01.07.2018 - 22:05 Uhr
VilseckDeutschland & Welt

"Was kann ich dafür, dass ihr mich alle liebt"

Lola rennt. Von einem Liebhaber zum anderen, von einer Stadt zur anderen. Die "Montez" lässt sich einfach treiben, das aber in einem ungeheuren Lebenstempo. Gut möglich, dass die berühmte "spanische Tänzerin" dabei auch in Vilseck landete.

Der Abgang ist so überhastet wie die Ankunft: Nach einem Streit mit ihrem Geliebten Elias Peißner flieht Lola Montez (Barbara Trottmann) aus Vilseck. Bild: Tobias Schwarzmeier
von Tobias Schwarzmeier Kontakt Profil

Eine Lola Montez, die aus München flieht und in der Oberpfalz strandet? Die in einer Dorfwirtschaft auf den Tischen tanzt und Zoigl trinkt? An diesem historisch nicht verbürgten, aber "Hätte-sein-können"-Gedankenspiel setzt Bernhard Setzweins Stück "Lola Montez - die falsche Spanierin" an. Eine spritzige Komödie, die am Freitag in der ersten Theaterinszenierung auf der Burg Dagestein überhaupt eine rundum gelungene Uraufführung feierte.

Als Montez in Männerkleidung mit dem Studenten und Vilsecker Stadttürmersohn Elias Peißner in dessen Heimatstadt untertaucht, scheint sie am richtigen Ort. Ein Zwischenstopp, um abzuwarten, bis sich der Staub der Skandale, die sie als Mätresse des bayerischen Königs Ludwig aufgewirbelt hat, wieder legt. Für den verliebten Peißner, der Zukunftspläne schmiedet, ist es aber viel mehr. Derweil setzt München zwei vertrottelte Geheimpolizisten (Josef Götz und Jonas Dittrich) auf die Flüchtigen an.

Leicht könnte man versucht sein, den Freigeist Lola als frühe Feministin zu bezeichnen. Doch ihre Theorien über Männer und Frauen und die Macht in Beziehungen, die sie vor ihrem Zimmermädchen (Lisa Kreuz) ausbreitet, täuschen. Es ist nur eine verschwindend kleine Spur Emanzipation im überbordenden Egoismus der Narzisstin. Sprüche wie "Was kann ich dafür, dass ihr mich alle liebt" und "Ich lieb die Bühne. Ihr Männer, ihr könnt mir alle gestohlen bleiben" entlarven sie als Blenderin.

Törichter Idealist

Peißner ist das Gegenteil: ein idealistischer, gerechtigkeitsliebender Kopfmensch, der sich altruistisch um seine Mitmenschen sorgt und stark heimatverbunden ist. Auch als er später als eingewanderter Neu-Amerikaner überzeugt in den Bürgerkrieg zieht.

Barbara Trottmann und Patrik Götz spitzen mit spürbarer Spielfreude die charakterlichen Antipole der beiden Hauptfiguren immer weiter zu. So halten sie die Spannung zwischen ihren Figuren in der flüchtigen Liebesgeschichte über die gesamte Spieldauer hoch. Sogar bis hin zum letzten - fast unwirklichen - Treffen viele Jahre später in New York, das das dramatische Ende einleitet.

Ein Paar mit Spannungen: Lola Montez (Barbara Trottmann) und Elias Peißner (Patrik Götz). Bild: Tobias Schwarzmeier

Besonders Trottmann gschaftlt, kokettiert, lästert und poltert herrlich locker durch die unterhaltsame Handlung. Ihre freche Interpretation der Lola fängt dabei viel von der Faszination der zwielichtigen Mätresse ein. Dieser konnte sich bekanntlich selbst König Ludwig (wunderbar melodramatisch: Uli Scherr) nicht entziehen. Scherrs Version des bayerischen Monarchen ist eine denkwürdige: Wenn der lausbubenhafte Ludwig überlegt, seine renitenten Bayern gegen ein anderes Völkchen einzutauschen, vor seiner Frau die Liebe zu seiner Geliebten rechtfertigt oder hamletesk mit einem Gipsabdruck von Lolas Fuß diskutiert - stets erntet der nuschelnde Regent seine Lacher.

König Ludwig (Uli Scherr) vergöttert die Femme Fatale. Ein Gipsabdruck von Lolas Fuß tröstet den verlassenen, unglücklichen Monarchen. Bild: Tobias Schwarzmeier

Die Parallelhandlung Vilseck-München in Setzweins "bayerischer Staatskomödie" besticht durch schillernde Figuren in einer Zeit des Umbruchs, die der Chamer Autor mit viel knorrigem Oberpfälzer Lokalkolorit und Stereotypen mischt. Die Kombination aus intelligentem Witz mit Elementen des Bauernschwanks fließt in glaubwürdige Figuren ein.

Schlüssig entwickelt

In der geschliffenen Bearbeitung des Regie-Duos Till Rickelt/ Tina Lorenz (mit Assistentin Maria Friedrich) bekommen neben den Protagonisten auch alle anderen Darsteller des ambitionierten Laien-Ensembles ihre witzigen Momente. Vom Polizisten auf der Draisine über den G'stanzl-Sänger bis hin zum Pferdekutscher.

Fast zur Fantasy-Figur wird Peißners Vater, der Türmer Jakob (Alfons Wanninger), der stellenweise zum Erzähler mutiert. Mit mystischem, allumfassenden Fernblick im Turm - wirkungsvoll verstärkt durch die atmosphärische Kulisse der Burg - verknüpft er die losen Handlungsstränge. Nur er sieht, wie dramatisch es weitergeht, nachdem Lola erneut davonrennt. Und wohl nur er weiß, ob die Vilsecker mit dem Besuch der Montez ihren Enkeln eine wahre Geschichte erzählen.

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Weitere Aufführungen: 12. Juli, 13. Juli, 14. Juli, 15. Juli, 20. Juli, 21. Juli, 22. Juli, jeweils um 20 Uhr

Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unter Telefon: 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/8729-0


Die schlitzohrigen Vilsecker lassen Geheimpolizisten (Josef Götz und Jonas Dittrich, Mitte) ganz schön auflaufen. Dabei ist die Gesuchte Lola Montez (Barbara Trottmann, Zweite von rechts) ganz nahe. Bild: Tobias Schwarzmeier

Leidgenossen: Der König (Uli Scherr) und der Student (Patrik Götz). Bild: Tobias Schwarzmeier

Lola Montez, die "spanische Tänzerin" (Barbara Trottmann). Bild: Tobias Schwarzmeier

Die Geheimpolizei ermittelt - nicht besonders erfolgreich. Bild: Tobias Schwarzmeier

Lola Montez (Barbara Trottmann). Bild: Tobias Schwarzmeier

König Ludwig (Uli Scherr) im Zwiegespräch.. Bild: Tobias Schwarzmeier

Elias Peißner (Patrik Götz mit Barbara Trottmann) packt zu. Bild: Tobias Schwarzmeier

Die Geheimpolizei ermittelt - nicht besonders erfolgreich. Bild: Tobias Schwarzmeier

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