05.10.2020 - 17:36 Uhr
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Tschechischer Corona-Experte: „Wir sind Schwejks, wir brauchen klare Ansagen“

Nach dem Lockdown im März schien Tschechien die Corona-Krise im Griff zu haben. Nach einem wilden Party-Sommer schnellt die Zahl der Infizierten in die Höhe. Jürgen Herda kommentiert die Lage im Nachbarland.

Prager stehen Schlange an der Sammelstelle am Wenzelsplatz, um sich auf Covid-19 testen zu lassen.
von Jürgen Herda Kontakt Profil
Kommentar

Die Gründe für den rasanten Anstieg der Corona-Neuinfektionen in der Tschechischen Republik sind vielschichtig. Experten und Beobachter rätseln über die Ursachen, denn das Verhalten der Tschechen war nicht viel anders als hierzulande, wo die Zahlen zwar ebenfalls ansteigen. Lange aber nicht so stark wie vor allem im Großraum Prag und der Grenzregion zur Slowakei.

Nach dem erfolgreichen Shutdown Mitte März sprach man in Tschechien von einem „wilden“ Sommer. Partys waren in Prag an der Tagesordnung, die Mundschutzpflicht wurde abgeschafft, sogar in Lebensmittelläden verzichtete man auf Masken. Als Ende August der inzwischen zurückgetretene Gesundheitsminister Adam Vojtěch die Maßnahmen verschärfen wollte, pfiff ihn Ministerpräsident Andrej Babiš zurück.

Von Babiš zurückgepfiffen

Bei den Kreiswahlen scheint dem Premier, dem die Opposition Versagen in der Corona-Krise vorwirft, das nicht geschadet zu haben. Seine ANO-Bewegung errang wieder eine Mehrheit. Allerdings bei einer Wahlbeteiligung von lediglich 38 Prozent. Gerade besorgte ältere Wähler dürften zu Hause geblieben sein. Babiš bremste dem Notstand zum Trotz gleich wieder den Elan des neuen Gesundheitsministers Roman Prymula, der sich an Israels massiven Beschränkungen orientieren wollte.

Jan Kynčl, Leiter der Abteilung für Epidemiologie von Infektionskrankheiten am Staatlichen Institut für öffentliche Gesundheit, fordert in einem Interview mit der Tageszeitung Mladá Fronta Dnes „strenge Maßnahmen“, weil sich die Tschechen im Gegensatz zu westlichen Ländern nicht an Empfehlungen von Experten halten würden: „Wir sind Schwejks, wir brauchen klare Ansagen.“

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