20.09.2019 - 12:27 Uhr
TirschenreuthDeutschland & Welt

Preis für Martina Sötje: Positive Energie für 400 Mitglieder

Einst hatte Martina Sötje nur nach Rollstuhlfahrern gesucht, mit denen sie Basketball spielen konnte. Daraus ist die Leitung eines knapp 400 Mitglieder starken Vereins geworden; eine Aufgabe, die längst ehrenamtliches Engagement sprengt.

Oberpfalz-Medien-Redakteur Wolfgang Benkhardt, Deskleiter für den Landkreis Tirschenreuth, hat Martina Sötje für die Lichtblicke-Aktion vorgeschlagen. „Sie sind mir sofort als erstes eingefallen“, sagte er bei der Übergabe des Gutscheins.
von Gabi EichlProfil
Die Faschingsveranstaltungen des Vereins sind Großereignisse; die Gäste kommen aus dem ganzen Landkreis und aus der tschechischen Partnerstadt Plana.

Die Selbsthilfegruppe Behinderte und Nichtbehinderte (SHG), ein eingetragener Verein, ist 1993 Sötjes Anlaufstelle auf der Suche nach sportbegeisterten Rollstuhlfahrern. Aus der Basketball-Gruppe wird nichts, dafür gründet sie in dem Verein eine allgemeine Sportgruppe. Macht den Übungsleiterschein - und zieht ein Jahr später weg, der Liebe wegen. Ihre Sportgruppe wie auch der Verein sind entsetzt, denn damals schon zeigte sich, dass da eine Führungspersönlichkeit zum Verein gestoßen war. 12 Jahre später kehrt Martina Sötje zurück, den Kontakt zum Verein hatte sie auch in der Ferne gehalten. Und dann geht alles schnell. Ehe sie sich versieht, ist sie Vorsitzende des Vereins (www.shg-tirschenreuth.de), sitzt im Netzwerk Inklusion, in der psychosozialen Arbeitsgemeinschaft, im Inklusionsbeirat, im Stadtrat, wird Behindertenbeauftragte der Stadt.

Die Verwaltung eines so großen Vereins allein wäre ein Vollzeitjob; Martina Sötje verwaltet aber nicht nur, sie ist Teil dieser großen Gemeinschaft und sie nimmt vor allem Anteil an den einzelnen Schicksalen - beinahe rund um die Uhr. Ein junger Mann etwa mit psychischen Problemen hat regelmäßig die Weihnachtstage bei ihr und ihrer Familie verbracht. Dabei bräuchte Sötje selbst hin und wieder Zuspruch; der Motorradunfall, der sie als 15-jährige Schülerin in den Rollstuhl zwingt, zerstört nicht nur ein Bein, sie erleidet dabei auch schwere innere Verletzungen, die ihr heute noch zu schaffen machen. Aber kaum erzählt sie davon, schüttelt sie schon wieder lachend den Kopf und sagt, es sei ganz gut, dass der Verein sie so mit Beschlag belege, dadurch habe sie keine Zeit zum Jammern oder Grübeln.

Und Jammern oder Grübeln ist so gar nicht ihr Ding. Viel lieber erzählt sie von den Faschingsfeiern des Vereins, die inzwischen zu Großereignissen geworden sind. Jede Gruppe trägt etwas zu der Veranstaltung bei, die Vorbereitungen laufen das ganze Jahr. Diese Selbsthilfegruppe in ihrer ganzen Bandbreite zu beschreiben, erforderte eine eigene Doppelseite. Sötje sagt: „Manchmal weiß ich gar nicht mehr, was alles los ist.“ Denn los ist in diesem Verein dauernd etwas. Es gibt die verschiedensten Untergruppierungen, vom MS-Stammtisch bis zum Bergtrupp oder der Segelgruppe. Enge Kontakte werden zur tschechischen Partnerstadt Plana gepflegt.

Martina Sötje investiert die 500 Lichtblicke-Euro in Benzin für den Vereinsbus. Die Fahrtkosten sind eines der größten Probleme des Vereins; jede Sportstunde für eine größere Gruppe koste zwischen 200 und 300 Euro, sagt Sötje. Die kleinen Gruppen könnten den Vereinsbus nutzen, aber für größere müsse der Verein den Malteser Hilfsdienst in Anspruch nehmen, und der koste.

Die Vorsitzende hat heute auch ihr Rollstuhl-Basketball; die Gruppe nimmt am Miteinander-Sporttag des Landkreises am 12. Oktober in der Mehrzweckhalle in Kemnath teil.

Zur Person:

Martina Sötje verliert als 15-jährige Schülerin bei einem Motorradunfall ein Bein. Das ist nur der sichtbare Folgeschaden des schweren Unfalls, vieles andere, an dem sie noch 40 Jahre später leidet, sieht man nicht. Sie lernt bei der AOK den Beruf der Sozialversicherungsangestellten, ohne zu ahnen, wieviel von dem gelernten Wissen sie später einmal für ein ehrenamtliches Engagement wird brauchen können, das sie sehr viel mehr fordert als jeder Beruf. Die 56-jährige Behindertenbeauftragte der Stadt Tirschenreuth, die mit Mutter, Tochter und Enkeltochter unter einem Mehrgenerationen-Dach wohnt, ist inzwischen in Rente, ehrenamtlich stemmt sie gleichzeitig ein Arbeitspensum, das jeden Acht-Stunden-Tag in den Schatten stellt.

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