost-Link

Tirschenreuth
Info:

Technische Daten

  • Leistung: 2 GW
  • Spannung: ±525 kV
  • Übertragung: Gleichstrom
  • Länge: 523 Kilometer (Sachsen-Anhalt: 191,2 km; Thüringen: 82,8 km; Bayern: 260,3 km).
  • Netzbetreiber: Tennet TSO und 50-Hertz Transmission
  • Konvertertyp: VSC (Voltage Source Converter) als „Rigid Bipol“ mit einseitiger Erdung und symmetrischer Spannungslage von Plus- und Minus-Kabel, ohne metallischem Rückleiter.
  • Planung in der Oberpfalz: Abschnitt C Landesgrenze Thüringen bis Schwandorf und D Schwandorf bis Regensburg.
  • Kosten: 5 Milliarden Euro (nach Angaben von Tennet). Die Bundesregierung will das überregionale Stromnetz für sehr viel Geld ausbauen. 95 Milliarden Euro sind bis zum Jahr 2035 veranschlagt, davon allein 15 Milliarden Euro für die Gleichstromerdkabel „Südlink“ und „Südostlink“. Davon 5 Milliarden Euro für den Süd-Ost-Link.

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