07.10.2019 - 17:56 Uhr
Deutschland & Welt

Verband: In Bayern fehlen mindestens 10 000 Lehrkräfte

Vor jeder Klasse steht ein Lehrer - mit dieser Aussage will Kultusminister Piazolo Entwarnung für den bayerischen Schulbetrieb geben. Der Lehrerverband sieht das naturgemäß anders. Und er warnt vor der aufziehenden Grippesaison.

Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), äußert sich auf einer Pressekonferenz des Lehrerverbandes BLLV zum Lehrermangel.
von Jürgen UmlauftProfil

An den bayerischen Grund- und Mittelschulen herrscht nach Einschätzung des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) nach dem Schulstart vor vier Wochen akuter Lehrermangel.

Der Verband widerspricht damit anderslautenden Erklärungen von Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler). "Es reicht nicht aus, wenn vor jeder Klasse ein Lehrer steht", sagte BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann in München. Dass der Pflichtunterricht mit Mühe und Not abgedeckt sei, erfülle nicht die Erwartungen von Lehrkräften und Eltern an die heute erforderliche Bildungsqualität. Zu dieser gehörten auch Erziehungsaufgaben und individuelle Förderung. Beides sei in der gegenwärtigen "krisenhaften Situation" vielfach nicht mehr zu schaffen.

Reserve aufgebraucht

Nach einer bayernweiten BLLV-Umfrage wenige Wochen nach Schuljahresbeginn ist die Unterrichtsgrundversorgung überall im Land sichergestellt. Das zusätzliche Angebot an Neigungsgruppen und spezieller Förderung tendiere jedoch "gegen Null", berichtete BLLV-Vize Gerd Nitschke.

Auch sei die mobile Lehrerreserve für das kurzzeitige Einspringen bei akuten Erkrankungen aufgrund zahlreicher Langzeitvertretungen vielerorts bereits aufgebraucht. Bei der nächsten Grippewelle drohten daher massive Unterrichtsausfälle. Die Rückmeldungen aus den Schulen zeigten zudem, dass die Klassengrößen steigen und immer mehr Lehrkräfte ohne die erforderliche Qualifikation eingesetzt würden.

"Der Brand ist nicht gelöscht, der Lehrermangel ist konkret, und die Lage ist alles andere als rosig", kommentierte Fleischmann die Umfrage. Für jeden sichtbar sei der Lehrermangel beim Unterrichtsausfall. Im vergangenen Schuljahr seien über alle Schulen verteilt neun Prozent der Stunden nicht planmäßig gehalten, sagte Fleischmann. Das seien konkret 6,2 Millionen Unterrichtsstunden. Komplett ausgefallen sei eine Million Stunden (1,5 Prozent. Für einen Gymnasiasten bedeuteten diese Zahlen, dass er bis zum Abitur "mehr als ein Schuljahr lang" keinen planmäßig gehaltenen Unterricht gehabt habe, rechnete Fleischmann vor: "Das finde ich armselig."

Nach Einschätzung der BLLV-Präsidentin wird sich die Lage weiter verschärfen. Laut Prognose des Kultusministeriums werde die Zahl der Schüler in Bayern bis 2025 um rund 135 000 steigen. Allein um die heutige Lehrer/Schüler-Relation zu halten, müssten bis dahin 10 000 zusätzliche Lehrkräfte eingestellt werden. Pädagogische Verbesserungen und ein qualitativ hochwertiger Ganztag seien darin noch nicht eingerechnet. Fleischmann forderte Piazolo auf, "endlich langfristig wirkende Maßnahmen" für eine den heutigen Qualitätsansprüchen gerecht werdende Lehrerversorgung an den Schulen zu ergreifen. Sie nannte als Forderungen eine flexiblere, schulartübergreifende Lehrerbildung, attraktivere Arbeitsbedingungen und eine höhere Einstiegsbesoldung für Grund- und Mittelschullehrer.

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