17.04.2019 - 14:58 Uhr
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Leidensweg und Auferstehung aus Lindenholz

Bei Krippen denkt wohl jeder an Weihnachten, an die Geschehnisse um die Geburt Christi. Seltener sind sogenannten Passionskrippen, die in der Fasten- und Osterzeit vom Leiden, Sterben und der Auferstehung Christi erzählen.

Die Passionskrippe der Familie Kühn in der Pfarrkirche in Tirschenreuth.
von Norbert Grüner Kontakt Profil

Bei Krippen denken die meisten Menschen sicher an Weihnachten, an die Geschehnisse um die Geburt Christi. Seltener sind die sogenannten Passionskrippen zu finden, die in der Fasten- und Osterzeit vom Leiden, Sterben und der Auferstehung Christi erzählen.

Der Tirschenreuther Leonhard Kühn hat so eine Passionskrippe, in der 22 geschnitzte Szenen vom letzten Abendmahl über die Kreuzigung bis hin zur Auferstehung die Passions- und Osterzeit zeigen. Das Vorbild dafür fand Leonhard Kühn vor über 35 Jahren in der Pfarrkirche in Landsberg am Lech. Er war augenblicklich fasziniert von der Ausdrucksstärke der Darstellungen. Neben der Krippenlandschaft lagen Broschüren aus, in der sämtliche Darstellungen abgebildet und beschrieben waren.

Eine davon nahm er mit nach Hause. Von da an ließ ihn der Gedanke an eine eigene Passionskrippe nicht mehr los. Und die Figuren sollten so aussehen wie die, die er in Landsberg entdeckt hatte. Leonhard Kühn ist selbst in der Schnitzergruppe der Tirschenreuther Krippenfreunde aktiv. Die Passionskrippe sollte aber ein wirklicher Profi fertigen. Der Bildhauer Jaruslav Sekyra in Pilsen war als solcher bekannt. War deshalb, weil er vor kurzem verstorben ist. Die Besonderheit des tschechischen Künstlers: Er schnitzte alles aus einem einzigen Lindenholzblock heraus, egal ob Einzelfigur oder aufwändige Figurengruppe. Dabei benutzt er keine Maschine sondern arbeitet ausschließlich mit Messern. Allein bei der Kreuzabnahme der Kühn-Passionskrippe sind das sage und schreibe 13 Einzelfiguren. Mit der Dokumentation die Leonhard Kühn aus Landsberg mitgebracht hatte reiste er 2013 nach Pilsen.

Seither bestellte er jedes Jahr bestellte eine neue Szene. Heute beherbergt seine Passionskrippe mehr als 70 Figuren, dargestellt in 22 Szenen. Rund drei Monate brauchte Sekyra im Durchschnitt für eine. Beim Schnitzen habe er sich durchaus künstlerische Freiheiten herausgenommen, sagt Kühn. Bei der Kreuzigungsszene etwa: Da schwebt ein Engel über dem Schächer, der rechts neben Jesus gekreuzigt wurde und seine Vergehen bereut. Zwei der Darstellungen in der Kühn-Passionskrippe haben ihre Vorbilder in der Tirschenreuther Pfarrkirche. Die Kreuzigungsszene ist der Darstellung auf dem Hochaltar-Reliefbild nachempfunden. Die Kreuzabnahme einem Gemälde des kurfürstlich-bayerischen Hofmalers Johann Caspar Sing (1651 – 1729), das über dem rechten Seitenaltar hängt.

Nicht immer seien die Figuren zum vereinbarten Zeitpunkt fertig geworden. Jaroslav habe dann immer gesagt: „No ja, hobe ich halt nur zwei Hände“, schmunzelt Kühn. Nachdem die letzte Szene fertig war, hatte Leonhard Kühn den Wunsch, die Figuren fassen (bemalen) zu lassen. Diesen Auftrag erledigte Franz Schindler aus Murnau, laut Kühn einer der besten Fassmeister im Land. Einige Figuren aus der großen „Musl-Weihnachtskrippe“ (siehe Kasten), dienten dem Meister dabei als Vor-

lagen. Den Figuren in der Passionskrippe sollten die typische der Tirschenreuther Figuren entsprechen, erklärt Kühn.

Seit fast zwei Jahrzehnten ist die Passionskrippe in der Fasten- und Osterzeit in der Stadtpfarrkirche ausgestellt, seit sechs Jahren mit gefassten Figuren.

Bischof Rudolf Voderholzer ist bekanntermaßen ein echter Krippenfan. Als er die Passionskirche in der Stadtpfarrkirche gesehen hat, war er genauso begeistert, wie damals Leonhard Kühn als der in Landsberg am Lech vor dem Original stand. Kühn fuhr mit ihm ins Nachbarland zu Jaruslav Sekyra. Nach kurzer Verhandlung stand fest, der Künstler schnitzt auch für den Bischof eine Passionskrippe, mit dem Unterschied, dass er seine Figuren mit 30 Zentimetern in der Höhe bestellte, fast drei Mal so hoch wie die von Leonhard Kühn. Als Fassmeister für die Krippe des Bischofs konnte ebenfalls Franz Schindler gewonnen werden. Erst kürzlich war eine Abordnung der Tirschenreuther Krippenfreunde beim Bischof in Regensburg und besichtigte die große Passionskrippe.

Leonhard Kühn (rechts) war mit einer Abordnung der Tirschenreuther Krippenfreunde bei Bischof Rudolf Voderholzer. Im Hintergrund die Passionskrippe, die der Bischof nach dem Vorbild der Kühn-Krippe nachempfinden ließ
Info:

Die Musl-Krippe

1498 ist die Familie Leonhard Kühn in Tirschenreuth erstmals urkundlich erwähnt. Am Maximilianplatz, dort wo heute die Sparkasse ist, war das Stammhaus der alteingesessenen Bierbrauer und Gastronomen. Nach dem großen Stadtbrand am 30. Juli 1814, bei dem Tirschenreuth praktisch komplett zerstört worden ist, errichtete Christomus Kühn eine Brauerei.

Von dem heute längst vergessenen außergewöhnlichen Vornamen leitet sich der Hausname „Musl“ ab, erzählt Leonhard Kühn, der in Tirschenreuth der„Musl-Harde“ genannt wird. Aus dieser Zeit stammt auch die große Landschafts-Weihnachtskrippe der Familie. Sieben Meter lang und eineinhalb Meter breit ist die Grundplatte auf der rund 1000 Figuren und zahlreiche Gebäude Platz finden. Darunter der „Musl-Harde“ höchstpersönlich vor seinem Gasthaus. Bei der großen Gemeinschafts-Ausstellung der Tirschenreuther Krippenfreunde im Museumsquartier, die im Januar zu Ende ging, war ein großer Teil dieser Krippe zu sehen. (tr)

Die Passionskrippe der Familie Leonhard Kühn ist bis nach Ostern in der Tirschenreuther Pfarrkirche ausgestellt.

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