Waidhaus
25.11.2018 - 17:25 Uhr

Reisen in Eisen

Immer wieder mittwochs: Tschechien und Deutschland tauschen Gefangene aus. Jede Woche kommt es bei der Bundespolizei Waidhaus zu einem sehr speziellen Transfer.

Ausgeliefert aus Tschechien, auf dem Weg in ein deutsches Gefängnis: Alexei W. (Zweiter von links) folgt Kommissar Michael Süß (Mitte) in den Gefangenentransport. Rechts Polizeioberkommissar Markus Bäuml und ein Kollege aus Pilsen. Links Johann Luber, Leiter Rückführung. Bild: fvo
Ausgeliefert aus Tschechien, auf dem Weg in ein deutsches Gefängnis: Alexei W. (Zweiter von links) folgt Kommissar Michael Süß (Mitte) in den Gefangenentransport. Rechts Polizeioberkommissar Markus Bäuml und ein Kollege aus Pilsen. Links Johann Luber, Leiter Rückführung.
Tschechische Polizisten (rechts) erklären Vladimir K. die Festnahme. Der Slowake wird von Deutschland nach Tschechien ausgeliefert. Links eine Beamtin und ihr Kollege der Polizei aus Weiden (Operativer Ergänzungsdienst), im Türrahmen Johann Luber, Leiter des Koordinationsbereichs Rückführung. Bild: fvo
Tschechische Polizisten (rechts) erklären Vladimir K. die Festnahme. Der Slowake wird von Deutschland nach Tschechien ausgeliefert. Links eine Beamtin und ihr Kollege der Polizei aus Weiden (Operativer Ergänzungsdienst), im Türrahmen Johann Luber, Leiter des Koordinationsbereichs Rückführung.

Jede Woche geht das so. Am Ende des Jahres werden es wohl 90 Straftäter sein, die auf der Dienststelle der Bundespolizei Waidhaus 2018 hin- und hergeschoben wurden. Mehr denn je. In der Vergangenheit waren schon ganz Große ihrer "Branche" darunter. Etwa der Vietnamese Long N. (47) aus Prag, der an der Entführung eines vietnamesischen Geschäftsmannes in Berlin beteiligt war. Long N. wurde nicht im "Zeiserlwagen" nach Berlin transportiert. Für ihn landete der "Super-Puma", ein Helikopter der Bundespolizei.

Spektakulär auch die Überstellung des Deutsch-Afghanen Harun P. Er war beteiligt, als 2014 ein Gefängnis in Aleppo gestürmt worden war. Seine Festnahme erfolgte in Prag. Bei der Auslieferung rollte er im gepanzerten Fahrzeug im Konvoi auf den Hof der Bundespolizei Waidhaus. "Und wurde hier in ähnlicher Größenordnung empfangen", erinnert sich Franz Völkl, Sprecher der Bundespolizei. Ein paar Tage später sieht Völkl den Dschihadisten dann auf ARD und ZDF wieder.

Zurück zum Buß- und Bettag. 9 Uhr. Der VW-Bus aus Pilsen kommt an. Polizeihauptkommissar Johann Luber, Leiter des Koordinationsbereichs Rückführung, begrüßt die drei tschechischen Kollegen. Ausgetauscht wird sich in einem Mix aus drei Sprachen: Tschechisch, Deutsch, Englisch. Ermittler Markus Bäuml wird geholt. Er spricht Tschechisch und kann bei Bedarf übersetzen.

Die Tschechen haben den gebürtigen Moldawier Alexei W. (Name geändert) dabei. 1,90 Meter groß, blaue Steppweste. Er wird in Handfesseln in das Erdgeschoss der Dienststelle geführt. Er ist blass, still, vielleicht schicksalsergeben. "Wir haben hier selten Schwierigkeiten mit Häftlingen", sagt Hauptkommissar Luber. Der Raum ist kahl. Zwei Stühle, ein Holztisch, eine Weltkarte. Die Tschechen übergeben 11 000 Euro. Diese Summe hatte Alexei W. bei seiner Ergreifung in Tschechien in der Tasche. Luber erklärt dem Mann die vorläufige Festnahme. Kollegen beider Nationen unterschreiben das Übergabedokument. Völkl: "Ab dieser Unterschrift gehört er uns."

Verteilung auf ganz Bayern

Auf Alexei W. ist ein europäischer Haftbefehl ausgestellt. Die Steuerfahndung Nürnberg sucht ihn wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe. Die mutmaßliche Autoschieber-Bande zählt neun Beschuldigte. In jedem nordbayerischen Gefängnis sitzt schon einer. Um Absprachen zu vermeiden, muss Alexei W. in die Justizvollzugsanstalt Augsburg gebracht werden. Vorher geht es noch zum Haftrichter nach Nürnberg.

Vor den Waidhauser Bundespolizisten Michael Süß und Albert Sittl liegt ein langer Tag. Alexei W. nimmt im Kleinbus der deutschen Bundespolizei Platz, einer Art fahrbaren Zelle. Die Tour durch Bayern kann losgehen. Über 500 Kilometer. Vor 20 Uhr werden die Beamten Süß und Sittl nicht zurück erwartet.

10.30 Uhr. Die Polizei Weiden fährt vor. Ihr Passagier: der kleine Slowake Vladimir K. Seine Hände sind vor dem Bauch gefesselt, um den das T-Shirt spannt. Eine Winterjacke hat er nicht. Der 52-Jährige ist vor einigen Monaten in Bernau am Chiemsee in Haft geraten. Die Prager Polizei fahndete nach ihm wegen Diebstahls von 50 000 Kronen (etwa 2000 Euro) aus einem Hotel in Prag. Auch in Deutschland ist er sechsfach wegen Diebstahls vorbestraft. Die Polizisten aus Weiden haben seine Habseligkeiten dabei. Einen verschnürten Karton, eine Uhr mit abgerissenem Band, 600 Euro in Scheinen.

Sie haben Vladimir K. an der JVA in Weiden aus dem Schubbus aus Nürnberg übernommen. Vladimir K. weiß schon gar nicht mehr, wo er ist. Bernau-München, München-Nürnberg, Nürnberg-Weiden, Weiden-Waidhaus. Wenn Gefangene durch Deutschland transportiert werden, werden sie in Sammeltransporten von Knast zu Knast geschafft. Dafür gilt ein fester Pendelfahrplan. Keine Seltenheit, dass ein Häftling wochenlang auf Reisen ist. Vladimir K. ist seit 16. November unterwegs.

Wie ein Trichter

Fast alle internationalen Auslieferungen laufen zentral über Waidhaus. "Wie über einen Trichter", beschreibt Völkl. Die Zulieferung erfolgt über den "Umlauf 18" - den Schubbus, der jeden Mittwoch aus Nürnberg kommt. Nordbayerische Inspektionen fahren aber auch selbst nach Waidhaus. Es gibt Mittwochvormittage, da trifft wie bei einer "Sternfahrt" ein halbes Dutzend Gefangener ein. Zum besseren Auseinanderhalten klebt auf jeder Akte ein schwarz-weißes Fahndungsfoto.

Waidhaus ist für die Tschechen ein idealer "Umschlagplatz". Die A6/E50 führt direkt ins Gefängnis Pilsen-Bory, der größten Haftanstalt auf tschechischem Boden mit fast 1000 Gefangenen. Dort geht die Reise auch für Vladimir hin. "Ahoi, Ahoi!", rufen die Pilsener Polizisten auf dem Weg zu ihrem VW-Bus. "Bis nächstes Mal."

Rückführungen aller Art:

Kaum eine Nation, die noch nicht durch Waidhaus kam. Am Dienstag war es eine Frau aus Nepal, die im Fernreisebus saß. Sie wurde „formlos“ nach Tschechien zurückgefahren, wo sie noch einen Tag Aufenthaltsrecht hatte. Ein Klassiker für die Bundespolizei ist die Studentin aus Frankreich, die fürs Prag-Wochenende den Ausweis vergessen hat und bei der Einreise eine Grenzübertrittsbescheinigung bekommt, mit der sie heimfahren kann. In 14 von 103 Dublin-Fällen – darunter sieben Männer und Frauen aus Nigeria und ein Mann aus Niger, eingereist im internationalen Fernreisebus oder Pkw – endete die Fahrt vor dem Haftrichter. Für sie führt der Weg in das EU-Land ihrer Erstregistrierung, meist Italien. Wegen Fluchtgefahr müssen sie die Zeit bis zum Flug in der Abschiebehaftanstalt Eichstätt in Haft verbringen.

Für eigene Verfahren steigen die Ermittler der Waidhauser Bundespolizei auch selbst in den Flieger, in diesem Jahr nach Sofia und Bukarest. Sie holten Schleuser, die in Bulgarien und Rumänien festgenommen worden waren, für die Staatsanwaltschaft Weiden ab. (ca)

 
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