02.08.2019 - 16:20 Uhr
TirschenreuthDeutschland & Welt

Raus aus dem Teufelskreis

Wenn Eltern psychisch krank sind, hat das auch für ihre Kinder Folgen. Aber diese lassen sich zumindest begrenzen, ist Sozialpädagogin Elke Pinkert überzeugt. Ein Kurs soll helfen.

Psychische Erkrankungen betreffen immer die ganze Familie.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Unter dem Titel "Das Miteinander stärken" plant die Mitarbeiterin der Caritas-Beratungsstelle für psychische Gesundheit in Tirschenreuth ein Angebot für psychisch kranke Eltern von Kindern im Alter zwischen 3 und 12 Jahren. Und das nicht zum ersten Mal: Eigentlich sollte der Kurs bereits im Frühling stattfinden, aber "leider hat sich damals niemand gemeldet". Doch Pinkert gibt nicht auf, dafür ist ihr das Thema zu wichtig. Die Sozialpädagogin hofft nun, beim zweiten Anlauf im Herbst endlich durchstarten zu können.

Elke Pinkert arbeitet als Sozialpädagogin bei der psychosozialen Beratungsstelle der Caritas in Tirschenreuth.

Es sei schon schwierig genug, den normalen Alltag mit Kindern zu bewältigen und allen Anforderungen durch Beruf, Familie und Freizeit gerecht zu werden, sagt Pinkert. "Das fordert allen Eltern viel Kraft, Geduld, Konsequenz und Durchhaltevermögen ab." Komme dazu aber noch eine psychische Erkrankung, steige die Gefahr der elterlichen Überforderung. "Dann kann ein Teufelskreis entstehen."

"Für viele Kinder stellt die Erkrankung der Eltern eine starke Belastung dar und bereitet ihnen Probleme. Diese kindlichen Probleme erhöhen die elterlichen Sorgen und Belastungen und beeinflussen auf diese Weise wiederum die psychische Erkrankung der Eltern", erklärt Pinkert. Um so wichtiger sei es, dass die Erwachsenen einen "guten Kompass" in Erziehungsfragen hätten: "Wenn ich eine psychische Krankheit habe, muss ich noch möglichst gut meine Erziehungskompetenz sichern." Dabei helfe unter anderem eine klare Kommunikation, die liebevoll Grenzen setze und die Kinder nicht überfordere. "Sie übernehmen sonst zu viel Verantwortung für die Erwachsenen und suchen häufig die Schuld für die Probleme der Eltern bei sich."

Der Kurs ist ein äußerst intensives Training und wir arbeiten viel mit Rollenspielen.

Sozialpädagogin Elke Pinkert, Caritas Tirschenreuth

Im Prinzip sei das neue Angebot nichts anderes als ein Erziehungskurs, der Elemente aus der systemischen Therapie, der Bindungstheorie und der Verhaltenstherapie kombiniere. Es gehe neben der Stärkung der Erziehungskompetenz auch um Psychoedukation, also den Umgang mit der Krankheit, und den Aufbau eines Unterstützungssystems. Aus Büchern könne man all das nur schwer lernen, glaubt Pinkert. "Der Kurs ist ein äußerst intensives Training und wir arbeiten viel mit Rollenspielen." Dadurch erlebten die Erwachsenen ihr Handeln auch einmal aus der Perspektive ihrer Kinder.

Manchmal helfen spielerische Ansätze, um ein handfestes Problem zu veranschaulichen.

Pinkert legt außerdem Wert darauf, im Kurs selbst vorzuleben, was sie an theoretischem Wissen vermittelt. "Das Wichtigste ist, stets wertschätzend zu agieren." Die Kursteilnehmer sollen lösungsorientiert handeln lernen und Neues ausprobieren. "Es geht mir nicht darum, Defizite aufzuzeigen, sondern die Eltern sollen sagen, ,dieser kleine Schritt ist mir schon gelungen'. Es müssen nämlich gar nicht immer die ganz großen Schritte sein."

Warum es im ersten Anlauf nicht geklappt hat mit dem Kurs, auch darüber hat Elke Pinkert natürlich nachgedacht. "Manche Eltern haben vermutlich Angst, dass sie in einer solchen Gruppe noch zusätzlich das Leid der anderen mitkriegen", glaubt sie. Diese Angst sei jedoch unbegründet: "Wir machen hier ein Training, es geht ums Ausprobieren." Auch unterliege man der Schweigepflicht: "Kein Arzt, kein Jugendamt, niemand erfährt etwas." Grundvoraussetzung ist selbstverständlich die Krankheitseinsicht der Teilnehmer. Eins sei klar - niemand brauche sich für eine psychische Erkrankung zu schämen: "Denn das kann wirklich jeden treffen", betont Elke Pinkert.

Kursangebot:

Das Miteinander stärken

Das Angebot der Caritas-Beratungsstelle für seelische Gesundheit bzw. des sozialpsychiatrischen Dienstes für Weiden, Neustadt/WN und Tirschenreuth umfasst einen Grund- und einen Aufbaukurs. Beide laufen über je viermal drei Stunden, also insgesamt 24 Stunden. Die Leitung übernimmt Diplom-Sozialpädagogin Elke Pinkert, die auch Ausbildungen zur systemischen Familientherapeutin und Familien-Team-Trainerin absolviert hat.

Der gesamte Kurs ist bis auf 10 Euro "Kopiergeld" für die Teilnehmer völlig kostenfrei. Zeit und Ort richten sich weitestgehend nach den Möglichkeiten und Wünschen der Interessenten. Unter anderem hierfür bittet die Beratungsstelle um ein unverbindliches Vorgespräch: Kontakt unter Telefon 09631/798950 oder info[at]spdi-tirschenreuth[dot]de (m)

Hintergrund:

Psychische Erkrankungen betreffen stets die ganze Familie und haben viele Gesichter. Eltern können an Persönlichkeitsstörungen, Depressionen oder Psychosen leiden, aber auch eine Abhängigkeit, zum Beispiel von Alkohol, zählt dazu. In Deutschland leben etwa 3,8 Millionen von insgesamt rund 13 Millionen Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahren mit mindestens einem psychisch erkrankten Elternteil zusammen.

Anders als die meisten körperlichen Erkrankungen sind psychische Leiden auch heute noch stigmatisierend. Betroffene Familien verheimlichen deshalb oft ihre Probleme. Dadurch mangelt es den Kindern vielfach an der Unterstützung, die gerade sie dringend nötig hätten.

Angst, Überforderung, Wut, Schuld- und Schamgefühle sowie eine allgemeine Sprachlosigkeit belasten die Jungen und Mädchen sehr. Sie haben nicht zuletzt deshalb ein deutlich erhöhtes Risiko, später selbst psychisch zu erkranken. Betroffene Eltern fühlen sich zwar häufig mit ihren Erziehungsaufgaben überfordert, haben aber zugleich Angst, sich zu öffnen und Hilfe zu holen. Hinzu kommt, dass es gerade in einer ländlich strukturierten Region wie der Oberpfalz abseits größerer Ballungszentren kaum unterstützende Angebote für solche Familien gibt.

(m)

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