18.12.2018 - 17:13 Uhr
WackersdorfDeutschland & Welt

Zwischen Wasserwerfern und Gasgranaten

Seine Lebensgeschichte bietet wahrlich genug Stoff für ein Buch. Hans Schuierer ist die Oberpfälzer Symbolfigur des friedlichen Widerstands. Oskar Duschinger beschreibt sein Leben als Politiker, Mensch und WAA-Gegner.

"Unser Hans kummt!" Was da manchmal so jovial bei Versammlungen oder Festen von Bürgern des Landkreises Schwandorf geäußert wurde, war ein Zeichen dafür, dass Hans Schuierer ein Landrat zum Anfassen war. Das ist nun nachzulesen - auf über 400 Seiten.

Umfangreiche Recherchen waren dazu notwendig. Sie fanden statt im Keller von Wolfgang Nowak - den man ohne Übertreibung als lebendes Dokumentationszentrum des Widerstandes gegen die Wiederaufbereitungsanlage (WAA) Wackersdorf bezeichnen kann - im persönlichen Archiv von Hans Schuierer und in den Archiven regionaler und überregionaler Zeitungen. Herausgekommen ist ein Buch, das bis ins Jahr 1931 - sein Geburtsjahr - zurückgeht.

Hans Schuierer kommt als siebtes Kind einer Klardorfer Arbeiterfamilie auf die Welt. Sein Vater Max ist Kumpel im Braunkohlebergwerk und sehr früh Mitglied bei der SPD. 1929 und 1933 sitzt Max Schuierer im Klardorfer Gemeinderat. Weil er gegen das Hitler-Regime opponiert, landet er im KZ Flossenbürg. Von den Amerikanern 1945 befreit, wird ihm das Amt des Bürgermeisters von Klardorf übertragen. Alle jene Erlebnisse seines Vaters tragen sicherlich mit dazu bei, dass sich bei Schuierer der Sinn für Gerechtigkeit und der Mut zum Widerstand ausprägen.

Keine Amtsstuben

Duschinger zeichnet ein Bild von Hans Schuierers Lebensweg: Ortsvereinsvorsitzender der SPD in Klardorf, Kreistagsmitglied in Burglengenfeld, ehrenamtlicher und später hauptberuflicher Bürgermeister in Klardorf, 1970 Landrat von Burglengenfeld und schließlich, nach der Gebietsreform 1972, Landrat des neuen Großlandkreises Schwandorf. Es wird deutlich, mit welchem Geist Schuierer sein Amt ausübt. Bei der Einweihung des neuen Landratsamtes sagt er: "Es gibt in diesem Haus keine Amtsstuben mehr. Hier herrscht der Geist der Hilfsbereitschaft und der individuellen Beratung".

Eine Zeittafel rückt all die WAA-Vorkommnisse wieder ins Gedächtnis, beginnend bei den Spekulationen: Gorleben oder Wackersdorf? Im Februar 1982 beantragt die Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) ein Raumordnungsverfahren für drei Orte im Kreis Schwandorf.

Eine Region wehrt sich

Zu Beginn der Diskussionen steht Landrat Schuierer der WAA aufgeschlossen gegenüber, hat doch der Landkreis mit einer hohen Arbeitslosenzahl zu kämpfen. Als ihm schließlich bei einem Gespräch mit der DWK Baupläne vorgelegt werden, auf denen ein 200 Meter hoher Kamin eingezeichnet ist, stutzt er. Ihm wird erklärt, jener Kamin sei notwendig, um die austretenden Schadstoffe in einem weiteren Umkreis zu verteilen.

Von nun an beginnt Schuierer, die WAA kritisch zu hinterfragen - und entschließt sich, die Baupläne nicht zu bewilligen. Die Reaktion im Juli 1985: Gesetzesänderung - "Lex Schuierer" - und schon im September Erteilung der ersten atomrechtlichen Teilerrichtungsgenehmigung. Am 11. Dezember 1985 fallen schließlich die ersten Bäume im Taxöldener Forst. Was dann folgt, ist für viele Oberpfälzer Bürger auch noch nach drei Jahrzehnten in bester Erinnerung: Erstes Hüttendorf (16. Dezember, sofortige Räumung), erneute Platzbesetzung am 21. Dezember und Bau des zweiten Hüttendorfes "Republik Freies Wackerland". Das Gelände ist zum Pilgerziel für Zehntausende geworden, als am 5. Januar 1986 Gerhard Polt und die "Biermösl Blosn" aufspielen. Im Morgengrauen des 7. Januar leuchten schließlich die weißen Helme von Polizei und Bundesgrenzschutz (BGS) zwischen den Bäumen. Umzingelung, Festnahmen, erkennungsdienstliche Behandlung der Besetzer und letztendlich Bulldozzer, die die Holzhütten niederwalzen. Das Buch berichtet in chronologischer Reihenfolge von den Ereignissen am Baugelände.

Polizei und Wasserwerfer

An der Osterdemo 1986 nehmen mehr als 30 000 Bürger teil. Darunter auch Hans Schuierer - seine Rede ist im Buch nachzulesen. Nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl scheint der Widerstand gegen die WAA noch zuzunehmen. An Pfingsten schließlich die "Schlacht am Bauzaun": Ein BGS-Hubschrauber wirft Gasgranaten in die Menge, Chaos bricht aus, Polizeiautos brennen. Duschinger sammelt Kommentare zu den Vorfällen.

Knallende Sektkorken

Und nicht nur das. Er behandelt auch Themen wie das Disziplinarverfahren gegen Hans Schuierer, Einreiseverbote für Demonstranten aus Österreich, das Anti-WAA-Festival in Burglengenfeld mit mehr als 100 000 Teilnehmern, den Prügeleinsatz der Berliner Polizei am 10. Oktober 1987 und die juristischen Auseinandersetzungen vor den Verwaltungsgerichten, die sich mehrere Jahre hinziehen

Am 30. Mai 1989 um 10.39 Uhr läuft die spektakuläre Meldung der DWK über die Fernschreiber: Die Bauarbeiten an der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf werden (bis auf Konservierungsarbeiten) eingestellt. Tags darauf wird um 16 Uhr das Haupttor am Bauzaun symbolisch geschlossen. Pfarrer Richard Salzl und etliche WAA-Gegner feiern diesen Sieg spontan mit Sekt aus Masskrügen.

Ende gut, alles gut? Nach der Lektüre des Buches wird bewusst: Nicht ganz. Denn was in den Jahren zuvor alles von der bayerischen Staatsregierung unternommen worden war, um den Oberpfälzern die WAA aufs Auge zu drücken, das vergisst der Leser nicht so leicht.

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